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Auch die Verkehrswende gehört dazu – damit der Klimaschutz nicht unter die Räder kommt. 

Die Welt nach Corona

Nach Corona: Mit gutem Klima in Frieden leben – Gastbeitrag

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Eine nachhaltige Wirtschaft hilft nicht nur gegen die Erderwärmung – sie verhindert auch gefährliche Konflikte. Und der Einstieg ist gar nicht so schwer.

In der Corona-Krise haben wir fast weltweit die Wirtschaft von einem Tag auf den anderen heruntergefahren. Es gibt vereinzelt Stimmen, die der aktuellen Situation durchaus Positives abgewinnen: Es sinken die globalen Emissionen, in den Städten kehrt Ruhe ein, Flora und Fauna erholen sich. Doch sicher will niemand dauerhaft Umwelt- und Klimaschutz mit dem Schrecken und Leid einer Pandemie bezahlen.

Wenn wir in der Corona-Krise jetzt vor der Frage stehen, ob und wann wir den Reset-Knopf drücken, dann haben wir nicht nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen Covid-19 und Klimawandel gibt es etwas Drittes: Wir könnten ein gesellschaftliches Update installieren, ein Update, in dem Wirtschaft und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen.

Die Verantwortlichen in der Politik sind dabei genauso gefragt wie jeder einzelne Mensch. Es geht vor allem darum, jegliches Wirtschaften komplett auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz auszurichten. Dies braucht einen bunten Strauß an Instrumenten aus Ordnungsrecht und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Politik muss die Instrumente bauen und zur Verfügung stellen; die Menschen müssen dann verantwortungsbewusst, kreativ und harmonisch auf ihnen spielen.

„Der Klimawandel ist brutal und ungerecht“

Claudia Kemfert ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Das Ende des fossilen Zeitalters und die Dekarbonisierung der Wirtschaft sind nicht mehr aufzuhalten. Der Preisverfall an den Ölmärkten zeigt, dass wir in die Phase des fossilen Schlussverkaufs eintreten. Eine Energiewende-Welt mit 100 Prozent erneuerbaren Energien ist technisch machbar, aber vor allem ist sie ökonomisch, ökologisch und sozial vernünftig und lohnend. Denn schon lange weiß die Wissenschaft, dass der ungebremste Klimawandel uns mehr kosten wird als die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen für das beim Klimagipfel 2015 in Paris vereinbarte 1,5-Grad-Ziel.

Der Klimawandel ist brutal und ungerecht. Seine größten Verursacher sind die reichsten Profiteure der fossilen Energien, und sie haben am wenigsten mit seinen Folgen zu kämpfen. Die größten Klimaschäden treffen jene, deren Treibhausgas-Emissionen am allerniedrigsten sind. Hinzu kommt, dass die Emissionen dort zu Buche schlagen, wo produziert wird, nicht dort, wo konsumiert und verbraucht wird. Die Ärmsten der Welt müssen die Folgen eines Energieverbrauchs tragen, den die wohlhabenden Industrieländer zu verantworten haben und nicht zu ändern bereit sind.

Klimawandel: Energiewende sorgt für Wohlstand

Wenn die Weltnationen nicht nur Klimaziele formulieren, sondern auch tatkräftig und entschlossen konkrete Maßnahmen ergreifen, um diese Ziele zu erreichen, dann kann unser im Weltmaßstab kleines Deutschland in seiner Vorbildfunktion große Wirkung haben. Nicht zuletzt als Friedensstifter. Denn die meisten aktuellen Kriege sind schon heute Konflikte um mangelnde Ressourcen.

Energie ist eine der wichtigsten Ressourcen für die Wirtschaft aller Staaten. Wer sich nicht um Ölquellen streiten muss, weil Solarzellen auf den Hausdächern die regionale Wirtschaft beflügeln, findet vielleicht auch friedliche Wege für ein fruchtbares soziales Miteinander. Wer hier innovative Ideen und zukunftsweisende Impulse liefert, kann so manchen Konflikt aus der Welt schaffen. Als Land der Erfinder und Ingenieure könnten wir auf diese Weise Energie und Frieden in der Welt verbreiten.

Ob in den USA oder in Afrika, in Indien, China oder in Deutschland: Die erneuerbaren Energien und der Klimaschutz sorgen schon heute überall auf der Welt für Bildung und Wohlstand. Die Energiewende sorgt dafür, dass Strom bezahlbar wird, Kinder einen Schulabschluss und Frauen eine Ausbildung machen können. Die Energiewende entschärft geopolitische Konflikte, verhindert Kriege um Ressourcen und ermöglicht medizinische Versorgung. Die Energiewende bietet Menschen, die sonst mangels Perspektive aus ihrer Heimat flüchten müssten, eine Zukunft und eine Existenzgrundlage. Kurz: Die Energiewende ist die wichtigste Antwort auf die in aller Welt schwelenden Konflikte, den Terror, die Angst und die Armut.

Klimawandel: Anfang mit politischem Willen leicht umsetzbar

Es bedarf eines kompletten Umsteuerns in allen Bereichen: Ab sofort muss jede Investition statt in fossile in erneuerbare Energien fließen. Das Motto lautet: „Renewables first“! Also Schluss mit Subventionen für fossile oder atomare Energien. Stattdessen müssen die Folgeschäden endlich eingepreist werden. Wenn Öl, Gas und Kohle so teuer wären, wie sie es in Wahrheit sind, würden die Leute mit großer Begeisterung auf Wind, Wasser, Sonne und Geothermie umsteigen.

Wir brauchen eine Regulierung der Finanzmärkte für attraktive Investitionen in die globale Energiewende. Dazu müssen für alle erneuerbaren Energien – ob Wind-, Wasser- Solarenergie, Geothermie oder Biomasse – Kapazitäten ausgebaut werden. Außerdem müssen vielfältige Flexibilitäts-Optionen miteinander kombiniert werden, um die Integration fluktuierend (also mit schwankender Leistung) einspeisender Wind- und Solarenergieanlagen optimal zu gewährleisten.

Das ist der Anfang und mit dem entsprechenden politischen Willen leicht umzusetzen. Dann geht’s weiter mit dem nächsten Schritt: Alle Produkte müssen nachhaltig und recycelbar sein. Die Mobilität sollte öko-elektrisch und klimaneutral sein. Auch das kann man durch entsprechende Rahmenbedingungen ermöglichen und einen Wettbewerb klimabewusster Ökonomie in Gang setzen. Am Ende der Energiewende steht ein völlig neues, dezentrales, flexibles und dynamisches System.

Klimawandel: Wie bei Corona viel zu tun, aber auf lange Sicht

Ohne Zweifel ist ein solcher Umbau mit großen Unsicherheiten verbunden. In der aktuellen Corona-Krise lernen wir im Crashkurs, solche Unsicherheiten auszuhalten. Zwar wird allenthalben nach einer starken Hand gerufen, aber unser föderaler Staat mit seinen demokratischen Checks- and-balances-Strukturen erweist sich im internationalen Vergleich durchaus als ethisch und ökonomisch wettbewerbsfähig.

Claudia Kemfert. Mondays for Future. Murmann Verlag, Hamburg 2020, 200 Seiten, 18 Euro.

Bürgerinnen und Bürger zeigen sich derzeit in sehr viel stärkerem Ausmaß bereit, neue Wege zu gehen, als mancher gedacht hätte. Technische Innovationen werden wohlwollend akzeptiert. Neue Kultur- und Arbeitstechniken beim Shopping oder im Homeoffice werden erlernt, die Gesellschaft zeigt bewundernswert steile Lernkurven.

Corona- und Klimakrise weisen Ähnlichkeiten in Ablauf und Lösung auf. Covid-19 zwingt uns in jeder Hinsicht zur Fokussierung auf die kurzfristige Lösung. Beim Klimaschutz gibt es viel zu tun, aber wir haben dabei eine längere Perspektive. Deswegen ist es angebracht, schon jetzt – also noch inmitten der aktuellen Corona-Krise – mitzudenken, wie wir in der Bewältigung der ersten auch gleich die zweite Krise in Angriff nehmen können. Wie können wir die drohende Klimakrise verhindern oder zumindest abmildern?

Die Wissenschaft hat vor Pandemien lange gewarnt und auf Basis früherer Erfahrungen mit den Coronavirus-Krankheiten Sars und Mers entsprechende Szenarien für ähnliche Krisen erstellt. Auch vor der Klimakrise haben Wissenschaftler lange gewarnt und Vorschläge entwickelt, um die Emissionen nicht zu sehr ansteigen zu lassen („Flatten the curve“). Inzwischen merken wir, dass sich die Negativ-Szenarien bewahrheiten. Für beide Krisen gilt: Je stärker wir die Infektionsmöglichkeiten begrenzen und je früher wir die Emissionen senken, desto länger haben wir Zeit.

Klimawandel: Corona-Krise lehrt ein Eintreten für Prinzipien der Demokratie

Wir müssen heute handeln, um die Katastrophen von morgen und übermorgen zu verhindern. Wir müssen Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen. Wir müssen Bewährtes fortführen, aber auch Experimente wagen. Dafür brauchen wir Grundlagen, Wissen, Fakten, Erkenntnisse und jede Menge Kraft.

Bei der Corona-Krise lernen wir zudem, wie sehr es in einer starken Demokratie auf uns alle ankommt. Nichts ist derzeit so wichtig wie verantwortungsbewusste und verbindliche Solidarität. Davon können wir im Hinblick auf den Klimaschutz lernen. Es geht um einen Generationenvertrag: Heute stärken die Jungen die Alten durch ihr konsequentes Social-distancing-Verhalten. Morgen stärken die Alten die Jungen dann durch konsequenten Klimaschutz.

