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Nach zwei Wochen Aufruhr: Frankreich gesteht Korsika die Autonomie zu

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Von: Stefan Brändle

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Unterstützerin des Inhaftierten Nationalisten Colonna, der 1998 den Präfekten Érignac ermordete. Foto: Pascal POCHARD-CASABIANCA / AFP.
Unterstützerin des Inhaftierten Nationalisten Colonna, der 1998 den Präfekten Érignac ermordete. © AFP

Es ist ein Meilenstein für Korsika: Nach schweren Unruhen zeigt sich Frankreichs Regierung bereit, der Mittelmeerinsel ein richtiges Autonomiestatut zu gewähren.

Die „Insel der Schönheit“ ist seit zwei Wochen in Aufruhr. Auslöser war ein schwerer Zwischenfall in einem Gefängnis der Camargue-Stadt Arles. Der korsische Nationalist Yvan Colonna, der wegen des Mordes am früheren Inselpräfekten in Haft ist, wurde von einem islamistischen Mithäftling bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Seither liegt der 61-jährige Schafhirt im Koma.

Die bekannteste Figur der korsischen Separatisten hatte laut Geständnis von zwei Komplizen den vom Staat delegierten Präfekten Claude Érignac 1998 in Ajaccio auf offener Straße erschossen. Nach vier Jahren Flucht wurde der Nichtgeständige in einer Schäferei des korsischen „Maquis“ (Buschland) gestellt und zu einer lebenslänglichen Strafe verurteilt.

Korsika: Tausende protestieren nach Angriff

Anfang März äußerte er sich dem Vernehmen nach abschätzig über die Religion eines Mithäftlings, der wegen dschihadistischer Aktivität in Afghanistan eine neunjährige Haftstrafe verbüßt. Der 36-Jährige griff ihn in einem unbewachten Moment außerhalb der Zelle an und schlug ihn brutal zusammen, bevor er ihn zu erwürgen versuchte. Colonna, der in Haft geheiratet und seitdem ein zweites Kind hat, ringt seither mit dem Tod.

Der Angriff löste auf Korsika umgehend Proteste mit mehreren Tausend Beteiligten aus. Es folgten schwere Krawalle. In der Stadt Bastia gingen auch öffentliche Gebäude in Flammen auf. In einer einzigen Nacht wurden mehr als 70 Personen, darunter 44 Polizisten, teils schwer verletzt. Eine herbeigerufene Polizeiverstärkung musste auf dem Seeweg zur Insel umkehren, da nationalistische Docker den Fährhafen blockierten.

Korsika: Frankreichs Regierung überrascht

Die religionspolitische Komponente der Haftattacke dürfte bei den Ausschreitungen nur am Rande eine Rolle gespielt haben, obwohl es in Korsika seit Jahren immer wieder zu Spannungen zwischen ortsansässigen Korsen und muslimischen Zugewanderten kommt. Die Wut der Demonstrierenden richtete sich in erster Linie gegen den französischen Staat. Dieser trage wegen seiner jahrelangen Weigerung, Colonna in ein korsisches Gefängnis zu überführen, eine „erdrückende Verantwortung“ an der Tat, erklärte Gilles Simeoni von der Nationalistenpartei Femu a Corsica.

Die Regierung in Paris, die völlig auf den Präsidentschaftswahlkampf fixiert ist, wurde durch den impulsiven Charakter des Gewaltausbruchs auf dem falschen Fuß erwischt. Premierminister Jean Castex erfüllte deshalb die Forderung der Separatisten: Zwei Mittäter des Érignac-Mordes können in eine korsische Haftanstalt überführt werden.

Korsika: Paris „bereit, bis zur Autonomie zu gehen“

Dieser Entscheid hat die Lage nur halb beruhigt. Innenminister Gérald Darmanin geht deshalb noch einen Schritt weiter: Vor seinem Besuch der Insel am Mittwoch erklärte er, die Staatsführung sei „bereit, bis zur Autonomie zu gehen“. Er selbst wolle mit Simeoni einen „institutionellen Dialog“ dazu aufnehmen. Französisch-Polynesien im Südpazifik verfüge zum Beispiel schon heute über ein Sonderstatut, führte der Minister aus, um anzufügen: „Das eröffnet Möglichkeiten“.

Simeoni begrüßte Darmanins Ankündigung, auch wenn er mit einem gewissen Misstrauen erklärte: „Wir haben noch nicht gesiegt.“ Darmanin stellte die Autonomie-Gespräche für die zweite Amtszeit von Präsident Emmanuel Macron in Aussicht. Dessen Wahlsieg ist gut möglich, aber nicht garantiert. Der Hinweis auf die kommende Amtszeit darf auch als Wink an die Nationalisten verstanden werden, sich für Macron einzusetzen.

Das Lager der Separatisten ist allerdings auch deshalb skeptisch, weil Darmanin nur Polynesien erwähnte, nicht aber Neukaledonien. Dieses Tropenarchipel östlich von Australien verfügt über eine wirkliche Autonomie mit eigenem Parlament und Budget-Kompetenzen. Polynesien bleibt dagegen auch finanziell völlig abhängig von Paris.

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