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Nationalisten und Mafia drohen Supermarktketten in der Türkei

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Von: Erkan Pehlivan

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Lebensmittelpreise in der Türkei setzen Einzelhändler unter Druck.
Speiseöl im türkischen Supermarkt. © IMAGO/Sha Dati

Nach der Drohung von Nationalistenführer Bahçeli schaltet sich nun auch die Mafia ein. Mafiaboss Kürşad Yılmaz droht Manager offen mit dem Tod.

Ankara - In der Türkei wächst der Druck auf Supermarktketten unaufhaltsam. Zuletzt hatte die Wettbewerbsaufsicht („Rekabet Kurumu“) fünf Supermaktketten und einem Zulieferer hohe Strafen verhängt, weil die Preise in ihren Geschäften zu hoch seien. BİM, CarrefourSA, Migros, ŞOK, A 101 und Savola Gıda müssen jetzt insgesamt 2,671 Milliarden TL (135 Millionen Euro) an Bußgeldern zahlen. Der größte Teil der Strafen geht dabei auf BİM mit 958.1 Millionen TL (48,6 Millionen Euro).

Supermarktketten mit Verbindungen zu Terrororganisationen?

Auch die türkischen Nationalisten nehmen die Supermarktketten ins Visier. „Ich bin der Ansicht, dass der die täglich steigenden Preise eine Intoleranz für unseren gesellschaftlichen Frieden ist“, sagte der Führer der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahceli. Bahceli forderte zuletzt in einer Fraktionssitzung Ermittlungen gegen die Lebensmittelhändler wegen Terrorismus. „Es muss untersucht werden, ob die Handelsketten Verbindungen zur Gülen-Bewegung haben“.

Die türkische Regierung wirft der Bewegung um den im US-Exil lebenden Prediger Fethullah Gülen vor, hinter dem Putschversuch 2016 zu stecken, die seitdem von der türkischen Regierung als Terrororganisation eingestuft wurde.

Inflation offiziell 84 Prozent, inoffiziell 170 Prozent

Auf die Anspielung von Bahçeli, die Supermarktketten hätten mögliche Verbindungen zu Terrororganisationen, hatte der Geschäftsführer von BİM und der Vorsitzende des Lebensmittel-Einzelhandelsvereins (Gıda Perakendecileri Derneği), Galip Aykaç, geantwortet. „Die Menschen trauen euren Lügen in keiner Weiser“, sagte Aykaç. Den Grund für den Preisanstieg bei Lebensmitteln liege in der hohen Inflation. Das staatliche Statistikamt gibt die Inflation mit 84,39 Prozent an. Die unabhängige ENA Grup geht sogar von einer Teuerungsrate von 170 Prozent aus. „Im Lebensmittel-Einzelhandel liegt der höchste Gewinn bei vier Prozent. Auch wenn dieser gesamte Gewinn abgegeben wird, wird die Inflation nicht sinken“, so Aykaç.

Mafiaboss droht Managern mit Tod

Der Manager musste nach der Kritik an Nationalistenführer Bahçeli als Vorsitzender des Lebensmittel-Einzelhandelsvereins zurücktreten. Nach der Kritik an Bahçeli Worten haben sich auch Mafiagrößen in die Diskussion eingeschaltet. „Ich weiß nicht, wem ihr vertraut, aber die Plätze, die ihr besetzt, könnten euer Grab werden“, schrieb Kürşad Yılmaz auf Twitter. Yılmaz war zuletzt zu 66 Jahren Gefängnis verurteilt worden und wurde frühzeitig entlassen. Auch auf den Straßen geht man in der Türkei nach den Worten des Nationalistenführers gegen Fillialen von BİM vor. Unbekannte hatten in mehreren Filialen die Schaufenster eingeworfen.

Erdogan läutet Druck auf Supermarktketten ein

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte mit seinen Drohungen an die fünf großen Lebensmittel-Einzelhändler bereits den staatlichen Druck auf die Lebensmittel-Einzelhändler eingeläutet. Bei der Eröffnung des sogenannten „Turkish House“ in New York 2021 sagte Erdogan, dass die „Fünf Großen“ die Ware auf den Märkten aufkaufen und diese damit in Turbulenzen bringen. „Unser Handelsministerium nimmt alle nötigen Maßnahmen in Angriff und wird es weiterhin tun. Alle nötigen Operationen werden gegen Sie durchgeführt.“ In den sozialen Medien tauchten in den vergangenen Wochen immer wieder Videos auf, in denen Beamte in mehreren Supermarktketten Kontrollen durchführen.

Ähnliche Vorgehensweisen hatte es nach dem Korruptionsskandal im Dezember 2013 gegeben. Vor allem Medienhäuser gerieten damals unter den Druck der AKP-Regierung von Erdogan. Viele Medienhäuser konnten die verhängten Strafen nicht zahlen und verkauften ihre Zeitungen und TV-Sender an regierungsnahe Unternehmer. (Erkan Pehlivan)

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