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In Mwandama geht es bergauf

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Von: Johannes Dieterich

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Besuch in einem Millenniumdorf in Malawi

In Mwandama muss es Mais gehagelt haben. Der Kleinfarmer Lucius Thobola wohnt zwischen Maishügeln und bis zum Rand gefüllten Säcken. Auf der Veranda vor dem Gemüsegarten steht außerdem ein Sack mit Erdnüssen. Und hinter dem Haus baumeln birnenförmige Kürbisse von Butternussbäumen. "Dies ist die beste Zeit meines Leben", lacht der 71-jährige Thobola, der ein Hawaihemd mit der Aufschrift "What will you do this golden week?" trägt: "Millennium hat unser Leben auf ein neues Fundament gestellt."

Noch vor vier Jahren starben in Mwandama viele den Hungertod. Malawi wurde von einer Dürre heimgesucht, die den 13 Millionen Einwohnern eines der ärmsten Staaten der Welt wieder einmal die ohnehin prekäre Lebensgrundlage vernichtete. Thobola hatte Glück und konnte auf der nahegelegenen Plantage eines weißen Großgrundbesitzers einen Job ergattern: Mit dem Gehalt von 50 Cent pro Tag hielt er sich und seine Familie über Wasser. Ob- wohl Mwandama nur sieben Kilometer von der Teerstraße zwischen dem Industriezentrum Blantyre und der früheren Hauptstadt Zomba entfernt liegt, kommen Kinder beim Anblick eines Wagens angerannt, um das Blech zu streicheln. In dem Dorf gibt es weder Strom noch fließend Wasser - auch eine Krankenstation, ein gemauertes Schulgebäude oder einen Krämerladen sucht man vergebens. Die gut 3000 Bewohner sind so bettelarm wie rund Zweidrittel aller Malawier, die mit einem Dollar pro Tag zu überleben haben - oder besser gesagt: Sie waren es.

Denn in Mwandama wird derzeit alles anders. "Uiiiiiii", pfeift Fyson Teapot Mcheka durch seine ausgedünnten Zahnreihen, als er die Veränderungen in seinem Dorf beschreiben soll: "Man kann das kaum in Worte fassen." Eher lässt sich sagen, wem der Wandel zu verdanken ist. "Hier saß er", zeigt Mcheka auf ein Bänkchen unter einem Avokadobaum, auf dem vor zwei Jahren Jeffrey Sachs gesessen haben soll: "Unser geliebter Sohn, der uns aus der Armut befreit." Der US-Ökonom wählte Mwandama als eines von mehreren Dutzend Millenniumdörfern in zehn Staaten Afrikas, um seine These zu belegen, dass die schlimmste Armut rasch überwunden werden kann - vorausgesetzt, man geht die Sache richtig an und der reiche Norden spielt mit.

Die Rezeptur des Professors, der auch als Autor der Millenniumziele der Vereinten Nationen gilt, ist verblüffend einfach. Für Mwandama formulierte sein "Millennium Village Project" (MVP) getauftes Team eine Interventionsliste, auf der ganz oben die kostenlose Ausgabe von Kunstdünger steht. Bei einem Preis von umgerechnet 25 Euro pro Sack habe er sich diesen Luxus niemals leisten können, erzählt Kleinfarmer Thobola: Der ausgelaugten Böden wegen sei der Ertrag seiner Maispflanzen ständig gesunken. Seit er das kostenlose Nitrat einsetzt, ist das zwei Fußballfelder große Areal um Thobolas Haus wieder dicht bewachsen: Nach den Unterlagen des MVP-Teams wurden in den fünf malawischen Millenniumdörfern bis zu sechs Tonnen Mais pro Hektar geerntet, mehr als doppelt so viel wie im nationalen Durchschnitt. Ironischerweise wollte die Regierung in Lilongwe seit Jahren Kunstdünger für ihre Kleinbauern subventionieren: Sie wurde daran ausgerechnet von westlichen Gebernationen gehindert, die darin eine Verzerrung marktwirtschaftlicher Grundsätze sahen - obwohl sie ihre Landwirte mit astronomischen Summen über Wasser halten.

