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Plötzlich zu jung? FDP-Chef Christian Lindner.

FDP

Nach der Wahl ist vor dem Aus

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Die FDP vermeidet Manöverkritik im Osten - und damit auch die Frage über die Zukunft von Christian Lindner. Aber sie wird sich der Frage wohl stellen müssen.

Christian Lindner erzählt die Geschichte der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen so, als habe die FDP einfach nur Pech gehabt. Während die FDP früher schon mal aus taktischen Gründen gewählt wurde, sei sie diesmal eben aus taktischen Gründen nicht gewählt worden. Denn viele hätten in Brandenburg die SPD und in Sachsen die CDU gewählt, um sicherzustellen, dass diese am Ende vor der AfD liegen.

Sieht der FDP-Chef angesichts des Scheiterns seiner Partei an der Fünfprozenthürde in zwei Bundesländern Anlass zur Selbstkritik? Er lässt zumindest nichts dergleichen erkennen. „Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam“, sagt er. Und: Er könne seiner Partei „eine grundlegende Änderung ihres Kurses“ nicht empfehlen. Lindner, 40 Jahre alt und seit Ende 2013 FDP-Vorsitzender, betont: „Wir hängen unser Fähnchen nicht nach dem Wind.“

Das klingt selbstbewusst. Und doch lässt sich die Geschichte der beiden Landtagswahlen in Sachen FDP auch anders erzählen: nämlich als die einer Partei, die nicht so recht vom Fleck kommt, seit Lindner die Jamaika-Verhandlungen im Bund 2017 scheitern ließ. Die Geschichte einer Partei, die schon bei den Europawahlen im Mai weit unter den eigenen Erwartungen geblieben ist.

Lindner ist der einstige Superstar der FDP, der die Partei außerhalb der Parlamente am Leben hielt und dann zurück in den Bundestag brachte. Doch er ist kein Garant für den Erfolg mehr. Die Grünen sind souverän an der FDP vorbeigezogen. Union und SPD schwächeln zwar, aber es nützt der FDP nichts.

Wie also reagiert die Partei nach den ernüchternden Wahlergebnissen auf ihren Vorsitzenden, dessen Allmacht in der FDP in jüngster Vergangenheit doch infrage gestellt wurde? Verschärft sich die innerparteiliche Kritik an Lindner, dem viele übelgenommen haben, dass er mit seinen Äußerungen zu den „Fridays for Future“-Demonstrationen von Schülern („Das ist eine Sache für Profis“) die FDP klimapolitisch in die Defensive gebracht hat? Droht da ein Scherbengericht?

Nein, doch lieber nicht. Die Sitzung des Bundesvorstands am Montag, so ist es allenthalben zu hören, sei „sachlich und konstruktiv“ verlaufen. Vielen ist noch gegenwärtig, wie sich die FDP vorm Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 selbst zerlegte. Das wollen sie in der FDP unter keinen Umständen wiederholen. Und dann wird ja Ende Oktober in Thüringen gewählt. Dem Spitzenkandidaten Thomas Kemmerich, der ebenfalls um den Einzug in den Landtag kämpft, will man nicht die Tour vermasseln.

Es habe keine Personaldiskussion gegeben, heißt es, sondern eine nüchterne Analyse des Wahlergebnisses. Auffällig sei dabei gewesen, dass die FDP seit der Bundestagswahl insbesondere bei den Älteren verloren habe.

Einer, der darin einen wichtigen Punkt sieht, ist der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang Kubicki. „Die Erklärung, dass sich am Ende alles auf ein Rennen zwischen der jeweils größten Partei und der AfD zugespitzt hat, ist aus meiner Sicht nicht ausreichend“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Tatsache ist: Wir haben seit der Bundestagswahl in der Wählergruppe ab 60 massiv verloren (...) Möglicherweise liegt das an unserem Auftreten. Wir müssen aber auch überlegen, wie wir diese Menschen inhaltlich besser abholen.“

Der stellvertretende Parteichef betont ausdrücklich: „Da sehe ich für die FDP eine wichtige Aufgabe für die kommenden Wochen und Monate. Jung- und Erstwähler allein reichen nicht.“

Ist das schon alles? Der Politikwissenschaftler Christian Hacke glaubt das nicht. Er ist der Auffassung, dass die Krise stark von ganz oben in der Parteispitze herrührt. „Christian Lindner war mal der Problemlöser der FDP, heute ist er ein Teil ihres Problems“, sagt Hacke, emeritierter Professor an der Universität Bonn. Der Wissenschaftler fügt hinzu: „Lindner scheint sich ein wenig in Richtung Westerwelle zu entwickeln: kühl und wirtschaftsbetont. Dabei bringt er nicht ausreichend Empathie für die Menschen herüber, er zeigt nicht genug, dass er ihre Probleme kennt.“ Lindner komme „zu yuppiehaft“ rüber, glaubt Hacke. „Das gefällt den Wählern im Osten nicht – ich bezweifle aber auch, dass es im Westen übermäßig gut ankommt“, setzte er hinzu. Die FDP müsse sich „inhaltlich breiter aufstellen – es ist auf Dauer nicht gut, vor allem vom Auftritt einer Person abhängig zu sein“. Und Hacke fände es darüberhinaus „schön, wenn die Partei mal wieder mit ein paar originellen Ideen auffallen würde“. Wohl nicht nur er.

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