Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Nancy Faeser
+
Nancy Faeser bei einer Rede auf dem Landesparteitag der Hessen-SPD im Jahr 2019. (Archivfoto)

Porträt

Zukünftige Bundesinnenministerin Nancy Faeser: Alle Energie der Politik

  • Pitt v. Bebenburg
    VonPitt v. Bebenburg
    schließen

Nancy Faeser soll Innenministerin werden. Ein Porträt.

Frankfurt/Berlin – Die Sonne schien heiß, damals, vor einem halben Jahr, als Nancy Faeser im Offenbacher Stadion am Bieberer Berg ihren Genossinnen und Genossen trotz aller miesen Umfragen Mut zusprach. „Wir haben einen Kanzlerkandidaten, der nicht nur will, sondern auch kann“, rief die hessische SPD-Vorsitzende in Richtung der Tribüne, wo der Parteitag aus Gründen der Pandemie tagte.

Das, was damals wie eine Beschwörung klang, wird nun Realität. Und die stets fröhliche Juristin Faeser, 51 Jahre alt, aus Schwalbach in der Nähe von Frankfurt, ist mitten drin. Sie zieht als Innenministerin ins Kabinett der Ampel-Regierung von Olaf Scholz ein.

Nancy Faeser wird Innenministerin im Ampel-Kabinett

Das ist eine gewaltige Überraschung. Nicht, weil es Faeser an Kompetenz fehlen würde, im Gegenteil. Seit vielen Jahren ist sie auf innenpolitische Themen spezialisiert, pflegt ein enges Verhältnis zur Polizei und dringt zugleich energisch auf Abhilfe, wenn sich rechtsextreme Tendenzen bei Beamtinnen und Beamten auftun. Wie überhaupt der Kampf gegen Rechtsextremismus ihre stärkste Motivation war, in die Politik zu gehen. Kein Wunder, dass sie nach ihrer Nominierung am Montag den Kampf gegen den Rechtsextremismus als derzeit „größte Bedrohung“ ankündigte.

Überraschend ist ihre Entscheidung aus einem anderen Grund. Es fragt sich nämlich, ob Faeser mit dem Wechsel nach Berlin die Option aufgibt, Ministerpräsidentin des Landes Hessen zu werden. Seit sie 2019 den Partei- und Fraktionsvorsitz der hessischen SPD übernommen hat, waren alle davon ausgegangen, dass Faeser anstrebt, nach der Landtagswahl 2023 in die hessische Staatskanzlei einzuziehen. Daher hatte man in Hessen eher erwartet, dass die ebenfalls aus Hessen stammende Justizministerin Christine Lambrecht ins Innenministerium einzieht. Nun übernimmt Lambrecht das Verteidigungsressort.

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Bundeskanzler: Olaf Scholz (SPD)
Bundeskanzler: Olaf Scholz (SPD) © Michael Kappeler/dpa
Kanzleramt: Wolfgang Schmidt (SPD).
Kanzleramt: Wolfgang Schmidt (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Innen: Nancy Faeser (SPD).
Innen: Nancy Faeser (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Außen: Annalena Baerbock (Grüne).
Außen: Annalena Baerbock (Grüne). © Kay Nietfeld/dpa
Gesundheit: Karl Lauterbach (SPD).
Gesundheit: Karl Lauterbach (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Finanzen: Christian Lindner (FDP).
Finanzen: Christian Lindner (FDP). © Michael Kappeler/dpa
Verteidigung: Christine Lambrecht (SPD).
Verteidigung: Christine Lambrecht (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Bau: Klara Geywitz (SPD).
Bau: Klara Geywitz (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Agrar: Cem Özdemir (Grüne).
Agrar: Cem Özdemir (Grüne). © Bernd Weissbrod/dpa
Familie: Anne Spiegel (Grüne).
Familie: Anne Spiegel (Grüne). © Andreas Arnold/dpa
Wirtschaft und Klima: Robert Habeck (Grüne).
Wirtschaft und Klima: Robert Habeck (Grüne). © Kay Nietfeld/dpa
Umwelt: Steffi Lemke (Grüne).
Umwelt: Steffi Lemke (Grüne). © Hendrik Schmidt/dpa
Bildung und Forschung: Bettina Stark-Watzinger (FDP).
Bildung und Forschung: Bettina Stark-Watzinger (FDP).  © Michael Kappeler/dpa
Justiz: Marco Buschmann (FDP).
Justiz: Marco Buschmann (FDP). © Michael Kappeler/dpa
Entwicklung: Svenja Schulze (SPD).
Entwicklung: Svenja Schulze (SPD). © Michael Kappeler/dpa
Verkehr und Digitales: Volker Wissing (FDP).
Verkehr und Digitales: Volker Wissing (FDP). © Michael Kappeler/dpa
Arbeit: Hubertus Heil (SPD).
Arbeit: Hubertus Heil (SPD). © Michael Kappeler/dpa

Nancy Faeser steckt ihre Energie in die Politik

Am Abend der Bundestagswahl 2021 konnte sich Faeser freuen, dass Unkenrufe angesichts schlechter Umfragewerte verfrüht gewesen waren. „Alle, die uns in den vergangenen Monaten abgeschrieben hatten, haben sich geirrt“, stellte die hessische SPD-Frau damals fest – allerdings schriftlich aus dem Krankenhaus. Ausgerechnet am Tag, als die Sozialdemokratie Stärke zeigte, musste sich Faeser im Krankenhaus erholen. Sie hatte nach einem fordernden Wahlkampf am Tag vor der Wahl einen Schwächeanfall erlitten.