Intervention Nummer zwei ist noch schlichter und baumelt seit fast zwei Jahren über Thobolas Bett: ein Moskitonetz. Vor allem Kinder erkranken in Malawi fast monatlich an Malaria. Tag für Tag werden in die nächstgelegene Krankenstation 50 hochfiebrige Malariapatienten gebracht, die - weil die neuesten Medikamente für Afrikaner zu teuer sind - oft Pillen erhalten, gegen die die Erreger längst resistent sind. Die Seuche kostet Afrika jährlich mehr als zehn Milliarden Euro an krankheitsbedingten Produktionsausfällen. Seit er unter dem Netz schlafe, sei er kein einziges Mal mehr an Malaria erkrankt, berichtet Thobola: Untersuchungen zufolge reduzieren die Netze, die nicht einmal zehn Euro kosten, Erkrankungen um fast 70 Prozent. Warum solch banale Errungenschaften nicht viel früher im großen Stil umgesetzt wurden? Weil sich Hunderte von Hilfsorganisationen mit ihren Projekten und Programmen eher gegenseitig im Wege stehen, meint Michael Keating, der als Repräsentant der Entwicklungsorganisation UNDP die malawischen Millenniumdorfprojekte beaufsichtigt. Natürlich habe Sachs das Rad für die Entwicklung Afrikas nicht neu erfunden. Allerdings habe es bislang kein Projekt gegeben, das sich dermaßen umfassend und koordiniert auf Dörfer als kleinste Einheiten der Entwicklung konzentriert.

Selbstverständlich teilt das MVP-Team nicht nur Kunstdünger und Moskitonetze aus: Es berät die Subsistenzfarmer auch, in welchem Abstand sie den Mais am besten pflanzen und nach der Ernte optimal lagern sollten. Es lässt Löcher bohren, damit die Bewohner nicht mehr auf Wasser aus dem Bach angewiesen sind, das regelmäßig für Durchfall sorgt, und baut Schulen, damit die Kinder nicht mehr zehn Kilometer bis zur nächsten Missionsschule gehen müssen. Es will in den nächsten drei Jahren zwei kleine Krankenstationen errichten, hat mit dem Bau eines Samen-Depots begonnen und wird auch Strom nach Mwandama bringen. Und das alles in fünf Jahren: Denn schon dann wollen sich die Kickstarter wieder zurückziehen, um anderswo ein Millenniumdorf pflanzen zu können.

Finanziert wird die Liste der Interventionen nicht nur mit den Spenden schwerreicher Amerikaner, die Sachs unter die Arme greifen - allen voran Pop-Queen Madonna, die kürzlich auch einen malawischen Jungen adoptierte. Von den 110 Dollar, die Sachs pro Jahr und Nase für die Befreiung aus der "Armutsfalle" veranschlagt, übernimmt das Millennium-Projekt nur gut 60 Prozent, während die malawische Regierung knapp 30 Prozent beisteuert (vor allem als Gehälter für Lehrer, Krankenschwestern und Agrarberater) und die Dorfbewohner knapp zehn Prozent (vor allem in Form von Arbeitskräften für den Bau der Einrichtungen und Mais für die Schulkost). Selbst wenn alle Bitterarmen dieser Welt in den Genuss dieser Unterstützung kämen, würden die Kosten die 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Industrieländer nicht übersteigen, auf die sich die Erste Welt als Anteil ihrer Entwicklungshilfe einst verpflichtete, rechnet Sachs vor: Das Problem ist nur, dass das Versprechen nicht eingehalten wird. Dabei wäre ein solcher Marshall-Plan nur für begrenzte Zeit nötig, nach den Prognosen des Ökonomen höchstens bis 2025. Denn der externe Investititonsschub werde den Wachstumsmotor bald zum Laufen bringen: Wenn erst für eine Überproduktion an Nahrungsmitteln gesorgt ist und die Mwandamer nicht mehr vermeidbaren Krankheiten zum Opfer fallen.

Noch in diesem Jahr will sich Thobola ein Fahrrad kaufen, mit dem er sein Gemüse auf den nächsten Markt transportieren kann. Dorfchef Mcheka denkt über den Kauf einer Maismühle nach. Den besten Beweis für den Wandel in Mwandama hebt er sich bis zum Abschiednehmen auf. Während bisher kaum einer an den jungen Frauen in seinem Dorf interessiert gewesen sei, kämen sie nun in Mode. Einem Brauch zufolge zieht ein Mann in der Region Zomba nach der Ehe ins Dorf der Frau: Nun suchten sich zahlreiche Malawier mit einem Heiratsantrag ins begehrte Millenniumdorfprojekt einzuschmuggeln. "Wenn sie stark und fleißig sind, können sie bleiben", lacht Mcheka.

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