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Die Mörderin als Ikone: Marianne Bachmeier, hier 1983 in einem Lübecker Gericht, erschoss im März 1981 den Mann, der ihre kleine Tochter getötet hatte.

Fall Bachmeier

Mutter darf das

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Erst wenn Frauen kämpfen, um ihr Kind zu schützen oder gar zu rächen, werden sie ernstgenommen. Fordern sie aber Gleichberechtigung, gelten sie schnell als Nervensägen.

Am 6. März 1981 knallten acht Schüsse in die bundesrepublikanische Bürgerlichkeit, die vom gewalttätigen Kampf der RAF zu dieser Zeit einiges gewohnt war. Und doch waren diese Schüsse anders. Sie kamen nicht von politischen Akteuren, sie wurden abgefeuert von einer Person, deren Funktion vielen als Keimzelle der Gesellschaft gilt, einer Mutter. Das Datum ist in den Köpfen verloren gegangen. Nicht aber der Name der Frau: Marianne Bachmeier. 

Marianne Bachmeier erschoss am dritten Verhandlungstag im Landgericht Lübeck den Mörder ihrer Tochter. Der mehrfach wegen Sexualdelikten vorbestrafte Schlachter Klaus Grabowski hatte die siebenjährige Anna entführt und erdrosselt. Bachmeier schmuggelte eine Waffe in den Gerichtssaal und traf Grabowski sechsmal in den Rücken. Er war sofort tot.  

Die Frage nach der Legitimität 

Die Tat gilt nach wie vor als der spektakulärste Fall von Selbstjustiz in diesem Land. Und sie hat sich, ebenso wie die Frage der Legitimität von Bachmeiers Handeln, ins bundesrepublikanische Kollektiv gegraben. So sehr viele Bürger und Bürgerinnen die Selbstjustiz ablehnten, so sehr traf sie doch auch auf Verständnis. Als Marianne Bachmeier 1982 wegen Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde, hielten einer Allensbach-Umfrage zufolge 28 Prozent der Bürger*innen das Strafmaß für angemessen, 25 Prozent fanden es zu niedrig, 27 Prozent zu hoch. 

Es ist kaum anzunehmen, dass die Einschätzung ähnlich ausgefallen wäre, hätte die damals 30-jährige Marianne Bachmeier den vorbestraften Grabowski erschossen, weil er ihren Bruder getötet hat. Oder eine Freundin. Dass der „Fall Bachmeier“ auch heute noch Bedeutung hat, dass er auch fast 40 Jahre später noch immer in den Medien auftaucht, zeigt zwei Dinge überdeutlich: Die Stellvertreterrolle der Marianne Bachmeier für die Verkörperung der Annahme, dass es für eine Mutter nichts Schlimmeres als den Tod ihres Kindes geben kann. Und die Bereitschaft, einer Mutter mehr Befugnisse zuzubilligen als anderen Mitgliedern der Gesellschaft, oder auch: ihr gegenüber andere Maßstäbe anzulegen. 

Marianne Bachmeier bekam von der Presse die Bezeichnung „Rache-Mutter“ aufgedrückt und das Motiv der „Rache-Mutter“ erlebte 2017 seinen vorerst letzten kulturellen Höhepunkt. Mit dem Oscar-prämierten Film „Three Billboards Outsite Ebbing, Missouri“, in dem eine äußerst schräg agierende Mutter den Mörder ihrer Tochter sucht, und Fatih Akins Golden-Globe gekröntem Werk „Aus dem Nichts“. Der Hamburger erzählt die Geschichte einer Frau, die durch ein Attentat ihren Mann und ihren Sohn verliert und als eben solche „Rache-Mutter“ die Täter sucht. Auch Uma Thurman hatte in Quentin Tarantinos „Kill Bill“ (2003) diese Rolle inne, und der Verlust ihres ungeborenen Kindes samt ihrer Hochzeitsgesellschaft legitimiert vermeintlich einen Blutrausch, über dessen Opferzahl selbst Tarantino, wie er zugab, irgendwann den Überblick verlor.  

„Sie haben keine Ahnung, wozu ich imstande bin“

Stellte die Verfilmung des weltweiten Bestsellers „Nicht ohne meine Tochter“ (1991) den eher gewaltfreien Kampf einer US-amerikanischen Mutter dar, ihre vom Vater festgehaltene Tochter aus dem Iran herauszuholen, geht der Hollywood-Film „Wenn Du für Deine Kinder einfach alles tust“, einen anderen Weg. Der Thriller, der diesen August anlief, zeigt, auf was sich Kriminelle gefasst machen müssen, wenn sie aus Geldgier ein Haus überfallen, ein Geschwisterpaar als Geisel nehmen und ihnen die Mutter entwischt. Zitat: „Ich bin nur eine Mutter. Sie haben keine Ahnung, wozu ich imstande bin.“ Der für das Motiv der „Rache-Mutter“ stellvertretende Subtext: Wir sehen zwar als Frauen in dieser Gesellschaft keinen Stich, aber legt uns nicht mit uns an, wenn wir Mütter sind. 

