1. Startseite
  2. Politik

Nachbar Gauck

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Tobias Peter

Kommentare

Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt (l) nehmen am öffentlichen Fastenbrechen während des muslimischen Fastenmonats Ramadan am 13.06.2016 in Berlin teil. Foto: Jörg Carstensen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt (l) nehmen am öffentlichen Fastenbrechen während des muslimischen Fastenmonats Ramadan am 13.06.2016 in Berlin teil. Foto: Jörg Carstensen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ © Jörg Carstensen (dpa)

Der Bundespräsident lebt beim Fastenbrechen das Miteinander vor.

Je einfacher eine Geste ist, desto mehr Kraft kann sie entfalten. Als das Fastenbrechen eröffnet ist, nimmt Bundespräsident Joachim Gauck die Plastikschale mit den Datteln in die Hand und hält sie seinen Sitznachbarn auf den Holzbänken hin, damit diese sich eine Frucht nehmen können. Dem Imam, der Frau mit dem Kopftuch und natürlich auch Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt. Als letzter nimmt er selbst eine Dattel und isst sie, bis er den Kern aus dem Mund nimmt. Der Kern dieses Abends soll die Verbundenheit der Menschen im Alltag sein.

Gauck ist, wie er selbst sagt, nicht nur als Bundespräsident zum Fastenbrechen mit mehreren hundert Menschen in Berlin-Moabit gekommen, sondern als Nachbar – da das Schloss Bellevue nur zwei Kilometer entfernt liege. Es sind Deutsche und Flüchtlinge, Muslime, Christen und andere eingeladen. Fasten bedeutet Verzicht und für die Muslime im Ramadan Geduld, bis nach Sonnenuntergang gegessen werden darf. „Dass Sie alle mit uns warten, ist auch ein Zeichen des Mitgefühls“, sagt der Imam Abdallah Hajir.

So viel Gemeinsamkeit ist keine Selbstverständlichkeit in Tagen, in denen der türkische Moschee-Dachverband Ditib den Bundestagspräsidenten Nobert Lammert (CDU) vom Fastenbrechen in der Berliner Sehitlik-Moschee wieder ausgeladen hat. Hintergrund ist das aufgeheizte Klima nach der Armenien-Resolution des Bundestags, in der die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern 1915 im Osmanischen Reich als „Völkermord“ bezeichnet wird. Beim Fastenbrechen in Moabit spielt dieser Streit keine Rolle. Veranstalter ist das Bezirksamt gemeinsam mit vielen lokal verwurzelten Organisationen, vom deutsch-arabischen Moscheeverein „Haus der Weisheit“ bis zur evangelischen Kirchengemeinde. Doch nach dem Massaker von Orlando sind die Vorbehalte gegen Muslime in der Gesellschaft ein Thema. Bei manchem sei die Angst vor dem islamistischen Terror zu einer Angst vor den Muslimen geworden, sagt Gauck. „Nicht wenige Muslime wiederum bezweifeln ihrerseits den Willen unserer Gesellschaft zu einem gleichberechtigten Miteinander, weil sie sich diskriminiert und durch einen Generalverdacht ausgegrenzt fühlen“, fügt er hinzu. Damit trifft er bei vielen Anwesenden einen Nerv – Applaus brandet auf. Natürlich gebe es im Alltag solche Probleme, sagt die gebürtige Berlinerin Malak Awad, die einen palästinensischen Hintergrund hat. „Ich habe aber an der Uni und im Job auch viele sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Wie die Gemeinsamkeit funktioniert, über die der Bundespräsident spricht, lässt sich auf dem angrenzenden Spielplatz beobachten. Hier rennen und schaukeln Kinder unterschiedlichster Herkunft. Andere Kinder sitzen brav am Platz. So wie die zehnjährige Liada, die vor zehn Monaten aus Syrien gekommen ist und schon recht gut Deutsch spricht. Aber weiß sie auch, wer der Mann ist, der da spricht? „Nein“, antwortet sie. Und schüttelt verschämt den Kopf.

Egal, Gauck präsentiert sich als Präsident zum Anfassen. Viele Moabiter umringen ihn, um ein Selfie mit ihm zu machen. Die 78-jährige Jutta Schauer-Oldenburg, die sich für Flüchtlinge engagiert, ist dennoch enttäuscht. Der Bundespräsident hätte deutlich sagen sollen, dass der Staat sich mehr für die Bildung der Flüchtlinge engagieren müsse, kritisiert sie. „Er hat eine Sonntagsrede gehalten“, sagt sie.

Auch interessant

Kommentare