Hausprojekt als Symbol der linken Szene

Auseinandersetzungen nach Räumung der „Liebig 34“ in Berlin

Am Freitag ist das Hausprojekt „Liebig34“ in Berlin geräumt worden. Die Nacht zu Samstag war nicht nur in Berlin unruhig.

Update vom 09.10.2020, 22.57 Uhr: Nachdem das Hausprojekt „Liebig34“ in der Berliner Liebigstraße am Freitag geräumt worden war, kam es am späten Abend zu einer größeren Demonstration in Berlin. Dabei kam es laut Agenturberichten auch zu Flaschen- und Feuerwerkswürfen auf Polizeibeamte. Die Polizei reagierte teils mit Schlagstöcken und dem Einsatz von Pfefferspray. Aus der Demonstration heraus wurde Pyrotechnik gezündet. Die Polizei griff immer wieder in die Demonstration ein und stoppte den Aufzug phasenweise. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Beamten und Demonstrierenden. Über Verletzte auf beiden Seiten lagen am Freitagabend keine Informationen vor.

Auch in Leipzig wurde gegen die Räumung der „Liebig34“ demonstriert. Dort kam es nach Berichten von Aktivist*innen vor Ort zur Festsetzung von Demonstrierenden im Freien. Darunter sollen sich auch Minderjährige befunden haben.

Der Anwalt des Hausprojekts hatte am Freitagnachmittag die Räumung Hausprojekts „Liebig34“ kritisiert. Er sprach davon, dass das Vorgehen bei der Räumung „rechtswidrig“ verlaufen sei. Er sei vom Gerichtsvollzieher trotz einer entsprechenden Verabredung nicht informiert worden.

Erstmeldung vom 09.10.2020, 17.58 Uhr: Berlin - Mit dicken Holzstöcken trommeln Demonstrantinnen und Demonstranten rhythmisch auf Müllcontainer. Andere schlagen auf Einkaufswagen, Regenrinnen oder andere Gegenstände aus Metall oder Holz. Alles, was sie eben finden. Hauptsache, es ist laut. Ein Vermummter trommelt unaufhörlich mit einem Kochlöffel auf einen Metalltopf. Er steht direkt einem Polizisten gegenüber, der die Blockade an der Liebigstraße in Berlin-Friedrichshain aufrechterhält.

Seit der Nacht zum Freitag ist der gesamte Westteil des Samariterviertels, einer Hochburg der linken Szene, durch die Polizei abgeriegelt. Niemand darf rein oder raus, ausgenommen all jener, die im Viertel wohnen. 1500 Polizisten aus acht Bundesländern sind im Einsatz, manche bis zu 24 Stunden. Ihnen stehen genauso viele Aktivisten gegenüber.

„Liebig 34“ war Symbol der linksautonomen Szene

Grund für diesen Einsatz ist das Eckhaus an der Liebigstraße 34. Es ist ein Symbol der linksautonomen Szene. Die Besetzerinnen nennen das Wohnprojekt „anarcha-queer-feministisches Hausprojekt Liebig 34“. Bereits vor zwei Jahren war ein zehnjähriger Gewerbemietvertrag ausgelaufen. Der Eigentümer setzte schließlich die Räumung durch.

Freitagmittag ist die „Liebig34“ schließlich leer. Farbspritzer auf dem Asphalt und jede Menge Glasscherben lassen erahnen, was sich nur wenige Stunden zuvor abgespielt hat. 57 Menschen wurden laut Polizei aus dem Haus geführt.

Die ehemaligen Bewohnerinnen sind zwar fort, doch sie sind nicht im Stillen gegangen. 1500 Menschen protestierten lautstark gegen die Räumung des besetzten Wohnhauses. „Lasst uns Chaos stiften, sichtbar sein und die Räumung der Liebig34 verhindern“, riefen die Hausbesetzerinnen zuvor auf ihrer Homepage auf.

Schon in der Nacht zuvor hatten an verschiedenen Orten in der Stadt Autoreifen und Müllcontainer gebrannt. Auch ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten fing Feuer. Dort entdeckten Beamte nach dem Brand auch den Schriftzug „L34“, was für die „Liebig 34“ steht. Die Polizei geht von einem politischen Motiv aus, der Staatsschutz ermittelt.

Polizei kam mit Kettensäge und Brecheisen zur Liebigstraße

Die Räumung konnten die Autonomen nicht verhindern, doch für Unruhe sorgen sie auch danach noch. „One struggle, one fight! Rigaer Straße, Liebig bleibt!“, brüllt ein Demonstrant, als die ersten Einsatzkräfte bereits wieder abziehen. Die anderen steigen mit ein. „A! Anti! Anticapitalista!“. Die Menge klatscht, jubelt und pfeift. Zusammen mit dem Trommelwirbel entsteht ein ohrenbetäubender Lärm. Immer und immer wieder. Die Räumung ist seit einer halben Stunde beendet.

Begonnen hatte sie gegen 7 Uhr morgens. Die Polizei drang mit Kettensäge und Brecheisen in das verbarrikadierte Wohnhaus ein. Im Innern stießen die Beamten nach eigenen Angaben auf weitere Hindernisse wie Betonelemente, Bretter und Metallteile. Eine Stahltür musste aufgeflext werden. Einige der Polizisten kamen über ein Fenster im ersten Stock mit Trennschleifern in das Gebäude. Bis zum frühen Vormittag wurden knapp 20 Bewohnerinnen nach draußen gebracht, nur wenige widersetzen sich.

Zwischendurch herrscht aber auch eine „sehr emotionalisierte Stimmung“, wie ein Polizei-Sprecher sagt. Bei Twitter kursieren unter dem Hashtag #Liebig34 mehrere Videos, die zeigen, wie Polizisten und Demonstrierende aufeinander losgehen. Auslöser für die Übergriffe werden daraus nicht ersichtlich. Vereinzelt fliegen mit Farbe gefüllte Flaschen. Angaben zu Verletzten und möglichen Festnahmen liegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.

Der Gerichtsvollzieher will das Haus, das in den 90er-Jahren eines von zahlreichen besetzten Gebäuden in Ost-Berlin war, an den Eigentümer übergeben. Ein Bausachverständiger hat inzwischen die leer geräumte Immobilie freigegeben. (mit dpa)

Von Sabrina Lösch/Marcel Richters

Rubriklistenbild: © Sebastian Willnow / dpa / picture alliance

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