1. Startseite
  2. Politik

Mythen über den Holocaust

Erstellt:

Von: Maria Sterkl

Kommentare

In Ramallah empfangen Anhänger Abbas nach dessen Rückkehr aus Deutschland.
In Ramallah empfangen Anhänger Abbas nach dessen Rückkehr aus Deutschland. © Abbas Momani/afp

Die Äußerung von Präsident Abbas in Berlin löst in den Palästinensergebieten nur vereinzelt Kritik aus.

Er flog nach Berlin, verharmloste den Holocaust und reiste wieder ab: So wird der Deutschland-Besuch des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas wohl vielen Deutschen in Erinnerung bleiben. In Israel wurden Abbas’ geschichtsverfälschende Aussagen, wonach die Israelis dem palästinensischen Volk „50 Massaker, 50 Holocausts“ zugefügt hätten, mit Entsetzen aufgenommen.

Ganz anders hingegen in den Palästinensergebieten. Zwar gab es auch hier vereinzelt Kritik an Abbas. Viele Palästinenser:innen standen den Aussagen Abbas’ aber gleichgültig gegenüber oder fanden sie sogar angemessen.

„Es gibt viel Frustration unter den Palästinensern, weil die Welt ihr tägliches Leiden unter der israelischen Besatzung ignoriert“, erklärt Mohammed Dajani Daoudi, prominenter Friedensaktivist aus Ostjerusalem, der für palästinensische Jugendliche Touren nach Auschwitz-Birkenau organisiert hat.

Vielen Menschen in den Palästinensergebieten fehle es an Wissen über den Holocaust, sagt Dajani. „Das hat mit einem Mangel an Bildung zu tun, aber auch am fehlenden Kontakt mit jüdischen Menschen.“ Es gebe viele Mythen über den Holocaust – etwa jenen Irrglauben, dass der Massenmord an den Juden eine direkte Folge der massenhaften Vertreibung von Palästinenser:innen im Jahr 1948 gewesen sei. „Die Wahrnehmung des Holocaust hat ihre Wurzeln oft auch im Antisemitismus.“ Häufig würden diese antijüdischen Einstellungen auch von Islamgelehrten fälschlicherweise dem Propheten Mohammed zugeschrieben oder durch Verzerrungen der Koranschriften legitimiert.

Mohammed Dajani Daoudi, Friedensaktivist, sagt, viele Palästinenser wüssten zu wenig über die Schoah. privat
Mohammed Dajani Daoudi, Friedensaktivist, sagt, viele Palästinenser wüssten zu wenig über die Schoah. privat © Privat

Abbas hatte seine Aussagen am Tag danach relativiert. Es bestehe kein Zweifel daran, dass der Holocaust, in dem die Nazis und ihre Kollaborateure sechs Millionen Juden umbrachten, „das abscheulichste Verbrechen der modernen Menschheitsgeschichte“ gewesen sei. „Im Westen sieht man einen Widerspruch zwischen den beiden Aussagen, aber Palästinenser sehen ihn nicht unbedingt“, sagt Dajani. Viele Palästinenser wüssten zu wenig über den Holocaust, sie denken dabei an „Konzentrationslager, Inhaftierung, Stacheldraht, Folter, Enteignung“ – nicht unbedingt an Massenvernichtung. „Sie verwenden den Begriff daher leichtfertig, um die Grausamkeit der israelischen Besatzung zu beschreiben. Dabei begreifen sie nicht, welch tiefen Schmerz dieser Begriff bei Juden hervorruft.“

Es gebe daher unter Palästinensern „einen dringenden Bedarf, mehr über den Holocaust zu lernen“. Umgekehrt sollten sich aber auch Israelis mit der palästinensischen Nakba, also dem Trauma der Vertreibung und Enteignung im Jahr 1948, auseinandersetzen. „Nur so können beide Seiten Empathie für das Leiden der anderen empfinden“, glaubt Dajani. Dies sei ein erster Schritt, um die tiefe Kluft zu überwinden und sich auch in politischer Hinsicht einer längerfristigen Perspektive anzunähern.

Auch interessant

Kommentare