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"Fußball den Fußballern" forderten französische Spieler schon 1968 und besetzten das gebäude des Fußballverbands in Paris.

Sport um 1968

Naiv, radikal - und notwendig

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Sport ist politisch. Mit dieser Überzeugung brachten die 68er das bürgerliche Sportverständnis vom rein spielerischen Freizeitvergnügen ins Wanken.

Im Mai 1968 besetzten etwa 30 Spieler und die Redakteure eines marxistischen Fußballmagazins das Gebäude des französischen Fußballverbands im Zentrum von Paris. „Fußball den Fußballern“ forderten sie auf großen Transparenten. Dem Verband warfen sie vor, den Breitensport zu vernachlässigen, Spieler durch Knebelverträge zu binden und die Großklubs zu hofieren. Fünf Tage lang hielten sie durch. Heute ist die Erinnerung daran außerhalb Frankreichs verblasst, und zugleich ist es eines der wenigen sportlichen Ereignisse, die in Europa überhaupt mit der 68er-Bewegung in Verbindung gebracht werden. In der Breite spielten Politik und Protest in den Stadien und Vereinen, in Turnhallen und auf Sportplätzen keine große Rolle.

Ganz anders sah es in der Theorie aus. In den Jahren um 1968 erschien eine Vielzahl von Büchern, die sich darum bemühten, die Gesellschaftskritik, die zu den Protesten geführt hatte, auch auf den Sport zu übertragen. Sie erschienen bei renommierten Verlagen von Suhrkamp bis Rowohlt und trugen Titel wie „Sport in der Klassengesellschaft“, „Fußballsport als Ideologie“ und „Soziologie der Olympischen Spiele. Sport und Kapitalismus“.

Sport als Massenphänomen

Die Auflehnung gegen Autoritäten, Ideologie- und Kapitalismuskritik – all das hatte auch mit dem Sport zu tun, davon waren linke Wissenschaftler überzeugt. Denn viele Sportarten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Welle der Professionalisierung und Kommerzialisierung erlebt und sich zum gesellschaftlichen Massenphänomen gewandelt, erzählt Stefan Hebenstreit. Der Politologe leitet bei Eintracht Frankfurt einen von deutschlandweit 17 Standorten des politischen Bildungsprojekts „Lernort Stadion“ und hat sich als Dozent für Sozialwissenschaften intensiv mit kritischen Theorien speziell zum Fußball beschäftigt.

Ob Jürgen Habermas, Ulrike Prokop oder der ehemalige Basketball-Nationalspieler Bero Rigauer: Viele Autoren interessierten sich für die Rolle des Sports in der kapitalistischen Industriegesellschaft – waren sich dabei aber nicht ganz einig. Die einen sahen die Sportbegeisterung der Massen als Nebeneffekt der rationalisierten kapitalistischen Arbeitsweise: Nach einem Tag der sinnentleerten und monotonen Arbeit im Dienste des Großkapitals brauche der Mensch einen Ausgleich – oder sogar eine Art Ventil für angestaute Gefühle, Triebe und Aggressionen. Wo alle wie Rädchen in einer Maschine funktionieren müssten, sei der Sportplatz der einzige Ort, an dem man ungestraft schreien, heulen und kämpfen dürfe.

Die anderen fanden das Gegenteil, dass sich der Profisport selbst immer stärker der kapitalistischen Arbeitsweise annäherte, dass Rationalisierung, Kommerzialisierung und Leistungskontrolle die Überhand über alles Spontane, Freie gewännen: „Das würden wohl heute wieder viele unterschreiben“, glaubt Stefan Hebenstreit. Zum Teil sei die Kritik damals aber naiv gewesen: „Da schwingt die Vorstellung mit, es habe eine Zeit gegeben, in der Sport nichts war als zweckfreies Spiel. Doch das ist falscher Idealismus, der noch dazu gar nicht weit weg ist von dem bürgerlichen Verständnis vom Sport als rein spielerischem Freizeitvergnügen.“ Auch sonst sei die Kritik oft sehr dogmatisch und einseitig gewesen, findet Hebenstreit.

Man müsse die kritische Sporttheorie der 60er und frühen 70er Jahre allerdings als Kind ihrer Zeit betrachten. „Eine gewisse Radikalität war damals wohl notwendig.“ Immerhin sei das bürgerliche Credo damals gewesen, dass Sport etwas völlig Unpolitisches ist – „dabei war das in der Kulturgeschichte des Sports noch nie der Fall“. Und: Im Fahrwasser von 68 sind nach Meinung von Stefan Hebenstreit viele wichtige Themen gesetzt worden: Sport als Ware und die Wandlung der Spieler zu Dienstleistern fürs Publikum etwa. „Vieles davon ist wahr geworden – und hat Ausmaße angenommen, von denen man damals noch gar nichts wissen konnte, etwa beim Spielerhandel.“ Aber auch zur Funktion der Volkserziehung sei damals geforscht worden. „Das ist heute mit den vergünstigten Krankenkassentarifen für sporttreibende Menschen und der Selbstüberwachung mit Fitnessarmbändern wieder total aktuell“, sagt Hebenstreit.

Großereignisse mit Fetischcharakter

Ein weiterer Verdienst der 68er war aus seiner Sicht, den Blick auf die politische Instrumentalisierung des Sports zu lenken – und auf den Fetischcharakter von Großereignissen wie Olympia oder Weltmeisterschaften. Damals war es vor allem der Ost-West-Konflikt, in dem die Systeme über den Sport nach außen ihre Stärke darstellen wollten: „Offiziell hat man die Neutralität des Sports beschworen und seinen politischen Charakter verleugnet“, sagt Stefan Hebenstreit. Heute blickten Sportbeobachter etwas kritischer etwa auf die Rolle Nordkoreas bei den Olympischen Winterspielen, oder auf die Golfstaaten, die über internationale Sportereignisse ihr Image aufzubessern versuchen.

Doch nach wie vor neigten viele dazu, ihre kritische Haltung zu vernachlässigen – vor allem, wenn es ums eigene Land geht. Hebenstreit denkt dabei an die Fußball-WM 2006 in Deutschland. „Viele Intellektuelle haben sich damals von der allgemeinen Euphorie mitreißen lassen und sind vor allem als Fußballfans in Erscheinung getreten, statt das WM-Spektakel aus kritischer Distanz zu analysieren, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre.“ Für seine tägliche Arbeit ist insbesondere ein zentrales Anliegen der 68er wichtig: Stefan Hebenstreit will Jugendlichen vermitteln, dass Sport nicht im luftleeren Raum hängt, sondern eingebettet ist in die Gesellschaft mit all ihren guten und schlechten Seiten. „Er kann vieles sein: Freiheit und Zwang, Spiel und Geschäft, Solidarität und Ausgrenzung. Man muss immer beide Seiten der Medaille sehen.“

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