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Myanmar: „Die Menschen haben sehr große Angst“

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Von: Sabine Hamacher

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Übersetzen über den Yangon-Fluss. Inzwischen leben mehr als 1,2 Millionen Binnenvertriebene fern ihrer Heimat in Lagern. afp
Übersetzen über den Yangon-Fluss. Inzwischen leben mehr als 1,2 Millionen Binnenvertriebene fern ihrer Heimat in Lagern. © afp

Eineinhalb Jahre nach dem Putsch leiden viele im Land unter dem Terror des Militärs. Die Psychotherapeutin Benninghoff-Moskopp spricht über mehrfach traumatisierte Menschen.

Frau Benninghoff-Moskopp, gut eineinhalb Jahre nach dem Militärputsch ist Myanmar weitgehend aus den Nachrichten verschwunden. Das liegt natürlich auch daran, dass der Ukraine-Krieg viel Aufmerksamkeit beansprucht. Es gibt aber keine unabhängigen Medien mehr im Land, und direkte Kontakte sind rar. Sie haben Kontakt, Sie sprechen per Videoschalte mit Menschen, die sich im Bürgerkriegsgebiet um traumatisierte Personen kümmern. Worum geht es genau?

Die Idee ist letztendlich, ein Zentrum für Traumabearbeitung zu gründen, an das sich die Menschen vor Ort wenden können. Damit wollen wir nächstes Jahr starten und sind jetzt in der Vorbereitung.

Was sind das für Leute, mit denen Sie sprechen?

Derzeit machen wir einmal im Monat ein Seminar, für 2023 ist ein Curriculum für drei Jahre mit wöchentlichen Sitzungen geplant. Es nehmen jeweils etwa 15 Frauen und Männern aller Altersgruppen teil, die zum Teil theologischen Hintergrund haben. Das sind zum Beispiel Menschen, die in der Seelsorge arbeiten, Pfarrerinnen und Pfarrer, die der verfolgten Minderheit der überwiegend christlichen Karen angehören. Die Übrigen sind Studierende der Psychologie und anderer Fächer.

An welche Universität sind sie angebunden?

Die Menschen in Myanmar haben sehr große Angst, das spüren wir stark in den Seminaren. Als ich kundgetan habe, dass es eine Presseanfrage gibt, war die Sorge groß, dass Namen genannt werden könnten oder bestimmte Universitäten. Deswegen bin ich da zurückhaltend – auch wenn ich das schade finde, denn Öffentlichkeit ist natürlich wichtig.

Engagieren sich diese Menschen in einem bestimmten Gebiet?

Der Bürgerkrieg verteilt sich eigentlich über das ganze Land. Die Situation ist in den Grenzgebieten etwa zu Indien oder Thailand besonders angespannt. Wenn man Bilder sieht, denkt man, dass in den Großstädten alles modern ist und ganz gut funktioniert, aber auch da gibt es immer wieder Übergriffe. Ein Student etwa hatte Bücher bestellt. Daraufhin kamen Leute und haben sein Büro durchsucht. Er hatte große Angst, dass er verhaftet wird, weil das häufig passiert. Viele Menschen werden verschleppt oder gefangengenommen, nicht wenig werden gefoltert. In diesem Fall ging es glimpflich aus.

Was sind die dringendsten Themen in den Seminaren?

Der Umgang mit traumatisierten Menschen, die Symptome aufweisen wie Schlafstörungen, Zittern, geistige Abwesenheit – die typischen posttraumatischen Folgen eines Belastungssyndroms. Mit diesen Symptomen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stark konfrontiert – sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen und Erwachsenen – und wollen sie verstehen.

Die Traumatisierung ist Folge der Bürgerkriegssituation, von Putsch und Unterdrückung?

Das Besondere ist, dass diese Menschen für andere sorgen wollen, aber auch selber traumatische Erfahrungen gemacht haben. Häufig geht es um eine große Angst, beispielsweise sind die Eltern entführt worden. Oder sie berichten von sexuellen Übergriffen in den Camps für Internally Displaced Persons, also Lagern für Binnenflüchtlinge. In diesen Camps suchen viele Menschen Schutz, aber es ist dort sehr eng und es gibt wenig Sicherheit. In Myanmar fallen die aktuellen Probleme häufig auf eine Struktur, die bereits von vielen kumulativen Traumata geprägt ist. Die Belastungen sind hoch.

Miriam Benninghoff-Moskopp
Miriam Benninghoff-Moskopp ist Psychotherapeutin. © privat

Zur Person

Miriam Benninghoff-Moskopp ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Per Videoschalte coacht sie Helferinnen und Helfer aus dem sozialen und kirchlichen Bereich in Myanmar, die dort traumatisierte Menschen betreuen.

Die Online-Seminare organisiert das Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung zusammen mit der gemeinnützigen Gesellschaft „Über Grenzen“ und dem Verein Myanmar Initiative.

Regime des Schreckens

In weiten Teilen Myanmars lebt es sich gut eineinhalb Jahre nach dem Militärputsch am 1. Februar 2021 wie im Bürgerkrieg. Das Militär übt ein Regime des Schreckens aus, bombardiert Felder und Straßen, foltert oder lässt etwa die gesamte Bevölkerung eines Dorfes exekutieren.

Nachdem das Land für einige Zeit fast völlig aus der Weltöffentlichkeit verschwunden war, löste im Juli die erste Hinrichtung seit Jahrzehnten einen kurzen internationalen Aufschrei aus. Das Regime ließ vier Demokratie-Aktivisten töten.

Seit dem Putsch , mit dem das Militär die demokratisch gewählte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi absetzte, lassen die Machthaber jede Form von Protest brutal niederschlagen. Laut der Gefangenenhilfsorganisation AAPPB wurden seither mehr als 14 500 Menschen festgenommen und mehr als 2000 getötet. Eine sehr hohe Dunkelziffer gilt als wahrscheinlich.

