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Kurdische Kämpferinnen und Angehörige der Rojava Defence Unit bereiten sich auf den Verteidigungskampf vor (Archivbild). Foto by SAFIN HAMED / AFP
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Kurdische Kämpferinnen und Angehörige der Rojava Defence Unit bereiten sich auf den Verteidigungskampf vor (Archivbild). Foto by SAFIN HAMED / AFP

Krieg in Syrien

Nahost-Experte über Lage in Syrien: „Milizen warten auf Einmarschbefehl“

  • Fabian Scheuermann
    VonFabian Scheuermann
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Der Krieg in Syrien ist keineswegs vorbei. Die Türkei, der Iran und Assad stehen schon bereit für den nächsten Waffengang – Einschätzungen von Günter Meyer, dem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

Herr Meyer, was ist los in Syrien?

Mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der Rebellion hat das Assad-Regime den Aufstand weitgehend niedergeschlagen. Mehr als 350 000 Syrerinnen und Syrer wurden getötet. 6,8 Millionen flohen ins Ausland und ebenso viele sind Binnenflüchtlinge. Zusammengenommen betrifft das mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung. Etliche Städte und die Infrastruktur in weiten Teilen des Landes sind beschädigt oder zerstört. Die Wirtschaft liegt am Boden und Millionen Menschen sind von Hunger bedroht – in einem Land, von dem nur zwei Drittel durch die Regierung kontrolliert werden. Ziel des Präsidenten Baschar al-Assad ist es jetzt, auch das letzte Drittel vor allem im Norden und Nordosten mit russischer und iranischer Unterstützung zurückzugewinnen.

Eine richtige Front existiert aber nur in Idlib. Gibt es da signifikante Bewegungen oder haben sich alle irgendwie eingerichtet?

Diese Region im Nordwesten ist das Rückzugsgebiet der Dschihadisten, denen die Regierungstruppen bei ihrer Rückeroberung des Landes freien Abzug gewährt hatten. Mit anderen Vertriebenen stellen sie etwa die Hälfte der mehr als drei Millionen Menschen dort. Der Großteil des Gebiets steht unter Kontrolle der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham, die aus der Terrororganisation Al-Kaida hervorgegangen ist. Zwar wurde 2020 eine Waffenruhe vereinbart, doch die ist brüchig. Immer wieder gibt es Angriffe der syrischen und der russischen Luftwaffe. Trotz deren militärischer Überlegenheit ist eine Veränderung der Machtverhältnisse in Idlib aber vorerst nicht zu erwarten. Dafür sorgen 12 000 türkische Soldaten, die Erdogan auf 70 Militärposten eingesetzt hat – zur Absicherung der Assad-Gegner und zur Stärkung des eigenen Einflusses in Nordwestsyrien.

Weiterhin gibt es ja auch Angriffe der Türkei auf den kurdischen Teil Syriens, auch mit zivilen Opfern. So etwas gelangt in Deutschland aber nicht mal mehr in die Nachrichten …

… dabei ist gerade hier die Kriegsgefahr am größten! So hat Erdogan in den letzten Wochen die Drohkulisse gegen die Kurden in Nordsyrien massiv verschärft. Sein erklärtes Ziel ist eine unter türkischer Kontrolle stehende Pufferzone auf syrischem Gebiet entlang der gesamten Grenze zwischen beiden Ländern. In den zwei schon bestehenden Teilen dieser Zone wurden kürzlich die rund 35 000 syrischen Söldner – verteilt auf 40 Milizen und finanziert von Ankara – durch Waffenlieferungen verstärkt. Diese sunnitisch-arabischen Milizen warten jetzt auf den Einmarschbefehl in die kurdischen Grenzgebiete. Nach Drohungen auch des Verteidigungsministers in Ankara rechnen Medien jederzeit mit einem Großangriff gegen Rojava, also gegen „Westkurdistan“.

Wie ist die Situation in Rojava denn ansonsten?

