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Nach dem Ende der Diktatur, das Warten auf den EU-Beitritt: Der weite Weg Albaniens

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Von: Thomas Kaspar, Martin Benninghoff

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Ließ in Brüssel seinem Frust freien Lauf: Albaniens Ministerpräsident Edi Rama (links), hier mit EU-Spitzen, Charles Michel und Ursula von der Leyen.
Wirbt in Brüssel für den EU-Beitritt: Albaniens Ministerpräsident Edi Rama (links), hier mit den EU-Spitzen Charles Michel und Ursula von der Leyen. © Ludovic Marin/afp

Als Reiseland wird Albanien immer beliebter, doch ein kompliziertes Erbe und wirtschaftliche Probleme machen dem Land zu schaffen.

Europa leidet unter den Folgen zweier Krisen, Albanien hat mindestens eine dritte zu schultern. Bevor die Invasion der Ukraine und die Corona-Pandemie die europäischen Volkswirtschaften herausforderten, erschütterte im November 2019 ein schweres Erbeben das Balkanland. Auch Durrës, die größte Hafenstadt des Landes an der adriatischen Küste, wurde in Mitleidenschaft gezogen, 51 Menschen starben, unzählige Gebäude wurden zerstört. Nicht zum ersten Mal: Albanien ist wie die Anrainerstaaten erdbebengefährdet. Die Menschen haben gelernt, mit der ständigen Gefahr zu leben. So wie die Menschen in Albanien auch gelernt haben, mit den Widrigkeiten ihres kleinen, aber höchst vielfältigen Landes zu leben.

Edi Rama

Albaniens Premier hat der Frankfurter Rundschau ein ausführliches Interview gegeben.

Edi Rama: „Die Aussöhnung zwischen Kosovaren und Serben wird dauern. Aber wer hätte gedacht, dass Deutsche und Franzosen so wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder enge Partner sein würden. Nötig ist eine Vision und politische Führung, um diesen Prozess voranzubringen. Aber er wird kommen, da bin ich sicher. Es gibt keinen Weg zurück.“

Mehr als 30 Jahre nach dem Fall des kommunistischen Regimes ist das Land mit geschätzten 2,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern noch immer dabei, das Erbe der Herrschaft von Enver Hoxha abzuschütteln. Der Diktator aus einer der ältesten Städte des Landes, aus Gjirokastra, hatte sein Albanien zu einem – aus seiner Sicht – kommunistischen Musterstaat umfunktioniert. Aus anderer Sicht zum Freiluftgefängnis. Das heute vergleichsweise kosmopolitische Tirana wurde zur grauen Hauptstadt eines noch graueren Landes, das so abgeschottet war wie heute nur noch das stalinistische Nordkorea. Das Bildungssystem, die Schulen, fast alles war auf den Personenkult Hoxhas zugeschnitten, der 1985 starb. Noch heute zeugen kleine und mittelgroße Betonbunker, die an Stränden, im Gebirge oder auf Feldern zu finden sind, von der paranoid-isolierten Diktatur inmitten Europas.

Albanien: Einst abgeschottet unter Enver Hoxha, nun offen und hoffnungsvoll auf den EU-Beitritt

Nach dem Fall des Kommunismus waren die Albanerinnen und Albaner zwar frei, aber weiterhin arm. Das Durchschnittseinkommen pro Kopf liegt bei rund 350 Euro im Monat. Nach anfänglichen Erfolgen knickte das Wirtschaftswachstum während der europäischen Finanzkrise und dann später mit der Corona-Pandemie ein – zuletzt um die vier Prozent. Das landwirtschaftlich geprägte Albanien baut seit mehr als zehn Jahren auf den vergleichsweise boomenden Tourismussektor, 2019 sollen bis zu sechs Millionen Feriengäste eingereist sein, um an den vielfach unberührten Stränden zu baden oder in den urigen Gebirgszügen des Nordens wandern zu gehen. Die Hauptstadt gilt mit ihrer hippen Pubszene als gar nicht mehr so geheimer Geheimtipp für Rucksackreisende.

Doch während die Zahl der Reisenden wächst, schrumpft die der albanischen Bevölkerung. Vor allem arbeitsuchende Männer verlassen das Land. Mehr als eine Million Albanerinnen und Albaner leben ohnehin schon im Ausland, im Kosovo, in Nord-Mazedonien, Griechenland oder in den USA. Tendenz steigend.

„Albanien wird immer schwächer“, sagt Dušan Reljic, Brüsseler Büroleiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Der Trend soll auch mit europäischer Hilfe gebrochen werden. Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel hat konsequent daran gearbeitet, Albanien fit für die EU zu machen, indem es Altlasten wie die Korruption und fehlende Bildungsmöglichkeiten abstreift.

Die Zahl der Reisenden steigt, die der Einwohner fällt: „Albanien wird immer schwächer“

Allerdings mit mäßigem Erfolg: Albanien hat seit 2014 Kandidatenstatus, die Verhandlungen haben aber offiziell – wie im Falle Nord-Mazedoniens – noch immer nicht begonnen. Das wird nicht nur in Tirana kritisch gesehen, sondern auch von der Wissenschaft: „Albanien wird in diesem Prozess ohne triftigen Grund zurückgehalten“, sagt Reljic. Mit gravierenden Folgen: Die EU-Zuschüsse aus Strukturfonds und anderen Geldtöpfen Brüssels für die Mitgliedstaaten der Region – Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Kroatien, Ungarn und Slowenien – sollen demnach für die nächsten sieben Jahre rund elf Mal höher ausfallen als für die Länder des Westbalkans. „Man sollte die Region schon so behandeln, als wäre sie schon ein Teil der EU“, sagt Reljic.

Obwohl Albaniens Ministerpräsident Edi Rama im Interview den Eindruck vermittelt, dass Albaniens Geduld unerschöpflich sei, bleibt die Frage, ob das die Albanerinnen und Albaner bei der Frage des EU-Beitritts genauso sehen. Der Wille scheint ungebrochen, Albanien verortet sich klar im Herzen Europas, im Gegensatz zu Serbien liebäugelt man nicht mit Russland. Die Märkte der Westbalkanländer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten konsequent dem Westen geöffnet. Auch im Justiz- und Polizeiwesen wurden Reformen unternommen, allerdings gibt es auch Rückschläge bei der demokratischen Stabilisierung des Landes: In der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ stürzte Albanien zuletzt um 20 Plätze ab.

Gute Nachrichten gibt es laut Edi Rama hingegen auf wirtschaftlicher Seite: Angeblich steht der Mineralölriese Shell kurz vor der Entdeckung großer Gas- und Ölvorkommen in Albanien. Wenn dem so ist, könnte das Land in der aufkommenden Energiekrise des Kontinents eine neue Rolle spielen. Ob das die Umwelt dieses landschaftlich reizvollen Landes freut, ist eine andere Frage. Thomas Kaspar und Martin Benninghoff

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