1. Startseite
  2. Politik

Die vergessenen Opfer der Nazis: „Eine hörbare Stimme der Erinnerung“

Erstellt:

Von: Tatjana Coerschulte

Kommentare

Ein Eisenbahnwagon, in dem Häftlinge in das Konzentrationslager gebracht wurden, steht auf dem Gelände der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
Ein Eisenbahnwagon, in dem Häftlinge in das Konzentrationslager gebracht wurden, steht auf dem Gelände der Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme. © Marcus Brandt/dpa

Professor Frank Nonnenmacher über Menschen, die in der NS-Zeit als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden - und warum es wichtig ist, ihrer zu gedenken.

Herr Nonnenmacher, Sie möchten einen Verband gründen, um an eine weitgehend ignorierte NS-Opfergruppe zu erinnern – Männer und Frauen, die in der NS-Zeit als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ bezeichnet wurden. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Mein Onkel Ernst galt den Nazis als eine solche „Ballastexistenz“. Er wurde in den KZ Flossenbürg und Sachsenhausen gequält. Ich setze mich seit langem dafür ein, dass diese über Jahrzehnte vergessenen Verfolgten als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt werden. Daran, dass der Bundestag am 13. Februar 2020 beschlossen hat, alle Konzentrationslagerhäftlinge – ausdrücklich auch solche mit dem schwarzen und grünen Winkel – als Opfer des NS-Unrechtssystems anzuerkennen, war ich nicht ganz unbeteiligt. Schwarze Winkel mussten die sogenannten Asozialen auf der Häftlingskleidung tragen, grüne Winkel die „Berufsverbrecher“.

Warum ist Ihnen diese Anerkennung wichtig?

Sie ist ein wichtiger Schritt in der deutschen Erinnerungskultur. Auch dass eine Wanderausstellung, die das Schicksal dieser Opfergruppe beleuchtet, in Auftrag gegeben wurde, begrüße ich sehr. Diese Schritte haben bei vielen Nachkommen bewirkt, dass das so lange schambesetzte Schweigen, etwa über den angeblich „asozialen“ Großvater, allmählich aufgebrochen wird. Es sind vor allem Menschen aus der Enkel- und Urenkelgeneration, die mich auffordern, diesen seit über 70 Jahren verleugneten Opfern mit einem Verband endlich eine hörbare Stimme der Erinnerung zu geben.

Wie Sie sagen, ist das alles über 70 Jahre her, die allermeisten Betroffenen leben nicht mehr. Was erhoffen Sie sich von einem solchen Verband heute?

Zur Person

Frank Nonnenmacher ist emeritierter Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und der politischen Bildung an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Der Verband soll am 21./22. Januar 2023 gegründet werden. Kontakt: fnoma@gmx.de

Meine Mitstreiterin Ines Eichmüller aus Nürnberg und ich hoffen zunächst, dass die Nachkommen, die bis jetzt untereinander keine Verbindungen haben, überhaupt von der Gründung des Verbands erfahren. Ein solcher Verband kann dazu beitragen, dass angesichts der gesellschaftlichen Verachtung, die angeblich „asozialen“ oder „verbrecherisch veranlagten“ Menschen entgegengebracht wurde und wird, endlich schamfreie und respektvolle Familiengeschichten entwickelt werden können.

Auf welche Weise könnte ein Verband das bewirken?

Er kann auf Einladung anderer Verbände, Institutionen oder Schulen zum Beispiel Biografien der verleugneten NS-Opfer vorstellen, mit Zeitzeugen der zweiten und dritten Generation. Er kann die vollständige Umsetzung des Bundestagsbeschlusses vom 20. Februar 2020 verlangen und dabei auf mehr Gehör hoffen als ein Einzelner. Bei der Umsetzung geht es auch um die ausreichende Finanzierung aller in diesem Beschluss genannten Forderungen, wie zum Beispiel der notwendigen Forschungen. Und ein Verband könnte dafür eintreten, dass in Berlin ein zentrales Mahnmal auch für diese Opfer des Nationalsozialismus errichtet wird.

Interview: Tatjana Coerschulte

Auch interessant

Kommentare