In keinem anderen Teil Syriens sind die politischen Verhältnisse so frei und demokratisch wie in Rojava. Dank der Unterstützung durch die USA, deren Truppen hier mit Einsatzkräften anderer Mitglieder der Anti-IS-Koalition stationiert sind, konnten die Kurden in den letzten Jahren gemeinsam mit den Arabern, Aramäern und Turkmenen in Nordost-Syrien bis zum Euphrat ihre Autonomie gegenüber dem Assad-Regime bewahren. Die Stabilität wird jedoch vor allem von der Türkei und ihren arabischen Milizen bedroht. Drohnen- und Artillerieangriffe aus den türkisch kontrollierten Gebieten auf die benachbarten kurdischen Siedlungen kommen immer wieder vor. Noch schlimmer ist die Sperrung der Flusses Khabour durch Staudämme. Tausende Familien in Rojava werden dadurch ihrer Versorgung mit Trinkwasser und Bewässerungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft beraubt. Und das während der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren! Zugleich verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, etwa durch das türkische Embargo und die Sanktionen der USA und ihrer Verbündeten gegen Syrien.

US-Truppen garantieren Rojava also eine gewisse Autonomie?

Zur Person

Günter Meyer leitet das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

Die US-Regierung hat sich zwar gegen eine türkische Invasion ausgesprochen, drängt zugleich aber auf eine Einigung mit Assad, um den Abzug der US-Truppen zu ermöglichen. Und Assad will die vollständige Kontrolle über den Nordosten zurück – vor allem weil sich dort der größte Teil der syrischen Erdölreserven befindet.

Spielt der IS noch eine Rolle?

Die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ haben sich zum größten Teil in das Wüstengebiet im Osten Syriens zurückgezogen. In kleinen Gruppen verüben sie von dort aus immer wieder Terroranschläge. Gerade ist ein Überfall auf eines der kurdischen Gefängnisse zur Befreiung von etwa tausend IS-Kämpfern gescheitert.

Und wie verhalten sich die iranischen Verbündeten Assads?

Zur Unterstützung seines Regimes haben die Iranischen Revolutionsgarden schiitische Milizen aufgestellt, die von ihnen ausgebildet, finanziert und geführt werden. Dazu gehören lokale syrische Milizen und Brigaden mit Söldnern aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan. Nach jüngsten Berichten werden sogar sunnitische Stammesangehörige mit hohem Sold dazu motiviert, zu Schiiten zu konvertieren und sich iranischem Kommando anzuschließen. Dies geschieht im Unteren Euphrattal. Nachdem dort im Frühjahr zahlreiche vom Iran kontrollierte Militärposten durch israelische Kampfflugzeuge zerstört worden sind, wird das Gebiet derzeit massiv befestigt und zur wichtigsten iranischen Militärbasis in Syrien ausgebaut. Die Sicherung dieses Bereichs ist von herausragender strategischer Bedeutung für Teheran, bildet es doch ein Teilstück eines wichtigen Transportwegs vom Iran bis in den Libanon.

Man kommt kaum mit, die Akteure in diesem Konflikt zu zählen. Was tut der Westen?

Militärisch relevant ist nur die Präsenz der US-Truppen in Rojava und rund um die Basis Al-Tanf an der syrischen Grenze mit Jordanien und Irak. Während sich auf westlicher Seite in diplomatischer Hinsicht kaum etwas tut, ist der jüngste Prozess der „Arabischen Normalisierung“ überraschend. Er bietet völlig neue Chancen für eine Lösung des Syrien-Konflikts. Initiatoren sind jene arabischen Staaten, die einst für den Ausschluss Syriens aus der Arabischen Liga gestimmt und teils sogar die Aufständischen gegen Assad mit Waffen und Geld unterstützt hatten. Nun bemühen sie sich um die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit Damaskus und die Rückkehr Syriens in die Arabische Liga. Vorreiter ist hier Jordanien. Vor kurzem noch unvorstellbar: Da treffen sich angesichts der Energiekrise im Libanon die Energieminister mehrerer Staaten und die jordanische Energieministerin, um den Bau einer Pipeline zur Lieferung von Erdgas von Ägypten über Jordanien und Syrien in den Libanon zu beschließen. An Brisanz gewinnt die Vereinbarung dadurch, dass es sich um israelisches Erdgas aus den Lagerstätten im Mittelmeer handelt.

Das heißt?

Das Gas wird in Ashkelon angelandet und soll von dort nach Ägypten transportiert werden. Bemerkenswert auch, dass die Pipeline in Syrien nicht auf der kürzesten Strecke in den Libanon, sondern auf einem Umweg über den Industriestandort Homs in das Kraftwerk- und Raffineriezentrum Banias geleitet wird und das Erdgas dort ebenfalls genutzt werden kann. Damit und durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen immer mehr arabischen Staaten und Israel werden neue Hoffnungen auf eine Entspannung der politischen Lage in der gesamten Region und besonders in Syrien geweckt.

Interview: Fabian Scheuermann

Günter Meyer.

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