+
„Hermann Göring hatte erkannt, dass sich mit dem „deutschen Wald“ und der „deutschen Natur“ ideologische Zustimmung für die NSDAP gewinnen lässt“, erklärt Michael Müller.

Rechtsextremismus

„Naturschutz ist für sie Blut und Boden“

  • schließen

Michael Müller über rechte Umweltschützer und die Defizite der Klimadebatte.

Herr Müller, Umweltschützer werden heute meist dem linken politischen Spektrum zugerechnet. Doch es gibt auch Versuche einer „Wiedererweckung des Ökologiebegriffs für rechte Kreise“, wie es beim rechtsextremen Netzwerk „ein Prozent“ heißt. Wie erfolgreich ist das?

In den letzten fünf Jahrzehnten war die Umweltbewegung liberal und links geprägt. Das ist auch gefestigt. Dennoch wollen sich heute die AfD und rechtsextreme Gruppen wie die Anastasier-Bewegung als Naturschützer profilieren. Sie versuchen auszunutzen, dass das Umweltthema im Zentrum der politischen Debatte steht. Ihnen geht es nicht um die ökologischen Herausforderungen. Sie verbinden die Veränderungen der Umwelt vor allem mit der Polemik und Ablehnung von Einwanderung und Migration. Naturschutz ist für sie Blut und Boden. Deshalb unterscheiden sie zwischen Umweltpolitik, die sie als globale Emanzipationsideologie abtun, und Naturschutz, der regional und national ausgerichtet ist. Zudem wollen sie die Verärgerung, Unsicherheit oder sogar Angst, die bei vielen mit dem ökologischen Umbau verbunden sind, für sich instrumentalisieren.

Wenn lokale Gruppen zu Müllsammelaktionen aufrufen, eine umweltbewusste Energie- und Verkehrspolitik oder mehr Artenschutz fordern, ist das ja erst einmal zu begrüßen ...

Man muss genau hingucken, zumal völkische Positionen sich leichter verdecken lassen, wenn sie mit Umweltthemen verbunden werden. Sie sind ein Vehikel, um größere Aufmerksamkeit und Zustimmung zu gewinnen. Das hat es in der braunen Geschichte auch gegeben. Hermann Göring hatte erkannt, dass sich mit dem „deutschen Wald“ und der „deutschen Natur“ ideologische Zustimmung für die NSDAP gewinnen lässt.

Zur Person

Michael Müller ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Publizist.

Die Naturfreunde, 1895 gegründet,

sind ein Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur.

Er unterhält eine „Fachstelle für Radikalisierungsprävention im Naturschutz“. Müller war langjähriger

SPD-Bundestagsangeordneter

und Staatsekretär im Bundesumweltministerium. jw

Wieso rechnen sich die rechten Naturschützer denn Chancen aus, gerade damit Rückhalt bei den Bürgern zu finden?

Das liegt sicher auch daran, dass die politischen Parteien viel an Perspektive und Integrationskraft verloren haben. In Transformationszeiten wie heute bilden sich restaurative und nationalistische Gegenbewegung heraus, denen es nicht um gesellschaftlichen Fortschritt geht. Deshalb ist ein sozial-ökologisches Projekt nötig, das die Transformation gestaltet.

Die AfD versucht, mit einem „heimatlichen“ Naturschutz zu punkten, wie Fraktionschef Gauland sagt. Dies soll zum dritten Standbein der Partei neben der Kritik an Euro und Flüchtlingspolitik werden. Verfängt das?

Michael Müller.

Der AfD geht es nicht um Fakten, sondern um Stimmungen. Auch ihre Kritik an Euro und Zuwanderung versucht den Menschen vorzumachen, das alles so bleiben kann, wenn sich unser Land der Moderne verweigert und AfD wählt. Sie macht den Menschen etwas vor, statt sich mit den realen Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Die AfD streitet gleichzeitig den menschengemachten Klimawandel ab und kämpft gegen die Energiewende. Wie passt das zum grünen Anstrich?

Sie ist ja keine ökologische Partei, sondern eine völkische. Alles, was sie zum Thema Umwelt- und Naturschutz sagt, muss in diese Ideologie eingeordnet werden. Alles, was mit globalen Herausforderungen zu tun hat, steht bei ihr auf der braunen Liste.

Umwelt- und Klimaorganisationen schaffen es offenbar nicht, die Menschen zu erreichen, die die AfD wählen. Was müssten sie besser machen?

Entscheidend ist, soziale und ökologische Gerechtigkeit eng miteinander zu verbinden. Beides gehört eng zusammen. Was wir brauchen, ist eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Strategie des Umbaus, denn heute im Anthropozän geht es um einen Epochenwechsel, der grundlegend neue Antworten erfordert.

Auch in Umweltschützer-Kreisen, die keiner rechten Unterwanderung verdächtig sind, wird diskutiert, ob unsere Demokratie die sich zuspitzende Klimakrise in den Griff bekommen kann. Droht am Ende doch die Öko-Diktatur? Was meinen Sie?

Die Diskussion ist nicht neu, aber sie überzeugt nicht. Vielmehr sehe ich in der Klimakrise ein klares Versagen der Politik. Wäre den Konzepten der Klima-Enquete von 1990 gefolgt worden, die im Bundestag sogar einstimmig beschlossen wurden, hätten wir heute eine Reduktion der Treibhausgase in Deutschland um zwei Drittel. Entscheidend ist: Die ökologischen Ziele müssen in die wirtschaftliche Entwicklung integriert werden. Das ist mit harten politischen Konflikten und sozialen Auseinandersetzungen verbunden. Von daher geht es um mehr Demokratie und um mehr soziale Gerechtigkeit.

Interview: Joachim Wille

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion