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Unsichtbarer Schaden: Der Kosovokrieg richtete auch nach dem Krieg noch Schaden an den Soldaten an - vermutlich wegen der verwendeten Munition.

Kriegsfolgen

Sie nannten es „Balkan-Syndrom“

Beim Nato-Einsatz auf dem Balkan kam es zu Vergiftungen. Italienische Soldaten kamen mit Uran-Munition in Berührung.

Von Adelheid Wölfl

Auf dem Foto, das seiner Mutter blieb, hat er einen zuversichtlichen, fast kecken Blick. Unteroffizier Salvatore Vacca von der Infanteriebrigade Sassari hatte keine Befürchtungen, als er im Winter 1998/1999 nach Bosnien-Herzegowina aufbrach. Ein Jahr später war er tot. Der damals 23-jährige Italiener verstarb an Leukämie. In Bosnien-Herzegowina war er mit Uran-abgereicherter Munition in Kontakt gekommen.

Bis zuletzt blieb der groß gewachsene Vacca ein lustiger Kerl. Als er das letzte Mal von der Dialyse kam, versuchte er noch einmal seinen Arm zum „High five“ zu erheben. Ein Gericht in Rom sprach das italienische Verteidigungsministerium 2007 schuldig, mit der Argumentation, dass es Vacca nicht ausreichend informiert und geschützt habe. Die Familie des Verstorbenen bekam mehr als 1,5 Millionen Euro an Entschädigungszahlungen zugesprochen.

Vaccas Familie war nicht die einzige, die den italienischen Staat verklagte. Dieser schuf extra einen Fond, um die Angehörigen zu kompensieren. Osservatorio Militare, eine Organisation, die Opfer von Uran-Vergiftungen vertritt, spricht sogar von 331 nach internationalen Einsätzen verstorbenen italienischen Soldaten und über 3700, die erkrankt seien. US-Soldaten auf dem Balkan, sowie auch Franzosen, Deutsche und Niederländer wurden laut einem internen Dokument, das von der „New York Times“ veröffentlicht wurde, davor gewarnt, die Munition zu berühren und erhielten teils Schutzkleidung – die Italiener offenbar nicht. Wissenschaftliche Beweise für einen Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit der Uranium-Munition aus der Kriegszeit und den Krebserkrankungen gibt es allerdings nicht. Nicht nur der italienische Staat, auch die Nato weist das strikt zurück.

In Bosnien fehlen Statistiken

Belegt ist nur, dass die Nato sowohl im Bosnien-Krieg (1992-1995) als auch im Kosovo-Krieg (1999) Uran-Munition einsetzte. US-Kampfflugzeuge sollen deutschen Angaben zufolge im Sommer 1994 und im Sommer 1995 allein über Bosnien 10 800 Projektile mit etwa drei Tonnen abgereichertem Uran verschossen haben. Im Kosovo wurden sogar 31 000 abgefeuert. In dem kleinen Balkanstaat selbst fehlt es an Statistiken, die Einschätzungen über die gesundheitlichen Folgen ermöglichen würden. Man weiß schlichtweg nicht wie hoch die Anzahl der Leukämie-Erkrankungen vor dem Krieg war.

Viele Soldaten, die in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo im Einsatz waren, gingen später nach Afghanistan oder in den Irak. Und auch dort wurde abgereichertes Uran eingesetzt. Es ist also in vielen Fällen gar nicht mehr nachzuvollziehen, wo eine mögliche Verstrahlung passiert sein könnte. Weil die Leukämie-Erkrankungen aber nach den Einsätzen auf dem Balkan erstmals auftraten, werden sie unter Veteranen auch „Balkan-Syndrom“ genannt. Die Projektile der Uran-Munition werden eingesetzt, weil die Geschosse eine große Durchschlagskraft haben. Sie können auch Beton metertief durchstoßen. Auch europäische Staaten wie Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Schweden verwenden diese panzerbrechende Munition, die – wenn sie intakt bleibt – kaum gefährlich ist. Allerdings kann beim Einschlag auf ein hartes Ziel Uran-Staub entweichen, der dann in die Lungen und in die Blutbahn geraten kann.

Warnungen gab es schon 1979

Wissenschaftler vom amerikanische Battelle Pacific Northwest Laboratorium warnten bereits 1979 vor Vergiftungsfolgen durch den Staub. Eine weitere Gefahr ist, dass die Geschosse durch Verwitterung ihren Schutzmantel verlieren, oxidieren und Partikel ins Grundwasser gelangen können. Sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch im Kosovo wurden von der UN-Umweltorganisation Unep nach den Kriegen Boden- und Wasserproben entnommen. Die Nato hatte den UN-Experten 112 Einschlagsziele von Uran-Munition im Kosovo genannt – allerdings erst eineinhalb Jahre nach Kriegsende. Die Ergebnisse waren ähnlich. Die Unep empfahl, Vorsicht walten zu lassen und die Gebiete restlos von Uran-Munition zu säubern.

Eine „signifikante“ Verstrahlung der Erdoberfläche konnte nicht festgestellt werden, außer an Stellen, „die sich in der Nähe der Einschlagslöcher befinden“, bilanzierten die Spezialisten der Unep. Allerdings ließen die Experten die Möglichkeit offen, dass Personen, die in direkten physischen Kontakt mit einer kontaminierten Stelle gekommen sind, verstrahlt worden sein könnten. In den meisten Fällen sei das Risiko allerdings nicht signifikant, so die Umweltbehörde über die Situation in Bosnien-Herzegowina 2002.

Seither sind wieder einige Veteranen verstorben. 2009 sah ein Gericht in Rom einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung eines Ex-Soldaten an einem Hodgkin-Lymphom und seinem Einsatz auf dem Balkan als erwiesen an. Der Mann war zwei Jahre nach seiner Rückkehr 2005 verstorben – auch seine Familie erhielt Schadensersatzzahlungen.

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