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Frauen aus Pansai in einem Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Myanmar und China. Foto: afp
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Frauen aus Pansai in einem Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Myanmar und China.

Coronavirus

Myanmar: Der Putsch als Superspreader

  • VonFelix Lill
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Im brutalen Chaos, mit dem Myanmars Generäle das Land überziehen, hat das Virus leichtes Spiel. Die Vereinten Nationen dringen auf eine Impfkampagne – „unabhängig von Politik, Ethnizität oder Religion“

In Myanmar wütet neben einem bewaffneten Konflikt zwischen Generälen und Bevölkerung auch die Pandemie. Um möglichst viele Menschen zu impfen, versuchen die Vereinten Nationen in Dialog mit der Militärjunta zu treten.

„Das Vereinigte Königreich fordert eine unverzügliche und anhaltende Pause“, sagte James Kariuki Mitte der Woche, „damit alle, die es brauchen, geimpft werden und die Menschen im Gesundheitssektor ohne Angst vor Überfällen arbeiten können.“ Die Worte des stellvertretenden UN-Botschafters von Großbritannien klangen schüchtern und mutig zugleich. Mutig, weil sie inmitten eines bewaffneten Konflikts eine Impfkampagne ankündigten. Schüchtern, weil eine endgültige Beilegung der Kämpfe offenbar nicht mehr gefordert wird.

Myanmar, das südostasiatische Entwicklungsland, auf das sich der Top-Diplomat bezog, verharrt seit mehr als einem halben Jahr in brutalem Chaos. Anfang Februar putschte sich das Militär an die Macht, nachdem es einen Wahlsieg der nationalen Demokratie-Ikone und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi Ende 2020 nicht hatte anerkennen wollen. Die ab 2015 in einer Art Koalition mit dem Militär regierende Suu Kyi wurde damals festgenommen.

Seit Monaten wird gegen den Putsch auf den Straßen demonstriert. Das Militär regiert mit Härte, was allerdings keineswegs zu einem Ende der Proteste geführt hat. In mehreren Gegenden, die teilweise schon während einer zuvor jahrzehntelangen Militärdiktatur diskriminiert wurden, haben sich alte Widerstandsgruppen bewaffnet. Anderswo haben Menschen die Flucht ergriffen. Laut der Vereinigung für Politische Gefangene in Myanmar sind mittlerweile mehr als 1000 Menschen erschossen und mehr als 7300 festgenommen worden.

Mehrere Vermittlungsversuche, in die der Verband Südostasiatischer Staaten Asean sowie die Vereinten Nationen eingebunden waren, haben bisher wenig erwirkt. Gerade der UN-Sicherheitsrat hat sich schwer damit getan, mit einer Stimme zu sprechen. Während die westlichen ständigen Mitglieder – USA, Frankreich und Großbritannien – den Putsch schnell verurteilt und ein Ende der Gewalt sowie die Rückkehr zu demokratischen Strukturen gefordert haben, blieben die Regierungen von Russland und China zurückhaltend.

Auch von diesen Uneinigkeiten rührt wohl die mittlerweile deutlich schwächere Sprache der UN-Diplomatie. An ein baldiges Ende der Gewalt glaubt kaum noch jemand, schließlich haben weder gezielte Sanktionen gegen das Regime etwas geholfen noch Einladungen zu Gesprächen. So wünscht man sich jetzt nur noch eine Pause der Gewalt. Die allerdings könnte, wenn sie denn erreicht wird, in der Tat viel bewirken. Schließlich ist der Zweck einer, den Menschen jeder politischen Couleur befürworten dürften: eine schnelle Impfung der Bevölkerung.

„Wir werden mit Sicherheitsratsmitgliedern und internationalen Partnern kooperieren, inklusive der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung Gavi sowie der UN, um zu versichern, dass die Menschen in Myanmar auf gleiche Weise Zugang zu Impfstoffen erhalten, unabhängig von Politik, Ethnizität oder Religion.“ Wie genau dies erreicht werden soll, hat James Kariuki zunächst offengelassen. Zugleich ist sein Statement auch als ausgestreckte Hand in Richtung des Militärregimes in Myanmar zu verstehen.

