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„Nachtschicht: Cash & Carry“ heute im ZDF – Keiner ist unschuldig

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Von: Tilmann P. Gangloff

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Erichsen (Armin Rohde) sitzt im Kommissariat
Erichsen (Armin Rohde) sitzt im Kommissariat. © Marion von der Mehden/ZDF

Lars Beckers düsterer Krimi erreicht nicht ganz die gewohnte Qualität und leidet unter einer Fehlbesetzung.

Genau genommen müsste Lars Beckers „Nachtschicht“-Krimi „Carry & Cash“ heißen: Zwei Ganoven klauen mit Hilfe eines Gabelstaplers einen kompletten Geldautomaten. Norman hat einen Staplerschein, Balou ist Schweißer; zumindest in dieser Hinsicht ergänzen sie sich perfekt.

Auch sonst ergeben sie eine unheilvolle Yin-und-Yang-Kombination: Der eine (Pit Bukowski) ist weiß, gierig und gewalttätig, der andere (Klismann Lefaza Jovete) hat afrikanische Wurzeln, ist bescheiden und defensiv. Besonders helle sind sie allerdings beide nicht, weshalb ihnen die Polizei umgehend auf die Spur kommt, und damit beginnen die Probleme erst richtig; auch für die beiden Kleinganoven, aber vor allem für Kommissar Erichsen (Armin Rohde) und seine Kollegen vom Kriminaldauerdienst.

ZDF-Reihe „Nachtschicht“: Immer wieder herausragend

„Cash & Carry“ ist die 16. Episode der ZDF-Reihe, in deren Rahmen Becker seit 2003 immer wieder herausragende und regelmäßig bestens besetzte Krimis erzählt. Die Filme zeichnen sich gern durch einen ungewöhnlichen Humor und stets durch lebensnahe Figuren mit großer „Street Credibility“ aus, weil er bei der Auswahl der Mitwirkenden auf große Glaubwürdigkeit achtet; wenn jemand einen Gangster verkörpert, soll er auch wie ein Gangster klingen.

Zur Sendung

„Nachtschicht: Cash & Carry“, am Montag, 28.02.2022 um 20.15 Uhr im ZDF oder vorab in der Mediathek.

Diesmal jedoch ist dem Regisseur ein seltener Fehlgriff unterlaufen: Friederike Becht ist viel zu hübsch und zu zart für ihre Rolle einer hartgesottenen uniformierten Polizistin. Wenn sie versucht, sich burschikos und gleichzeitig dümmer zu geben, als die Polizei erlaubt, wirkt sie wie eine Abiturientin im Rollenspiel. Was sie wirklich kann, hat die Schauspielerin vor einigen Wochen in der ARD-Miniserie „Schneller als die Angst“ gezeigt, denn da war sie in beiden Facetten glaubwürdig: als drahtige Polizistin, die sich erfolgreich in einer Männerwelt behauptet, wie auch als vergewaltigte und daher zutiefst verletzte Frau, die ihre Wut auf den Mörder projiziert, den sie jagt.

„Nachtschicht: Cash & Carry“ im ZDF: Weibliche Konstellation ist interessant

Wie Bechts Rolle im „Nachtschicht“-Krimi (eine Wiederholung aus dem Jahr 2020) verkörpert werden müsste, zeigt ausgerechnet Nadeshda Brennicke, die mit ihrem flirrenden Spiel auch nicht immer den Kern ihrer Charaktere trifft; hier jedoch ist sie als vom Leben desillusionierte Beamtin recht glaubwürdig.

Die eifersüchtigen Zickenszenen der beiden Polizistinnen sind zwar mitunter etwas anstrengend, aber die Konstellation als Pendant zu den beiden Ganoven ist interessant: Die junge Milla war Partnerin und Gefährtin des erfahrenen Beamten Harry (Benno Fürmann), der von Norman erschossen worden ist, als er die Geldautomatdiebe aufhalten wollte; die ältere Astrid war Harrys Ex-Frau. Nun tun sich die beiden Kolleginnen zusammen, um als Entschädigung für ihren Verlust die Beute zu kassieren, immerhin 150.000 Euro; aber Milla will nicht bloß Schmerzensgeld, sondern auch Rache.

„Nachtschicht: Cash & Carry“ im ZDF: Sehenswert wegen Armin Rohde

Sehenswert ist „Cash & Carry“ wie stets vor allem wegen Armin Rohde als Fels in der kriminellen Brandung. Erichsen sorgt im Revier für Ordnung, wenn ein rassistischer Kollege (Maximilian Brückner) „bei den Kanaken Kante“ zeigen will. Außerdem ahnt der erfahrene Polizist, dass Norman weitere Morde begehen wird, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt.

Wie jedes Mal trägt sich die Handlung in nur einer Nacht zu. Anders als sonst steht die Geschichte diesmal jedoch unter einem klaren Vorzeichen: Die Diskriminierung von Minderheiten zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Das beginnt bereits mit einer Personenkontrolle im Prolog: Als Harry einen Dunkelhäutigen in einem teuren Auto sieht, lässt er sich die Papiere zeigen; er ist überzeugt, dass sich der Mann den Wagen gar nicht leisten kann.

Das verstimmt vermutlich auch, aber dummerweise handelt es sich um Erichsens Mitarbeiter Elias (Tedros Teclebrhan); eine witzige Szene, die natürlich im Grunde gar nicht lustig ist.

„Nachtschicht: Cash & Carry“ im ZDF: Nach dem Motto „Polizeigewalt ist Notwehr“

Die weitaus unangenehmere Gestalt in diesem Zusammenhang ist aber der von Maximilian Brückner höchst unsympathisch verkörperte Kollege, der nach der Festnahme von Balou kurzen Prozess mit dem „Bimbo“ machen und später nach dem Motto „Polizeigewalt ist Notwehr“ die Wahrheit aus dem Mann herausprügeln will. Erichsens Devise „Keiner ist unschuldig“ ist allerdings nicht weniger düster.

Ohnehin trauen sich nicht viele Regisseure, ihre Figuren solche unverblümten (und sicher nicht unrealistischen) Wahrheiten aussprechen zu lassen. Abgesehen davon ist „Cash & Carry“ ein typischer Becker-Film und daher allen Einwänden zum Trotz keine Zeitverschwendung. (Tilmann P. Gangloff)

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