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Der Dreifingergruß beim Protest in Myanmar: Die Geste ist der Romanreihe „Die Tribute von Panem“ entlehnt und steht für den Widerstand gegen das Regime.
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Der Dreifingergruß beim Protest in Myanmar: Die Geste ist der Romanreihe „Die Tribute von Panem“ entlehnt und steht für den Widerstand gegen das Regime.

Lage in Myanmar

Aktivistin über Proteste: „Wir wollen zurück, was sie uns genommen haben“

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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Aktivistin Khine Minkothu über ihre Angst um die Demokratie, den täglichen Protest, die Brutalität der Junta und die Erwartungen der Bewegung an das Ausland.

Frau Minkothu, was hat sich in Ihrem Alltag verändert, seit die Militärjunta am 1. Februar die Macht übernommen hat?

Alles. Ganz ungeheuer. Es ist nichts mehr, wie es war. Meine beiden Kinder, neun und fünf Jahre alt, nehmen die veränderte Situation sehr genau wahr. Sie haben Angst. Meine Arbeit, meine Alltagsroutine, ausgehen – das ist alles vorbei.

Was machen Sie normalerweise?

Wir betreiben hier in Rangun eine Art Logistikzentrum, bieten Transporte an.

Und Sie können jetzt nicht arbeiten?

Nein, es steht praktisch alles still. Sie kappen auch das Internet, von ein Uhr mittags bis neun Uhr morgens, fast jeden Tag. Wir müssen uns sehr hart abmühen, um unsere täglichen Grundbedürfnisse zu erfüllen. Man kann sagen, dass wir nur noch für einen Zweck leben.

Khine Minkothu.

Myanmar: Proteste seit vier Wochen gegen Militärjunta

Sie beteiligen sich an den Protesten?

Ja – seit dem ersten Tag, also seit mittlerweile fast vier Wochen. Ich bin jeden Tag auf der Straße.

Haben Sie keine Angst? Es sind schon mehrere Demonstrant:innen erschossen worden.

Wir haben mehr Angst davor, unsere Demokratie zu verlieren als vor Kugeln und Gewehren. Wir haben keine andere Wahl, wir können nicht aufgeben.

Wofür kämpfen Sie?

Wir haben alle genau ein Ziel: die Wiederherstellung unserer Demokratie.

Proteste in Myanmar: „Wir brauchen keine neuen Wahlen“

Unterstützen Sie Aung San Suu Kyi?

Auf jeden Fall! Sie ist unsere Anführerin. Aber wir kämpfen nicht nur für sie, wir kämpfen für unsere Demokratie, nicht mehr und nicht weniger. Deshalb werden wir auch nicht verhandeln. Wir brauchen auch keine neuen Wahlen – wir haben schon im November gewählt. Wir wollen zurück, was sie uns genommen haben. Wir wollen wieder zur Arbeit gehen, zur Schule gehen, wir wollen unser einfaches, normales, alltägliches Leben zurück. Im Moment sehen wir keine Zukunft für uns, wir fühlen uns einfach nur schrecklich.

Zur Person

Khine Minkothu, 38, ist Logistikunternehmerin und lebt in Rangun, der größten Stadt Myanmars. Bei den Protesten gegen den Militärputsch ist sie von Anfang an dabei. Sie hat zwei Kinder und ist im siebten Monat schwanger mit dem dritten. Das Interview mit ihr fand per WhatsApp-Call statt, mit vielen Unterbrechungen wegen technischer Störungen. sha

Myanmar: Proteste werden über soziale Netzwerke organisiert

Wer sind die Menschen, die diese Proteste tragen – sind es vor allem die Jungen?

Überall im Land gehen jetzt diejenigen auf die Straße, die bei der Wahl im November ganz klar für eine demokratische Regierung gestimmt haben. Die ganz Jungen, die wir „Generation Z“ oder „Gen Z“ nennen, beteiligen sich auf ihre eigene Art an den Demonstrationen. Sie übernehmen enorme Verantwortung. Das ist sehr beeindruckend und viel mehr, als wir erwarten können oder je erwartet hätten. Es ist unglaublich! Wir sind sehr stolz auf sie.

Wie kommunizieren Sie untereinander?

Wir haben keinen eigenen Kanal oder eine besondere Plattform, um uns auszutauschen. Die sozialen Medien spielen aber auf jeden Fall eine entscheidende Rolle. Es ist überwältigend zu sehen, wie ein einziges Transparent, eine Nachricht, eine Statusmeldung oder ein Post eine Botschaft entwickeln und das ganze Land erreichen können – und wie dann alle auf ihre jeweils eigene Weise mit einstimmen.

Wie werden die Proteste organisiert?

Wer bei diesem Aufstand mitmacht, nutzt die eigene Stimme, um Vorschläge für Protestaktionen auf den Plattformen der sozialen Medien einzubringen. Die Idee, die die meiste Zustimmung bekommt, wird dann umgesetzt. So einfach ist das, und das Ergebnis ist sehr kraftvoll und beeindruckend. Das Volk hat sehr viel Macht.

Unterstützung für Myanmar gefordert: „Die Welt muss handeln“

Gehen Sie davon aus, dass das Militär noch härter auf die Proteste reagieren wird, als es das jetzt schon tut?

Die Militärjunta hat ihre sogenannte Kultur und ihre Traditionen – also das, was sie normalerweise tut oder eben auch nicht. Wir haben in der Vergangenheit genug gesehen. Wir wissen, was das Schlimmste wäre und das Härteste. Ich sage aber ganz klar: Nichts kann uns aufhalten. Alles andere zählt nicht, wir werden tun, was wir tun müssen – ganz gleich, wie hoch der Preis ist.

Was erwarten Sie von der übrigen Welt, von Staaten wie Deutschland?

Ich denke, wir lassen die Welt bereits unsere Stimme hören, laut und deutlich. Es ist bekannt, wofür wir so hart kämpfen und uns schonungslos einsetzen. Durch unser Handeln haben wir schon bewiesen, dass wir Standing Ovations verdienen für unsere standhafte demokratische Haltung. Wir wollen Respekt dafür, wir wollen, dass gesehen wird, wie ernst es uns ist. Deshalb frage ich: Ist die Welt bereit für uns? Uns ist bewusst, dass die meisten Länder auf unserer Seite stehen. Aber wir brauchen noch mehr Unterstützung, mehr Engagement. Wir brauchen nicht nur Worte – die Welt muss handeln. (Interview: Sabine Hamacher)

Es war ein blutiges Wochenende am 27. und 28. Februar in Myanmar. Am Sonntag (28.02.2021) kamen mindestens sechs Demonstrierende gewaltsam ums Leben. Der Einsatz der Menschen wird bewundert, aber die Protestierenden alleingelassen.

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