Faeser steckt ihre Energie in die Politik. Aber sie weiß dabei sehr genau, dass es auch anderes, Wichtigeres im Leben gibt. In ihrem Büro hängt ein Bild ihres Mannes Eyke, der für die SPD Kommunalpolitik betreibt, und ihres gemeinsamen Sohnes Tim, das sie daran erinnert. Als Faeser, damals 44 Jahre alt, mit Tim schwanger war, bangten ihre Familie und ihre Genossinnen und Genossen monatelang um die Gesundheit der werdenden Mutter und ihres Kindes. Doch alles ging gut.

Nancy Faeser bei der Vorstellung der SPD-Minister und -Ministerinnen.

In jenen Monaten im Jahr 2015 haben die hessischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gespürt, wie schmerzlich ihnen Faeser an allen Ecken und Enden fehlt, wenn sie ausfällt. Als pointierte Rednerin, als führende Stimme der Partei, als Innenpolitikerin, Juristin und gut gelaunte Integrationsfigur.

Nach ihrem Einzug in den Landtag 2003 hatte Faeser als eine der wenigen Juristinnen und Juristen in der SPD-Fraktion von Anfang an eine herausgehobene Rolle inne. So kam es keineswegs überraschend, dass die damalige SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti die Neue schon am Ende ihrer ersten Wahlperiode, 2008, als Schattenjustizministerin nominierte. Seinerzeit arbeitete Faeser noch nebenbei in einer Kanzlei – und verhandelte zugleich einen rot-grünen Koalitionsvertrag mit aus, der aber nicht umgesetzt wurde, weil Abweichlerinnen und Abweichler aus der SPD die Wahl Ypsilantis nicht mitmachten. Seinerzeit erwies sich Faeser als Brückenbauerin, die zwischen ihrem eigenen Realoflügel und den Parteilinken vermittelte.

Dem langjährigen hessischen SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel stand Faeser als Generalsekretärin zur Seite, bis sie ihm 2019 unangefochten folgte. Beide stellen die sozialen Themen in der veränderten Arbeitsgesellschaft in den Mittelpunkt, Faeser wirbt etwa für einen landesspezifischen Mindestlohn von 13 Euro in Hessen. Auch eine Verkehrswende, die die Beschäftigten nicht außer Acht lässt, und die Forderung nach mehr bezahlbarem Wohnraum gehören zu ihren Schwerpunktthemen.

Nancy Faeser fühlt sich wohl, wenn sie unter Leuten ist

Sie vertritt sie auf eine freundliche Weise. Faeser lacht viel, umarmt viele und fühlt sich sichtlich wohl, wenn sie unter Leuten ist. Vielleicht ist es ein Erbe ihrer Familie, die aus Duisburg kam. Faesers Großvater war ein einfacher Arbeiter bei der Bahn. Sie sei die Erste gewesen in ihrer Familie, die habe studieren können. Ihr Vater und alle vier Onkel und Tanten seien Mitglieder der nordrhein-westfälischen SPD gewesen. „Das ist eine sehr pragmatische, sehr im Leben stehende Partei“, schildert sie. „So bin ich sozialisiert worden.“

Vater Horst Faeser war nach dem Umzug nach Hessen in der Politik tätig. Von 1988 bis 2002 amtierte er als Bürgermeister von Schwalbach im Main-Taunus-Kreis. Anschließend wurde Horst Faeser zum ersten Direktor des Planungsverbands Rhein-Main gewählt. Ein Jahr später, 2003, starb er überraschend an einem Herzinfarkt. Seine Tochter war gerade ein halbes Jahr vorher in den Landtag eingezogen.

Dort, im hessischen Landtag, sollte Faeser in den nächsten Tagen mehrfach am Rednerpult stehen, doch daraus wird nun nichts mehr. In einer großen Corona-Debatte am Dienstag und in der „Elefantenrunde“ der Haushaltsdebatte am Mittwoch sollte die Sozialdemokratin dem CDU-Ministerpräsidenten Volker Bouffier kontra geben – das müssen nun ihre Kolleginnen und Kollegen übernehmen. Denn am Mittwoch soll Nancy Faeser in Berlin vereidigt werden. (Pitt von Bebenburg)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare