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Tradition und Veränderung, das kann auch zusammengehen ? das finden zumindest jene Bayern, die einen Politikwechsel wollen.

Bayernwahl

"Mythos Bayern" vor dem Aus

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Heimat, Lederhose, Weißwurst - der Freistaat Bayern ist längst viel mehr als das von der CSU verkaufte Postkartenidyll.

Vielleicht haben die Umfrageinstitute einfach nur die falschen Leute angerufen. Nicht Markus Söder zum Beispiel. „Ich bin nicht gefragt worden“, hat der diese Woche gesagt, auf einer Wahlkampfveranstaltung. Er hat versichert, dass er „sofort eine gute Stellungnahme abgegeben“ hätte. Es war ein Witz, keine ernsthafte Beschwerde. Obwohl, vielleicht auch doch: Wenn es nur Söders gäbe in Bayern, dann wäre die Lage eine andere.

Aber so ist es eben nicht. Bayern ist nicht nur mehr als Söder, sondern ein gutes Stück vielfältiger. So vielfältig, dass es nach der Landtagswahl vom Sonntag bis zu sieben Fraktionen geben könnte im Landtag. Schon das wäre ein Rekord. Und es ist außerdem ziemlich wahrscheinlich, dass künftig eine Koalition regiert statt nur die CSU.

Der politische Sonderfall, in dem sich bis auf zwei Ausnahmen über Jahrzehnte eine Partei alleine an der Regierung halten konnte, wäre zum zweiten Mal binnen zehn Jahren und damit wohl ein für allemal beendet. Der „Mythos Bayern“ stehe vor dem Aus, warnen sie in der CSU, und eigentlich meinen sie den Mythos CSU. Sie trennen da nicht so.

Tatsächlich hat das Land ja ein sehr spezielles Eigenleben, nicht nur politisch, auch kulturell. Von außen ist Bayern Deutschland, zumindest optisch und kulinarisch: Lederhose, Dirndl, riesige Maßkrüge, Sepplhüte und Hofbräuhaus gelten im Ausland als Symbole für die gesamte Republik. Oktoberfeste gibt es auf der ganzen Welt, unter anderem in Qingdao (China), Blumenau (Brasilien), Kitchener (Kanada) und auf dem Roten Platz in Moskau.

Die CSU hat sich das zunutze gemacht. Sie hat sich mit Bayern gleichgesetzt, den trockenen Parteinamen dekoriert mit dem Synonym für Gemütlichkeit. Das Wort „Staatspartei“ prägte sich ein. Die CSU beanspruchte das Weiß-Blau der bayerischen Fahne und deren Rautenmuster. Sie übernahm einen der beiden Löwen aus dem bayerischen Staatswappen. „Löwe und Raute“, so heißt bis heute die Kantine in der CSU-Zentrale. Im CSU-Online-Shop gibt es Weißbiergläser mit Karo und Raubtier in „ätzweißem Aufdruck“. Füllmenge: 0,5 Liter.

In Bonn und später in Berlin war die CSU die kleine Schwesterpartei der CDU, zu Hause warb sie mit dem Alleinvertretungsanspruch für das Land, mit der Fähigkeit nicht zum Ausgleich, sondern zur Kompromisslosigkeit. Im Bund trat sie als unbequemer Störenfried auf, zu Hause waren die Störenfriede die anderen, die die CSU höhnisch zur Seite fegte, weil ohne sie ja nichts zu gehen schien.

„Freistaat“ nennt sich Bayern bis heute stolz. Sachsen und Thüringen haben sich daran ein Vorbild genommen. Ausgerufen hat diesen „Freien Volksstaat“ vor 100 Jahren der Schriftsteller und Anführer der Novemberrevolution Kurt Eisner. Er war sein erster Ministerpräsident, vier Monate lang.

Königreich ist Bayern zuvor gewesen, und auch diese Geschichte hat ihren Anteil an diesem Gefühl der bayerischen Besonderheit, genauso wie immer noch der widerwillige Beitritt zum preußisch dominierten Deutschen Reich 1871. Das mit Hingabe gepflegte Feindbild „die Preußen“ blieb bis heute, genauso wie die Sehnsucht nach Abspaltung, die selbst in der CSU ab und an erhoben wird.

Es gibt den durchaus ernst gemeinten Verein der „Königstreuen“, der sich mit dem Bild des vorvorletzten Königs Ludwig II. schmückt. Der pflasterte das Land mit Schlössern wie Neuschwanstein und verlor dabei die Kontrolle über sich und die Finanzen deutlich aus den Augen. Erinnert wird an ihn liebevoll und bewundernd als „Märchenkönig“ und als „Kini“, mit schmucken Bildern aus seinen jüngeren Jahren in blauer Uniform und Hermelinmantel.

Bayern lebt also auch von der Überhöhung, von Postkartenidyllen, die es anderswo auch gibt und in Bayern nicht nur. Aber manchmal genügt eben eine Autobahnfahrt: Auf der A8 zwischen München und Salzburg begleitet die Alpenkulisse die Fahrt, der riesige Chiemsee schwappt fast ins Auto. Aus grünen Hügeln taucht der Zwiebelturm einer Wallfahrtskirche auf.

Eine Anhöhe drüber allerdings prangt ein McDonalds-Zeichen an einer riesigen Autobahnraststätte. Auch das ist Bayern. Tankstelle und Kirche. Laptop und Lederhose, so hat die CSU es genannt, klingt ein bisschen gefälliger. Es ist ein Motto, das sie mit schönen Zahlen schmücken kann: In ihrer Regierungszeit hat Bayern den Sprung vom armen Agrarland zum wohlhabenden Industriestandort geschafft. Neun DAX-Unternehmen sind hier ansässig, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Wirtschaftszahlen blendend.

Ministerpräsidenten setzten auf Wirtschaftsförderung und neue Technologien, zuweilen sind sie dabei sehr eng an die Unternehmen herangewachsen. Den als Ersatzkönig verehrte Franz Josef Strauß begleiteten als Bundesverteidigungsminister diverse Affären. Anfang der 90er Jahre rettete der ironisch-abgehobene Gruß „Saludos, Amigos“ den Ministerpräsidenten Max Streibl nicht mehr über Korruptionsvorwürfe hinweg. Im Hintergrund lauerten ja auch schon die Nachfolger. Das ist mittlerweile zur Tradition geworden in der CSU, es wird dort so viel gelauert und gerempelt, dass man eine Vorabendserie daraus machen könnte.

In Bayern gibt es immer ein Einerseits–andererseits. Einerseits ist Bayern wirtschaftlich erfolgreich. Andererseits sind Mieten und Grundstückspreise auch dadurch in die Höhe geschnellt. Die Grünen, in den Umfragen auf Erfolgskurs in Richtung zweitstärkste Partei, haben mit dem Hinweis auf die Flächenversiegelung Wahlkampf gemacht. Jedes Jahr eine Fläche von 18 Fußballfeldern unter Beton – die Vorstellung, wie grüne Hügel langsam unter einer grauen Decke verschwinden, lässt sich schwer verdrängen.

Eine weitere Folge hat der Erfolg: Über eine Million Menschen sind allein in den letzten zehn Jahren zugezogen nach Bayern. Nicht die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die für so viel Streit gesorgt haben, sondern Arbeitnehmer aus ganz Deutschland, eine Art Binnen-Wirtschaftsflüchtlinge also. Die CSU glaubt, dass die der Grund sind für ihren Niedergang, weil die Neuen ganz einfach Bayern nicht verstehen. Dafür spricht, dass diese Leute anderswo vielleicht auch schon mal anders gewählt haben. Der bayerische Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuther hält das allerdings für großen Unsinn, „Schmarrn“ würde man auf Bairisch sagen.

Die Zugezogenen hätten sich das bayerische Wohlfühlgefühl zu eigen gemacht und das sehr wohl mit der CSU verknüpft. Die Analyse Oberreuthers passt zu Zufallsbefragungen auf einer Wahlkampfveranstaltung in Ingolstadt in dieser Woche. Im Trachtenjanker hat sich der Heidelberger Wilhelm Metz dorthin aufgemacht, gemeinsam mit seiner Frau Petra, einer Berlinerin. Seit Jahren wohnt das Paar in Bayern, Petra Metz ist in die CSU eingetreten und überzeugt: „Die CSU macht Politik für unser Land.“ Dagegen kann man auch auf Elfriede und Georg Chondras aus Ingolstadt treffen, die überzeugt sind: „Die CSU wird eins auf den Deckel kriegen, und das hat sie verdient.“

Die Gesellschaft sei pluralistischer geworden, erklärt Oberreuther. Alte Autoritäten und Entscheidungsmechanismen haben sich abgeschliffen, auch in den Dörfern gibt es nicht mehr nur den Stammtisch. Das Wirtshaus in der Dorfmitte ist oft geschlossen oder eine Pizzeria. Im Landkreis Miesbach, oberbayerisches CSU-Kernland, musste der CSU-Landrat gehen, weil zu viel Geld aus der Sparkasse zu seltsame Wege nahm. Sein Nachfolger kommt von den Grünen. Miesbach steht noch.

Der Streit um die Flüchtlingspolitik hat die Veränderungen auch deutlich gemacht: Bischöfe und ganze Kloster distanzierten sich von dem unversöhnlichen Kurs der CSU. Und als Söder ein Kruzifix für alle Amtsstuben verfügte, zürnten sie, die Religion würde instrumentalisiert. In der Landeshauptstadt München gingen immer wieder Zehntausende auf die Straße und demonstrierten gegen die CSU. Die ließ wissen, in den Bierzelten sei die Stimmung gut. Aber auch da sind nicht mehr immer alle Bänke besetzt.

Und noch ein Weiteres kommt dazu: der Frauenfaktor. Die haben bisher sogar mehr CSU gewählt als die Männer. Jetzt stellen Männer aus der Führungsetage der Partei fest: „Die männlich unangenehme Art, Druck auf andere zu machen, kommt nicht mehr an.“ Fingerhakeln und Armdrücken ist der Bierzelt-Volkssport. Aber der brachiale Machtmensch Söder als Spitzenkandidat und Horst Seehofer, der Angela Merkel auf der Parteitagsbühne stehen lässt und in Interviews über sie lästert – das scheint zu viel des Brutalen. Durchsetzen alleine, das sei nicht mehr alles, sagt der CSU-Mann. „A Hund is’ er scho“, das war früher die höchste Anerkennung, wenn einer sein Ziel erreicht hatte, selbst wenn er dafür nicht ganz sauber agiert hat. „Das funktioniert nicht mehr“, heißt es nun.

Ist es das Ende der Macho-Kultur? Noch nicht ausgemacht. Dass Markus Söder alles tun wird, um ganz oben zu bleiben, gilt in der CSU als sicher. Und Söder ist kein Vertreter der Fraktion Rücksicht und Feingefühl. Seine mögliche Konkurrentin Ilse Aigner nimmt für sich in Anspruch, sie fechte lieber mit dem Florett als mit dem Säbel. Aber über sie heißt es dann doch wieder, sie sei zu weich und zu brav.

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