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Theorie im Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Medizinstudum

Nach dem Examen in die Industrie

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Viele Mediziner wollen keine Ärzte werden, sondern suchen sich andere Arbeitsfelder. Der Präsident der Berliner FU fordert die Änderungen der Ausbildung.

Deutschland investiert viel Geld in eine gute Medizinerausbildung, aber es leidet dennoch unter einem spürbaren Versorgungsengpass“, sagt Peter-André Alt. Kurz vor Beginn des Wintersemesters fordert der Präsident der Freien Universität (FU) Berlin Änderungen im Medizinstudium, die dem Bedarf nach mehr Ärzten Rechnung tragen. Bundesweit könnten in drei Jahren bis zu 30 000 Hausärzte fehlen, warnte jüngst die Bundesärztekammer. Ärzte fehlen vor allem auf dem Lande.

Das Medizinstudium selbst ist den Aussagen des FU-Präsidenten zufolge in Berlin sehr praxisnah ausgerichtet. Durch die Einführung des Modellstudiengangs vor sieben Jahren begönnen alle jungen Mediziner in Berlin gleich im ersten Semester mit klinischen Unterrichtsblöcken, sagt er. Früher als in der Vergangenheit würden sie mit Fächern wie Chirurgie, Frauenheilkunde, innerer Medizin und Neurologie konfrontiert. Die Unterscheidung zwischen vorklinischem und klinischem Studienabschnitt – getrennt durch das Physikum – sei hinfällig geworden.

Nicht nur die Charité, sondern auch die Universitätskliniken in Aachen, Bochum, Düsseldorf, Köln, Hamburg und Oldenburg böten vergleichbare Reformstudiengänge an. Insgesamt beginne das Medizinstudium an einem Viertel aller Universitäten mit praxisnahen Kursen. Dennoch kritisiert Peter-André Alt Strukturprobleme, die eine ausreichende Versorgung mit Ärzten behinderten. Denn die Modellstudiengänge seien an den meisten Universitäten unterschiedlich gestaltet worden, sagt er. So wie ein Übergang zwischen alten und neuen Studiengängen unmöglich sei, so könne man auch zwischen den verschiedenen Reformmodellen nicht ohne erheblichen Zeitverlust wechseln. „Dass es zu einer erfolgreichen Studienbiografie gehören kann, Erfahrungen an unterschiedlichen akademischen Orten zu sammeln, ist bei den verantwortlichen Planern offenbar in Vergessenheit geraten“, kritisiert Alt. „Das ist ärgerlich, ja unverzeihlich, zumal man weiß, dass solche Organisationsfehler nur mit gewaltigem Aufwand zu beheben sind.“

Und noch etwas anderes trübe die Bilanz. Am Ende stünden trotz einer guten Studentenquote nicht genügend Ärzte. Denn ein erheblicher Anteil der frisch examinierten Mediziner gehe nach der Prüfung nicht in den ärztlichen Beruf. „Sie verfolgen stattdessen Karrieren in der Pharmaindustrie, der Forschung, im Management“, sagt Alt. Ein wesentlicher Grund dafür sei der häufig unattraktive Berufsalltag in Deutschlands Kliniken. Die Arbeitszeiten seien wenig familienfreundlich, die Hierarchien sehr ausgeprägt. „Nach sechs Jahren Studium fangen die jungen Ärztinnen und Ärzte noch einmal fast bei null an“, so der FU-Präsident. „Sie müssen erkennen, dass die akademische Ausbildung, trotz integrierter Praxiserfahrung, nicht ausreicht, um auf der Station oder im OP zu bestehen.“ Der Praxisschock sei also unvermeidlich, auch wenn das Studium mittlerweile besser organisiert sei. Wer keine starke Motivation zur heilkundlichen Tätigkeit mitbringe, suche sich in dieser Phase einfachere Berufswege. Obwohl die Universitäten genügend Mediziner qualifizierten, fehlten also am Ende Ärzte, fasst Peter-André Alt zusammen. „Will man dieses Missverhältnis ändern, so müsste man ein festes Kontingent an Studienplätzen für diejenigen bereithalten, die sich dazu verpflichten, nach dem Examen im ärztlichen Beruf tätig zu sein“, schlägt der FU-Präsident kurz vor Beginn des Wintersemesters vor.

Der Appell aus der FU-Spitze geht in dieselbe Richtung wie die Bestrebungen von Bund und Ländern. Denn es verlassen nicht nur zu wenige Ärzte die Universitäten. Viele Mediziner gehen auch ins Ausland. Allein zwischen 2007 und 2012 wanderten gut 16 880 Ärzte aus, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei im Bundestag ergab – vor allem in die Schweiz und Österreich.

Um speziell den Engpässen auf dem Lande entgegenzutreten, einigten sich Bund und Länder Anfang 2017 auf eine sogenannte Landarztquote. Bis zu zehn Prozent der Medizinstudienplätze sollen an künftige Ärzte vergeben werden, die sich bereit erklären, nach dem Studium einige Jahre in unterversorgten Regionen zu arbeiten.

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