Denn das politische Chaos, das insbesondere die seit Februar machthabende Junta hervorgerufen hat, ist ein Grund für das Grassieren der Pandemie. Vergangene Woche berichtete die UN-Gesandte Christine Schraner Burgener, dass insgesamt 330 000 Infektionsfälle mit Covid-19 dokumentiert worden sind, davon allein gut 3600 an einem einzigen Tag. Angesichts der myanmarischen Bevölkerung von 54 Millionen klingen die Zahlen gering. Sie täuschen darüber hinweg, dass über Monate lang überhaupt kein Fall dokumentiert worden ist. Die tatsächliche Infektionszahl beträgt ein Vielfaches. Wie viel genau, ist schwer abzuschätzen.

Schließlich leidet von allen Sektoren des öffentlichen Lebens in Myanmar das Gesundheitssystem besonders unter der politischen Krise. Organisierte Gruppen aus Krankenhäusern gehörten anfangs zu den treibenden Kräften im Land, die die Proteste gegen den Putsch anzettelten und immer wieder Generalstreiks provozierten. Im politischen Chaos ging die Pandemie Anfang des Jahres schlicht unter. Hinzu kam, dass das Militär mit Vergeltungsschlägen reagierte und auch vor Schüssen in Krankenhäuser nicht zurückgeschreckt hat.

Den Zustand des Gesundheitssystems in einem ohnehin armen Land hat dieses Verhalten nicht gerade verbessert. So dürften viele Menschen, die Covid-19-Symptome haben, einen Krankenhausbesuch derzeit mehr fürchten als die Infektion mit dem Virus. Über den letzten Monat wurden offiziell Hunderte Todesfälle am Tag gemeldet. Medizinerinnen und Mediziner vermuten angesichts der schwierigen Umstände aber, dass auch hier die wahren Zahlen um einen ungewissen Faktor höher liegen. Das britische Magazin „The Economist“ bezeichnete Myanmar vor diesem Hintergrund kürzlich als eines der weltweit tödlichsten Länder für mit Covid-19 infizierte Menschen.

Ändern könnte sich dies mit einer schnellen und effektiven Impfkampagne. Derzeit haben nur rund drei Prozent der Bevölkerung einen vollständigen Schutz gegen das Virus erhalten, wobei dem Militärregime vorgeworfen wird, sich selbst zuerst bedient zu haben. Hoffnung stiftet aber, dass Myanmar vor der Pandemie eine eher impffreundliche Gesellschaft gewesen ist. Die gestürzte Regierung von Aung San Suu Kyi hatte bereits genügend Impfstoffe für rund 20 Prozent des Landes gesichert. Auch hier hat der Putsch für eine Zäsur gesorgt. Zuletzt hat das Militärregime allerdings angedeutet, für eine Impfkooperation offen zu sein.

Die internationalen Anstrengungen, die Impfkampagne im südostasiatischen Land nun zu beschleunigen, sind dabei nicht nur als Geste der Solidarität inmitten politischer Differenzen zu verstehen. Tom Andrews, UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Myanmar, sagte zuletzt: „In Myanmar besteht ein großes Risiko, dass es ein Superspreading-Staat wird.“ Gerade bei Fluchtbewegungen inmitten politischen Chaos könnte sich das Virus von Myanmar aus weiterverbreiten und stark bevölkerte sowie schwer betroffene Länder wie Thailand, Pakistan oder Indien belasten. Dies würde die Pandemie weltweit erneut erschweren.

Fachleute gehen davon aus, dass die offiziellen Zahlen für Myanmar nur einen Bruchteil der tatsächlichen Fälle zeigen. Quelle: worldometers.info, WHO, eigene Dokumentation

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