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Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal hat Marienthal wieder Hoffnung

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Von: Pitt von Bebenburg

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Ein Teil von Marienthal im August 2021, vier Wochen nach der Flut: Die Wassermassen haben fast alle Häuser im Ort zerstört oder stark beschädigt.
Ein Teil von Marienthal im August 2021, vier Wochen nach der Flut: Die Wassermassen haben fast alle Häuser im Ort zerstört oder stark beschädigt. © Imago

Nach der Flutkatastrophe 2021 will der Ort Marienthal nicht wieder zurück zur alten Normalität – vielleicht erfindet er sich auch komplett neu.

Wenn das fürchterliche Hochwasser des vergangenen Jahres an der Ahr irgendeine positive Folge haben sollte, dann könnte es diese sein: Der Ort Marienthal, ein Dorf zwischen Weinbergen am Fluss, könnte endlich zusammenwachsen. Nach langer Zeit.

Seit dem Bestehen des örtlichen Klosters, also seit dem Jahr 1137, ist der kleine Ort zweigeteilt. Eine Hälfte gehört zu Bad Neuenahr-Ahrweiler, die andere zu Altenahr. Getrennt wird das Dorf durch den Hubach, der am Kloster Marienthal vorbei in die Ahr fließt, inzwischen unterirdisch in einem Rohr. Auf der einen Seite des Ortes stehen 19 Häuser, auf der anderen sind es 18.

Wenn es einen agilen Bürgermeister in Notzeiten gäbe, dann wäre das Rolf Schmitt. Doch Marienthal hat keinen Bürgermeister, es gehört ja zu zwei Orten. Der offizielle Titel von Rolf Schmitt lautet „Verbindungsperson der Verbandsgemeinde Altenahr“. Andere nennen ihn „Dorfkümmerer“, das trifft es besser.

Team für den Neubeginn: Rolf Schmitt und Dieu Trinh Nguyen.
Team für den Neubeginn: Rolf Schmitt und Dieu Trinh Nguyen. © Pitt von Bebenburg

Der Mann im Karohemd ist 60 Jahre alt und eigentlich Bundespolizist. Aber seit dem Hochwasser hat er anderes zu tun. Nicht nur, weil sein eigenes Haus voll Wasser gelaufen ist und saniert werden muss. Sondern weil er Marienthal neues Leben einhauchen will.

Rolf Schmitt steht in der Ortsmitte, die eine einzige Baustelle ist. Da wird kräftig gebaggert und gebaut, was beachtlich ist, denn im Ahrtal sind seit den vielen Schäden beim Hochwasser im Juli 2021 die Bauarbeiter knapp. Hier, mitten im Ort, soll das „Freundschaftshaus“ entstehen. Früher hätte man Dorfgemeinschaftshaus dazu gesagt, aber in diesen Zeiten ist der Zusammenhalt noch enger.

Marienthal nach der Flutkatastrophe: Die Wassermassen zerstörten fast alle Häuser

Schon Anfang August soll der Treffpunkt für die Ortsbevölkerung stehen. Er wird aus Holz gebaut, und zwar nicht hier, sondern im bayrischen Nördlingen. Der dortige Donau-Ries-Kreis macht das Gebäude aus Solidarität fertig und bringt es zur Ahr hinauf.

Im Dorf Marienthal waren alle Häuser zerstört oder stark beschädigt worden, alle bis auf drei, die etwas höher liegen. Vier Menschen kamen durch die Flut in Marienthal direkt zu Tode, eine weitere Person nahm sich aus Verzweiflung das Leben. Nun nimmt das geteilte Dorf einen neuen Anlauf – und entwickelt dabei neue, zeitgemäße Perspektiven. „Wir wollen die Krise als Chance nutzen“, sagt Dorfkümmerer Schmitt. Mitten im Ort soll Dorfwärme erzeugt werden – mit erneuerbaren Energien, nämlich Pellets aus der Region und Solarenergie. Fast alle Hauseigentümer:innen machen mit und lassen ihre Gebäude anschließen.

Die Projektmanagerin heißt Dieu Trinh Nguyen. Sie ist für die Eifel Energiegenossenschaft Eegon tätig und präsentiert das Vorhaben beim Besuch von Landtagsabgeordneten der Flut-Enquetekommission mit Begeisterung. „Wie Sie sehen, gibt es Sonne gratis“, sagt sie angesichts des Wetters beim Besuch. Mit der Wärme soll auch Strom in die Häuser kommen, Wasser und Glasfaseranschluss. Bis Anfang November soll das funktionieren, so steht es im Vertrag zwischen Marienthal und der Eegon.

Marienthal nach der Flutkatastrophe: Aus der Politik kommt Ermutigung

Aus der Politik kommt Ermutigung. „Wir brauchen im Ahrtal möglichst viele Projekte wie das Nahwärmenetz Marienthal, die die Wärmeversorgung vor Ort auf Erneuerbare Energien umstellen“, urteilt die Grünen-Politikerin Lea Heidbreder, die die Enquetekommission „Zukunftsstrategien zur Katastrophenvorsorge“ im rheinland-pfälzischen Landtag leitet. „Schon heute ist klar im Vorteil, wer Strom und Heizung nicht aus teurem Gas oder Öl bezieht, sondern auf erneuerbare Energien setzen kann“, stellt sie fest. Jetzt biete sich die Gelegenheit, „das Ahrtal zum Gewinner dieses strukturellen Wandels zu machen.“

In die Ortsmitte soll das „Freundschaftshaus“.
In die Ortsmitte soll das „Freundschaftshaus“. © Pitt von Bebenburg

In Marienthal ist ohnehin manches anders als in anderen Orten. Hier steht einer der schönsten Anziehungspunkte der Region für den Tourismus, die mächtige Ruine des Klosters Marienthal, das heute als Weingut und Restaurant dient. Schon Anfang November 2021 konnte Pächter Franz-Josef Appel den Betrieb direkt am Rotweinwanderweg wieder öffnen.

Im Innenhof wird zum Wein eine reiche Auswahl an Flammkuchen angeboten. Ausgerechnet die Ruine war vom Hochwasser nicht betroffen. Doch auch hier oben gab es wochenlang weder Strom noch Leitungswasser, Internet oder Handyempfang. Erst Ende Oktober war das Haus ans Trinkwasser angeschlossen. Nun läuft der Betrieb wieder.

Der Optimismus in Marienthal wirkt ansteckend, dabei stehen keine 100 Meter unterhalb des Kloster-Weinguts noch immer Container, die sich die Bewohnerinnen und Bewohner mit Blumenkästen einigermaßen wohnlich gestaltet haben. In den Containern leben 21 der rund 90 Einwohner:innen von Marienthal. Darunter Rolf Schmitt. Doch auch der ist gut gelaunt. „Es geht voran“, sagt er. „Es ist ein anderes Gefühl, wenn man sieht, es passiert etwas.“

Und dann geschieht vielleicht sogar das Wunder von Marienthal – und aus dem zweigeteilten Ort wird auch verwaltungstechnisch ein einziger.

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