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Klaus Kinkel auf dem Dach des Auswärtigen Amtes im Jahr 1998.

Nachruf auf Klaus Kinkel

Ein später Liberaler

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Als Politiker unauffällig, als Beamter respektiert, als Mensch geschätzt: ein Nachruf auf den früheren Außenminister Klaus Kinkel.

Der Mann für den aus der Hüfte geschossenen Kommentar war er nie. Wer Klaus Kinkel in den letzten Jahren anrief und um ein Interview oder eine Stellungnahme bat, bekam meistens eine Absage. Mal war er unpässlich, mal fühlte er sich in der Sache, um die es gehen sollte, nicht ausreichend informiert, mal wollte er einem Parteifreund nicht in die Parade fahren. Vor allem nicht, wenn dieser Parteifreund Christian Lindner hieß.

Im Frühjahr 2018 allerdings machte der frühere Bundesaußenminister eine Ausnahme. Da schimpfte er öffentlich über US-Präsident Donald Trump, einen „irrlichternden Twitterer, der offensichtlich nicht genau weiß, was er da gerade anrichtet, wenn er sich morgens, mittags und abends unterschiedlich äußert. Sein fast kindisches und nur auf sich selbst bezogenes Gehabe ist einerseits zum Lachen und andererseits zum Fürchten.“ Inoffiziell fügte Kinkel hinzu: „Wenn Trump kommt, mache ich den Fernseher aus.“ Ja, der Mann brachte ihn auf die Palme.

Klaus Kinkel - eine Karriere mit Windungen

Am Montag nun ist Klaus Kinkel, der in Sankt Augustin bei Bonn lebte, in Rostock gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.

Politisch hat der Jurist von der FDP eine windungsreiche Karriere absolviert, die sein Parteifreund Gerhart Baum am Dienstag mit den Worten zusammenfasste, er habe „seine Ämter ordentlich verwaltet“ und „aus dem Hintergrund viel bewegt“. In das Getümmel der parteipolitischen Auseinandersetzung habe sich Kinkel aber „nicht begeben“.

Wolfgang Schäuble: BND-Amt passte nicht so recht

Tatsächlich machte Kinkel, der aus Baden-Württemberg stammte, im Windschatten Hans-Dietrich Genschers Karriere. Von 1970 bis 1974 war er dessen persönlicher Referent und später Leiter des Ministerbüros. 1979 wurde er Präsident des Bundesnachrichtendienstes, 1982 Staatssekretär im Justizministerium, 1991 Justizminister, 1992 – nach Genschers Rückzug – Bundesaußenminister und ein Jahr später Vizekanzler und Chef jener FDP, in die er erst 1991 eingetreten war. Nein, Kinkel hat sich nicht nach oben geboxt. Eher fielen ihm die Ämter zu.

Entsprechend unauffällig ist auch Kinkels politische Hinterlassenschaft. Sein Kabinettskollege, der langjährige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), erinnert sich, dass dieser „ohne jeden Streifschuss“ aus dem Amt des BND-Präsidenten herausgekommen sei; „das habe ich bewundert“. Auch habe ihn Kinkel während seiner Zeit als Justizminister am Rande von Kabinettssitzungen immer mal wieder zur Seite genommen und Tipps zum Schutz gegen einen etwaigen Terrorakt der Roten Armee Fraktion (RAF) gegeben.

Für Aufregung sorgte, dass Kinkel als Außenminister dem Dalai Lama in den Arm fiel, als ihm dieser bei einem Besuch in Bonn 1995 einen seiner weißen Seidenschals um den Hals legen wollte. Als FDP-Vorsitzender kassierte er bei Landtagswahlen schließlich Niederlage um Niederlage und geriet innerparteilich entsprechend unter Druck.

Klaus Kinkel war „treuer Weggefährte“, so Kanzlerin Merkel

Der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, das Amt des BND-Präsidenten habe nicht so recht zu Kinkel gepasst. „Meine Amtszeit als Parteivorsitzender war keine absolute Glanznummer“, urteilte Kinkel in einer für einen Politiker ungewöhnlichen Unverblümtheit selbst. Als Außenminister wiederum ließ Kanzler Helmut Kohl ihm wenig Raum. Zeit seines Lebens ist Kinkel wohl mehr Beamter als Politiker gewesen.

Umso respektierter war er als Mensch. So rühmt Zeitgenosse Waigel den Verstorbenen: „Er gehörte zu den verlässlichsten und sympathischsten Politikern, die mir im Leben begegnet sind. Klaus Kinkel war kein Freund von Intrigen, sondern hat mit offenem Visier gekämpft. Man wusste, was man an ihm hat.“ Kanzlerin Angela Merkel trauert „um einen treuen Weggefährten“ aus der Zeit der Wiedervereinigung.

Von Kinkels Charakter künden auch die Erinnerungen an seine Tennismatches mit Schäuble aus der Zeit, als Letzterer noch nicht im Rollstuhl saß. Er habe nicht gewinnen wollen, sagte Sportfreund und Fußballfan Klaus Kinkel. Es sei einfach so gekommen.

Lesen Sie auch das Interview mit Klaus Kinkel aus dem FR-Archiv: „Trumps kindisches Gehabe ist zum Fürchten“

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