Nachbarschaft

Kirsten Serup-Bilfeldt porträtiert Juden aus Köln

Von Ingrid Müller-Münch

Am späten Nachmittag des 21. Oktobers 1941 klingelte es an der Wohnungstür von Familie Seuffert, Frechener Straße 7 in Köln. Es war ein düsterer kühler Herbsttag. Tochter Marlies öffnete die Türe. Draußen stand, in einen dicken Wintermantel gehüllt, ihr Spielkamerad Rolf. Schüchtern steckte der 11-Jährige, den sie stets "Rölfchen" nannte, die Hand aus und sagte, er wolle sich verabschieden. "Wir müssen weg. Morgen." "Ja wohin denn?", erkundigte sich Marlies erstaunt. "Das weiß ich nicht", antwortete Rölfchen. Schnell raffte Marlies daraufhin eine Handvoll Bonbons zusammen, stopfte sie Rölfchen in die Manteltasche. Woraufhin der sich artig bedankte, ihr die Hand gab und ging. Am nächsten Tag wurden Rolf und seine Mutter nach Lodz deportiert. Dort verlor sich ihre Spur.

Gäbe es nicht einen kleinen, unscheinbar vor sich hin glitzernden Metallstein vor dem Haus Frechener Str. 17, kein Mensch würde sich heute mehr an Rölfchen und seine Mutter erinnern. Und wäre nicht soeben ein Buch der Kölner Autorin Kirsten Serup-Bilfeldt erschienen, erführe niemand von der soeben beschriebenen Szene, in der sich der jüdische Spielkamerad Rolf von seiner arischen Freundin Marlies verabschiedete, kurz bevor ihn die Nazis deportierten.

Schicksale wie das von Rölfchen sind in Serup-Bilfeldts Buch Stolpersteine nachzulesen, das sich - wie es der Titel schon ankündigt - mit den etwa 1300 quadratischen Steinen befasst, die seit einigen Jahren Kölner Trottoirs zieren. Eingelassen wurden sie von dem Künstler Gunter Demnig, für den sie Mahnmale und Erinnerungen zugleich sind. Im Vorwort von Serup-Bildfeldts Buch räumt Elke Heidenreich erst einmal gründlich mit der Legende auf, dass nirgendwo sonst dem Nationalsozialismus so viel Widerstand entgegengebracht wurde wie in Köln. Schon Hitler selbst sah das anders, freute sich darüber, dass er in der Domstadt mit den "größten Ovationen seines Lebens" bedacht worden war. In Köln, so Elke Heidenreich, gab es nicht mehr oder weniger Zivilcourage als anderswo. Wenig genug. Von 11 000 deportierten Juden überlebten gerade mal 50.

Für ihr Buch über einiger dieser von Nazis deportierten Kölner hat die Autorin Schicksale rekonstruiert, die fast nur aus Lücken bestehen, die aber durch ihre Recherchen wieder lebendig geworden sind. Hierzu hat sie eine wahre Fleißarbeit vollbracht, sich manchmal auch einfach der Fantasie hingegeben. Was blieb ihr anderes übrig, bei so viel weißen Flecken in den Biographien der Deportierten?

Wie bei Ursula Blumenfeld zum Beispiel, der engsten Kindergartengespielin von Liesel, deren Vater noch mit einer Pferdekutsche Blockeis durchs Severinsviertel fuhr. Die Blumenfelds hingegen waren bessere Leute, lebten in einer Villa in Marienburg. Und ließen Liesel dies dennoch nie spüren. Wie gerne rutschte die kölsche Liesel aus dem Arbeiterviertel in dem feudalen Haus der Blumenfelds das glattpolierte Treppengeländer hinunter, spielte im Sandkasten, auf der Schaukel. Ursel und sie waren im katholischen Kindergarten der Schwestern vom Heiligen Kreuz Busenfreundinnen geworden. Und wären es womöglich noch heute, wenn die Blumenfelds nicht 1942 nach Theresienstadt deportiert worden wären. Liesel, die nach dem Krieg überall, wo es nur ging, nach Ursel suchte, fand sie nicht mehr. Einzig ein Stolperstein vor dem Haus Robert-Heuser-Straße 3 erinnert seit kurzem an ihre einstige Freundin.

So gut es ging hat die Autorin auch das Schicksal des Kölner Rabbiners Isidor Caro nachvollzogen, der sich mit seiner Frau freiwillig zur Begleitung des ersten Judentransportes zur Verfügung stellte und 1943 in Theresienstadt verhungerte. Oder den Lebensweg des Schuhfabrikanten Carl Frankenstein, der mit einer evangelischen Großbürgertochter verheiratet war, die ihn, den Juden, irgendwann persönlich per Telefon an die Gestapo verriet.

Die ins Kölner Straßenpflaster eingelassenen Stolpersteine von Gunter Demnig tragen eingraviert lediglich die Namen und die Deportationsdaten der Naziopfer. Einigen dieser Verschollenen und Ermordeten setzt Kirsten Serup-Bilfeldt nun mit ihrem Buch ein überaus lesenswertes und bewegendes Denkmal.

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