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Befreite Zwangsarbeiter ziehen gen Heimat. Diese Aufnahme zeigt eine Gruppe in Darmstadt, einen Tag nach der Besetzung der Stadt durch die US-Armee am 26. März 1945.
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Befreite Zwangsarbeiter ziehen gen Heimat. Diese Aufnahme zeigt eine Gruppe in Darmstadt, einen Tag nach der Besetzung der Stadt durch die US-Armee am 26. März 1945.

Die Nazi-Bonzen hatten sich längst abgesetzt

Fast kampflos rückten die Alliierten ins spätere Hessen einVor 60 Jahren rückten US-Soldaten in ein geschlagenes Land ein. Hitlers "Nero-Befehl" wurde im späteren Hessen nur vereinzelt umgesetzt - etwa bei der Sprengung des Frankfurter Flughafens. Im Rüsselsheimer Opelwerk verhinderten Arbeiter das Schlimmste. Weitere Berichte zum Kriegsende in Hessen finden Sie in der Chronik 1945 im Dossier 60 Jahre Kriegsende

Von CHRISTIAN EBNER (FRANKFURT/MAIN, DPA)

Ein ganzer Güterzug voller Seide, Stoffen und Hüten, geplündert von einer internationalen Meute aus Deutschen und geflohenen Zwangsarbeitern: Es war ein bizarres Bild, was sich der US-amerikanischen Fotografin Magret Bourke-White im März 1945 auf ihrem Weg von Darmstadt nach Frankfurt bot. "Deutschland ist kaputt! Da darf man doch plündern", zitiert die "Time"-Journalistin eine der Frauen. Tatsächlich rückten die US-Soldaten fast kampflos in ein geschlagenes Land ein, als Befreier wurden sie aber nur von den wenigsten empfangen.

Entscheidend für das rasche Kriegsende im späteren Hessen war die schnelle Überwindung des Rheins bei Oppenheim. Unter dem Kommando des Generalleutnants George S. Patton waren am 22. März zwei Bataillone der 3. US-Armee über den Fluss gesetzt und hatten gegen geringen Widerstand einen Brückenkopf errichtet. Staunend, so berichtet die Journalistin Bourke-White, verfolgten die Bürger des rheinhessischen Weinstädtchens Oppenheim in den folgenden Tagen die endlose Phalanx der Fahrzeuge, die über eine mehr als 300 Meter lange Behelfsbrücke ins Ried rollte. Von da aus ging es innerhalb weniger Tage in die Trümmerlandschaften von Darmstadt, Offenbach und Frankfurt. Kurz nach Ostern, am 4. April, und damit einen guten Monat vor der endgültigen Kapitulation des Reichs, nahmen die US-Truppen das völlig zerstörte Kassel ein.

Die Alliierten, so schreibt der Münchner Militärhistoriker John Zimmermann, hatten überhaupt nicht damit gerechnet, Deutschland Meter für Meter erobern zu müssen. Nach der haltlosen Flucht der Wehrmacht aus Frankreich hatte Hitler mit der Ardennen-Offensive einen letzten, sinnlosen Gegenangriff gestartet, der den Schritt der Alliierten über den Rhein um etwa sechs Wochen verzögerte. Der zähe Trip nach "Transsylvanien" (Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower) wurde notwendig, weil sich das deutsche Militär trotz der deutlichen Unterlegenheit einfach nicht ergeben, aber zumindest im Westen auch nicht mit aller Konsequenz verteidigen wollte.

Den Amerikanern ist in der Nachkriegszeit häufig vorgeworfen worden, sie wären nicht schnell genug nach Osten vorgedrungen und hätten damit der Roten Armee weite Landesteile überlassen. Zimmermann zufolge wollten die US-Generäle vor allem unnötige Verluste vermeiden. Sobald sich ernsthafter Widerstand regte, wie etwa in Fulda, wurde mit dem massiven Einsatz von Bombern gedroht. Dass es die Amerikaner nicht bei diesen Drohungen beließen, erlebten die zusammengewürfelten und schlecht ausgerüsteten Truppen der Deutschen etwa an der Allendorfer Werra-Brücke oder in Bensheim.

"Verbrannte Erde"-Befehl vereinzelt umgesetzt

Trotz aller Durchhalteparolen blieb der Widerstand gegen den US- Vormarsch in den hessischen Städten gering, die Nazi-Bonzen und militärischen Befehlshaber hatten sich längst abgesetzt. Der berüchtigte "Nero-Befehl" Hitlers zur Zerstörung sämtlicher Infrastruktur- und Industrieanlagen wurde vereinzelt umgesetzt, etwa bei der Sprengung des Frankfurter Flughafens. Unversehrt blieben hingegen IG-Farben-Hauptverwaltung und Produktionsanlagen in Frankfurt ebenso wie das Rüsselsheimer Opelwerk, wo Arbeiter die komplette Zerstörung verhinderten.

Den Überlebenden in den Trümmerstädten und selbst den politisch Unbelasteten begegneten die Besatzer mit deutlicher Distanz. Zu tief saßen das von Goebbels Werwolf-Propaganda geschürte Misstrauen und der Schrecken über die Gräueltaten der Deutschen in den nun nach und nach befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern. Das Verbrüderungsverbot bekam zum Beispiel der neue Kasseler Oberpräsident Fritz Hoch zu spüren, als ihm der amerikanische Befehlshaber beim Amtsantritt den Handschlag verweigerte.

Die anstehenden Probleme konnten die Militärregierung und die von ihnen eingesetzten Zivilverwaltungen in der Folge nur sehr langsam oder zunächst auch gar nicht bewältigen. In Frankfurt, Kassel und Darmstadt etwa war nur noch jede vierte Wohnung intakt, in Hanau sah es noch schlimmer aus. Schnell wuchs der Strom der Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten, während die Nahrungsmittelversorgung nahezu zusammenbrach. "Es fehlt beinahe an allem", heißt es in einem Bericht der Stadt Kassel aus dem Juni 1945. Die Nachkriegszeit hatte begonnen.

Weitere Berichte zum Kriegsende in Hessen finden Sie in der Chronik 1945 im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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