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Polizeibeamte transportieren Blumen zur Moschee Dean Avenue.

Nach dem Terroranschlag

Schockstarre und traurige Wut in Christchurch

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Das Massaker von Christchurch erschüttert die neuseeländische Beschaulichkeit.

Die Hände fallen zuerst auf: Man kennt sie aus der merkwürdigen „Egoshooter“-Computerspiel-Perspektive des grausamen Videos von Brenton T. Zwei Tage zuvor hielten diese Hände Waffen, mit denen der australische Rechtsradikale T. auf Dutzende und Aberdutzende friedliche Muslime schoss. Jetzt liegen um diese Hände Eisenschellen, befestigt an einem breiten Ledergürtel. T. trägt weiße Gefängniskluft, aus den kurzen Ärmeln ragen seine muskelbepackten Oberarme. Daneben wirken seine beiden Bewacher im Gerichtssaal geradezu schmächtig. Selbstbewusst krümmt der Mann, der am Freitag 50 Menschen in zwei Moscheen in der Stadt Christchurch massakrierte, beim Betreten des Gerichtssaals am Samstagmorgen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand zu einem Kreis. Vielleicht will er zeigen, dass „alles bestens“ ist, vielleicht will er ein im Internet verbreitetes Symbol weißer Rassisten reproduzieren. Er grinst.

Auf Anordnung des Richters müssen Fotografen das Gesicht des 28-jährigen Rechtsradikalen durch Verpixeln unkenntlich machen – gleichwohl sind sein Name und sein Gesicht dank seiner via Helmkamera und Internet verbreiteten Tat weltweit bekannt. Immerhin erspart der richterliche Beschluss den Hinterbliebenen, über alle Medien das Gesicht des Mörders sehen zu müssen.

Attentäter von Christchurch bereitete sich akribisch auf Massaker vor

Neuseelands Behörden reagieren auf das Massaker eher schwerfällig: Erst am Sonntag wurden die ersten Angehörigen der Toten tatsächlich benachrichtigt. Bislang haben die Behörden auch keine einzige Leiche zur Beerdigung freigegeben, obwohl Tote laut islamischen Vorschriften binnen 24 Stunden beigesetzt werden sollten. Die Neuseeländer, die gleich nach dem Massaker festgenommen wurden, sind wieder auf freiem Fuß. „Nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand handelte der Verdächtige alleine“, teilt die Polizei lapidar mit.

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Bei den Vorbereitungen legte T. einen bemerkenswerte Akribie an den Tag. Finanziell abgesichert durch eine kleine Erbschaft, reiste er einige Jahre um die Welt und besuchte laut Polizei auch europäische Länder. Ob er dort Kontakt zu rechten Gruppierungen aufnahm, wird derzeit noch untersucht. 2017 ließ T. sich dann in Neuseeland nieder und besorgte sich als erstes einen Waffenschein der Kategorie „A“: Der berechtigt zum Besitz jener Waffen, mit denen der Rechtsradikale, der der Polizei angeblich nie aufgefallen war, wahllos auf die Besucher der zwei Moscheen feuerte.

Premierministerin Ardern kündigt Reform der Waffengesetze an

Wie am Sonntag bekannt wurde, schickte T. wenige Minuten vor seiner Tat ein fast 80 Seiten langes Traktat an mehrere E-Mail-Adressen der Premierministerin Jacinda Ardern. „Es gab keinen Hinweis auf das bevorstehende Massaker“, beteuerte aber ihr Büro am Sonntag noch.

Als erste Reaktion kündigte die Regierungschefin noch am Freitag eine Reform der Waffengesetze an. Ob dieser Plan, der im ersten Schockmoment auf breite Unterstützung in der Öffentlichkeit traf, gelingt, ist offen. Am Wochenende monierten Waffenbesitzer bereits, Ardern wolle ihnen die Freiheit nehmen, Waffen zu besitzen. Kritik von rechts muss Ardern eigentlich ernstnehmen, denn sie führt eine Koalitionsregierung aus ihrer Labour Party zusammen mit den Grünen und den Populisten von „NZ First“. Die stärkste Partei im Parlament, die konservative National Party, ist in der Opposition.

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Vorerst beherrscht noch der Schock des Massakers die Lage. Einer der Toten ist ein 14-jähriges Kind. Ein syrischer Arzt, der wie der Amokläufer 2017 nach Neuseeland kam, gehört ebenso zu den Opfern wie ein 71-jähriger Afghane, der in den 80er Jahren vor den Sowjets nach Neuseeland floh. Unter den Toten befinden sich auch fünf Palästinenser und neun Pakistaner. Einer von ihnen, der 49-jährige Lehrer Miam Naeem Rashid, soll posthum von seinem Heimatland mit einer Medaille geehrt werden. Das Video des Mörders zeigt, wie er voll Todesmut versuchte, T. zu überwältigen. Rashid starb im Krankenhaus an seinen Verletzungen.

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