Vertrieben wurden seither durch Kämpfe zwischen Armee und bewaffnetem oder zivilem Widerstand laut Vereinten Nationen rund 866 000 Menschen. Zusammen mit weiteren 346 000 Menschen, die schon vor dem Putsch vor Konflikten geflüchtet waren, leben demnach derzeit mehr als 1,2 Millionen Binnenvertriebene in provisorischen Lagern. Diese Camps sind sehr eng belegt, die Bedingungen oft schwierig. Immer wieder kommt es zu Übergriffen.

Hoffnungsvolle Entwicklungen gibt es so gut wie keine. Immerhin ist die Regierung der Nationalen Einheit (NUG) der demokratischen Opposition weiter aktiv: Kürzlich eröffnete sie Vertretungen in Japan und Australien. Die NUG besteht aus Mitgliedern des einstigen Parlaments sowie Vertreter:innen der ethnischen Minderheiten.

Yangon (früher Rangun), die ehemalige Hauptstadt, ist die größte Stadt des Landes. Naypyidaw wurde 2005 zur neuen Hauptstadt bestimmt.

Zur Serie:

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der achten Folge am Donnerstag, 18. August, geht es um Nordkorea: Hier sind die Menschenrechte kaum noch Thema, und nur wenige schaffen es, das Land zu verlassen. (sha)

Wie können Sie aus der Ferne helfen?

In unseren dreistündigen Seminaren besprechen wir einerseits konkrete Fälle, mit denen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an uns wenden, und geben darauf aufbauend dann theoretischen Input. Auf der anderen Seite hat unsere Arbeit supervisorischen Charakter. Wir versuchen, praktische Hilfe zu leisten. Der wesentliche Punkt ist, dass sie verstehen, was da vor sich geht, warum jemand reagiert, wie er reagiert.

Welches Bild vermitteln die Gesprächspartner:innen von ihrem Land?

Sie lieben Myanmar sehr. Andererseits durchlebt das Land schon seit Jahren immer wieder bürgerkriegsähnliche Zustände. Schon vor dem Militärputsch war die Lage schwierig, auch wenn es demokratische Strukturen gab. Jetzt sind weitere Strukturen weggefallen, die Sicherheit vermitteln könnten. Ich kann zum Beispiel nicht einfach die Polizei anrufen, wenn mir meine Handtasche geklaut worden ist. Die Menschen haben viel zu viel Angst, als dass sie sich an irgendwen wenden würden. Die Angst ist ein großes, großes Thema.

Was erfahren Sie über die Proteste? Wer geht trotz der Gewalt seitens der Junta noch auf die Straße?

Es gab die so genannten stillen Tage, an denen die Infrastruktur stillgelegt wurde – was beachtlich ist als Protestform in solch einem Land. Wie weit die Proteste fortgeführt werden, ist aber kein Thema in den Seminaren.

„Es ist eine große Hilflosigkeit zu spüren.“ Straßenszene in Yangon. AFP
„Es ist eine große Hilflosigkeit zu spüren.“ Straßenszene in Yangon. AFP © AFP

Formulieren die Menschen, mit denen Sie sprechen, Ihnen gegenüber Forderungen an den Westen? Fühlen Sie sich verlassen?

Verlassen fühlen Sie sich auf jeden Fall, das merkt man sehr deutlich. Sie sind auch sehr dankbar für den Kontakt und den Input. Konkrete politische Forderungen sind nicht so das Thema. Es ist aber eine große Hilflosigkeit zu spüren. In den Seminarpausen werden uns oft auch Dinge geschildert, die gerade passiert sind. Dass zum Beispiel jemand in der Nähe in einer Kirche war und festgestellt hat, dass diese total leer ist – niemand kommt mehr hin, weil die Menschen aus den umliegenden Dörfern getötet wurden. Es gibt schwere Übergriffe seitens des Militärs. Es ist erschütternd und belastend, solche Geschichten zu hören, und dann wieder auf eine professionelle Ebene und den nächsten Fall zurückkommen zu müssen.

In weiten Teilen Myanmars herrscht Chaos. Lässt sich da ein Online-Seminar problemlos durchführen?

Die Internetverbindung funktioniert einigermaßen gut. Das Problem ist derzeit eher, dass immer mal wieder der Strom ausfällt. Eigentlich ist die Idee natürlich, auch vor Ort zu arbeiten, weil es gerade bei der Traumabearbeitung wichtig ist, Dinge auch nonverbal zu vermitteln. Wir wollen dort Workshops oder Seminare für eine Woche anbieten und die Themen dafür bündeln. Das ist im Moment aber zu gefährlich.

Wie sehen Sie die Zukunft für die Menschen in Myanmar?

Es wäre natürlich zu hoffen, dass sich das Konfliktpotenzial beilegen lässt. Aber es ist schwierig. Was hilft, ist, die Menschen zu bilden und zu sensibilisieren. Alle Familien haben ihre eigenen Geschichten von sehr belastenden und traumatischen Situationen, das zieht sich immer weiter durch. Die Menschen haben keine Anlaufstelle, man kann ihnen nicht sagen, wenden Sie sich da und da hin. Die Möglichkeit, ein Gespräch über das Erlebte zu führen, ist aber ganz wichtig, um die Bevölkerung zu stabilisieren und zu stärken. Damit es einen fruchtbaren Boden gibt, wenn die Situation sich irgendwann bessert und etwa das Militär abtreten sollte. Ein paar demokratische Strukturen sind ja noch da; es wäre zu hoffen, dass sie wiederbelebt werden können.

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