Derzeit werden wir mit der Nase drauf gestoßen, über die unantastbaren Prinzipien der Demokratie nachzudenken – und für sie einzutreten. Selten zuvor wurde so intensiv über Reise- und Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Religionsfreiheit als zentrale Werte diskutiert. Es gibt eine große Sensibilität dafür, dass jede staatliche Machtausübung durch das Volk legitimiert sein muss. Und dass wir alle dafür Sorge tragen müssen, dass das so bleibt – auch wenn wir vorübergehend auf bestimmte Freiheiten verzichten. Es geht nicht nur um uns selbst und den eigenen Konsum, sondern um die Familie, die Freunde, die Schule, die Organisation, den Betrieb, die Stadt, ja, plötzlich geht es um die ganze Welt. Unser Tun hier und jetzt hat Auswirkungen auf Menschen morgen und überall. Wir übernehmen Verantwortung, die größer ist als unser individuelles Handeln.

Bürgerbeteiligungen für den Klimaschutz

Auch Klimaschutz braucht Engagement und lebt von Partizipation. Die „große Klimalösung“ finden wir also nur, indem wir möglichst viele verschiedene Projekte der Bürgerbeteiligung starten und erfolgreich durchführen. Auch neue Formen der Zusammenarbeit zu entdecken, kann ein Beitrag für eine nachhaltige Zukunft sein. Wir sollten ausprobieren, mit welchen Methoden eine Gruppe möglichst unterschiedlicher Menschen am effizientesten zu gemeinsamen Verabredungen kommt. Beginnen wir eine moderne Lern- und Fehlerkultur, bei der alle Beteiligten ohne Sorge scheitern und daraus lernen dürfen! Arbeiten wir mit Zutrauen statt mit Druck! Loben wir Mut, feiern wir Erfolg, entzünden wir ein Feuerwerk der Ideen und Taten und geben wir Gedankenfreiheit!

Jetzt geht es darum, Strukturen zu schaffen, um allen beteiligten Menschen Sicherheit zu geben, dass ihre Verhaltensänderung zugunsten des Klimas keine negativen Auswirkungen beispielsweise auf ihre soziale Teilhabe oder ihre Mobilität hat. Wir brauchen Ideen und originelle Anreize, um zu einer nachhaltigeren Lebensweise zu motivieren. Wieso nicht beim nächsten Vereinsfest vegetarische Würste oder Gemüse auf den Grill legen? Wieso den Gästen im Unternehmen nicht ein ÖPNV-Ticket statt einer Parkmünze geben? Warum auf der Webseite die Anreise von der Autobahn beschreiben, aber nicht die bequemste Fahrt mit dem ÖPNV oder die sicherste und schönste Strecke mit dem Rad?

Klimawandel: Sind die Klimaziele bis 2030 noch erreichbar?

Und so geht’s weiter: Wie wäre es mit Büroschlüsseln, die wie im Hotel als Zimmerkarten und Elektroschalter funktionieren? Wie wäre es mit Bewegungsmeldern in Toiletten, Fluren und Treppenhäusern? Wie wäre es mit Leihrädern auf dem Gelände und individuellen Dienst-(E-)Rädern? Wie wäre es mit wiederverwendbaren Coffee-to-go-Bechern auch an Betriebs-Kaffeeautomaten?

Es gibt viele Möglichkeiten, nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch die „große“ Politik mitzubestimmen. Vor allem brauchen wir neue Ideen und Menschen, die sie entwickeln. Dabei können wir gar nicht radikal genug denken. Die britische Universität Cambridge hat eine neue Forschungsstelle geschaffen, an der sie radikale Lösungen für den Klimawandel erforschen will. Wem Cambridge zu weit weg ist, der kann vor der eigenen Haustür anfangen.

Sind die Klimaziele 2030 überhaupt noch erreichbar? In zehn Jahren kann viel passieren. Der Umstieg von der Pferdekutsche hin zum Automobil hat nur wenige Jahre gedauert. Dies zeigen Fotos, die bei einer Osterparade auf der Fifth Avenue in New York aufgenommen wurden: Im Jahr 1900 war sie voller Pferdekutschen, zehn Jahre später voller Automobile. Dass es in kürzester Zeit durchaus möglich ist, einen vollständigen Wandel herbeizuführen, erleben wir auch aktuell im Corona-Stresstest.

Über die Grenzen des Wachstums, über Umwelt- und Klimaschäden als Folge unseres Wirtschaftens diskutieren wir schon über 40 Jahre. Wir stehen am Wendepunkt. Wir können etwas ändern, wenn wir wollen – in der Stadt, auf dem Land, überall auf der Welt. Die Zukunft ist demokratisch, divers, vernetzt, intelligent, partizipativ, resilient, grün, zirkulär. Gesünder, gesellschaftlicher, glücklicher. Jetzt muss endlich gehandelt werden. Jetzt beginnt ein neues Jahrzehnt. Es beginnt eine neue Woche. Mondays for Future. Packen wir es an!

Zu viel Hitze, zu wenig Regen: Der Klimawandel und mehrere Dürrejahre nacheinander sind vor allem für die Wälder ein Problem.

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