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Während einer Anhörung im April zeigt das Bezirksgericht ein unscharfes Video von Nawalny aus der Haft. Foto: Dpa
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Während einer Anhörung im April zeigt das Bezirksgericht ein unscharfes Video von Nawalny aus der Haft.

Russland

Nawalnys Wahlkampf aus dem Straflager

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Russlands bekanntester Oppositioneller berichtet in einem Interview mit der „New York Times“ von den Haftbedingungen und attackiert Putin

Die Tagesordnung in der Strafanstalt Nr. 3 in Pokrow gefällt Alexej Nawalny. Er sei Frühaufsteher, beginne seinen Tag um fünf Uhr morgens, gehe nie später als um 22 Uhr schlafen. In Russlands Politikerkreisen stünden alle erst gegen Mittag auf, die Sitzungen aber dauerten bis in die Nacht. „Endlich lebe ich in der Tageszeit, die mir passt.“

Seit Februar sitzt der russische Oppositionsführer in Pokrow etwa hundert Kilometer östlich von Moskau eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten ab. Und gestern veröffentlichte die „New York Times“ ein schriftliches Interview mit Nawalny. Auf 54 handschriftlichen Seiten schildert er seinen Alltag hinter Gittern, äußert sich zur politischen Lage und attackiert Putin. Nawalnys Tonlage ist humor- und hoffnungsvoll. Und offenbar ist er entschlossen, den von ihm ausgerufenen Zweikampf gegen Putin auch hinter Gittern fortzusetzen.

Gesundheitlich gehe es ihm gut, seit man unabhängige Ärzte zu ihm lasse. Man habe aufgehört, ihn nachts stündlich zu wecken, kontrolliere seine Anwesenheit nur noch alle zwei Stunden und lasse ihn dabei meist schlafen. Aber er verstehe jetzt, warum Schlafentzug eine der Lieblingsfoltern der Sicherheitsdienste ist. Geprügelt werde in Pokrow nicht, aber es herrsche quälende Pedanterie. Um sechs Uhr Wecken, danach Abspielen der Nationalhymne auf dem Hof, Sport, Morgenwäsche. Um acht Uhr Appell, Fernsehen bis 10, Freizeit bis 12, danach wieder Bildung per TV oder Brettspiele. Schlafen oder Lesen sei verboten, um 14 Uhr Mittagessen, wieder Fernsehbildung, um 16.30 Abendappell, ab 18 „patriotische Erziehung“: Filme über Siege sowjetischer Soldaten oder Sportler. „Da wird einem das Wesen der Putinschen Ideologie besonders klar: Sie ersetzt Gegenwart und Zukunft durch die Vergangenheit, wirklich heroische Vergangenheit, geschönt heroische Vergangenheit oder komplett erfundene Vergangenheit“. 19.30 Abendessen, danach noch eine TV-Lektion. „Eigentlich tust du den ganzen Tag nichts, aber abends bist du völlig entkräftet.“

Wie groß das Risiko sei, dass man ihn im Gefängnis töte? Nawalny antwortet, er grinse beim Lesen. „50%“, zitiert er einen russischen Witz. „Entweder ich werde getötet oder nicht.“ Aber man habe es mit dem psychisch kranken Putin zu tun, der sich von Astrologen und Schamanen beraten lasse. „Ein pathologischer Lügner mit Größen- und Verfolgungswahn.“

Alle Nationalprojekte Putins wären gescheitert, selbst sein Projekt „Lasst uns Nawalny umlegen“. Putin sei eine historische Zufälligkeit, ein Fehler der korrupten Jelzin-Familie, der am Ende korrigiert werde. „Und Russland kehrt auf seinen demokratischen, europäischen Entwicklungsweg zurück. Einfach, weil das Volk es so will.“

Seit seiner Festnahme im Januar ist die Zustimmungsrate für Nawalnys Politik laut dem unabhängigen Meinungsforschungszentrum Lewada von 19% auf 14% gesunken. Der Hinweis darauf aber rührt ihn nicht. Wenn man seinen Anhängern die Teilnahme an den Duma-Wahlen im September erlaubt hätte, würden sie die Staatspartei „Einiges Russland“ glatt besiegen, auch ohne Geld- und Informationsreserven, glaubt er. Und er oder ein anderer unabhängiger Präsidentschaftskandidat schlüge Putin in jeder offenen Wahlkonkurrenz. „Unser Programm ist besser, wir haben ein Konzept für Russlands Zukunft, das Putin völlig fehlt.“ Es hört sich an wie Wahlkampf hinter Gitter.

„Wenn Nawalny auch in Zukunft regelmäßig so auftreten wird, kann er im Gefängnis zur Symbolfigur der russischen Opposition werden“, sagt der liberale Politiker Sergei Dawidis unserer Zeitung. „Und je länger er dort bleibt, umso mehr mag diese Symbolkraft wachsen.“

Inzwischen haben die Staatsorgane neue Strafverfahren gegen Nawalny eröffnet, wegen Betrugs, Richterbeleidigung und Gründung einer widerrechtlichen Organisation drohen ihm bis zu zehn Jahren zusätzlicher Haft. Nawalny aber hofft auf Proteste oder eine Palastrevolte, die das herrschende Regime früher beseitigen. „Putin“, erklärt er, „ist weder physisch noch politisch ewig.“

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