Und so eint diese und ähnliche Filme, dass sie Frauen zeigen, die über sich hinauswachsen. Bis auf die Figur der von Uma Thurman verkörperten „Kiddo“ in „Kill Bill“, sind es meist bürgerliche, angepasste Frauen, die durch den Verlust ihres Kindes oder dessen Bedrohung ihre körperlichen Grenzen und den Konsens sozial erwünschten Verhaltens hinter sich lassen. In ihrem Kampf stehen ihnen auf einmal ungeahnte Kräfte zur Verfügung und das moralische Korsett, das ihr Handeln bislang in den Bahnen des Anstands hielt, ist nichts, an das sie noch Gedanken verschwenden. Wie im Tierreich, wo Weibchen nie so gefährlich sind wie zu der Zeit, in der sie Junge haben, kämpfen diese Frauen auf einmal „wie eine Löwin“ um ihren Nachwuchs und machen keine Gefangenen. 

Zweierlei Maß

Das anzusehen macht Spaß – und hat dennoch diesen fahlen Beigeschmack, dass der Kampf von Frauen eben vor allem dann Anerkennung erfährt, wenn sie ihn als „Mutter“ führen. Setzen sich Frauen für gleichen Lohn ein, für das Anrecht, auch ein Unternehmen zu führen oder als „Kundin“ und nicht als „Kunde“ angesprochen zu werden, gibt es immer noch die Tendenz, das Tun herunterzuspielen, sie als überspannt und einfach zu empfindlich einzuordnen. Annegret Kramp-Karrenbauer, mögliche nächste Kanzlerkandidatin der CDU, hat in einem Interview mit der „Welt“ im Jahr 2012 diese Zuschreibung hübsch auf den Punkt gebracht. Auf die Frage, woran es liege, dass die CDU, wie Kramp-Karrenbauer es behauptet, eine bessere Frauenpolitik mache, als andere Parteien, antwortet die damalige Ministerpräsidentin: „Unser Ansatz ist pragmatischer. Frauen interessiert es nicht, ob es auch noch auf der vierten Verwaltungsebene eine Gender-Mainstreaming-Beauftragte gibt. Sie wollen einen Kita-Platz. Frauenpolitik funktioniert vielleicht sogar besser ohne die klassischen feministischen Ansätze. Alice Schwarzer und andere haben viel erreicht, und dafür gebührt ihnen auch Dank. Aber heute brauchen wir diese überschrillen Töne nicht mehr.“

Frauen wollen Kita-Plätze, alles andere ist schriller Nonsens – dieses Konstrukt folgt der Denke: Schusterin, bleib bei deinen Leisten. Kümmere Dich um Familie und Gedöns, wie Gerhard Schröder in seiner Rolle als Bundeskanzler die Themengebiete, die Frauen zugeteilt werden, umschrieb, und wir halten Dich als kämpfende, streitende Person aus. 

Nazis schätzten Kampf für die Brut 

Dieses Bild hat Tradition. Selbst bei den Nationalsozialisten, die Frauen eine passive, stille Rolle in ihrem Gefüge zugedacht hatten, war die Kämpferin willkommen, so sie sich für ihre Brut einsetzte. „Mütter kämpft für Eure Kinder!“ hieß eine Broschüre der NS-Wohlfahrtsorganisation, die ab 1933 in einer Millionenauflage verteilt wurde und die Frauen aufforderte, sich für die sogenannte Aufartung, die „Reinheit des Blutes“, einzusetzen und Tipps gegen Hunger und Kälte gab. 

Die AfD war von dieser Blut- und Boden-Propaganda nicht weit entfernt, als sie „Kind“, „Deutschland“ und „Kampf“ 2017 zusammenbrachte. Auf Plakaten zur Bundestagswahl schmiegte Frauke Petry ihren neugeborenen Sohn an ihre Wange, und fragte: „Und was ist Ihr Grund für Deutschland zu kämpfen?“

Doch jenseits von Blut und Boden gibt es eine andere, beeindruckende und berührende Nutzung der Rolle als Mutter im Rahmen politischer Agenda. Die jener Mütter, die sich in Terror-Regimes, autokratischen und kriegstreibenden Staaten vereinen. So wie die „Mütter des Platzes der Mairevolution“ in Argentinien, die ein weißes Kopftuch zu ihrem Erkennungszeichen gemacht haben und die noch zu Zeiten der Diktatur begannen, auf die Straße zu gehen, um Aufklärung über das Verschwinden ihrer Töchter und Söhne einzufordern. Oder die „Samstagsmütter“, die seit 1995 in Istanbul wöchentlich auf die Straße gehen, um zu erfahren, was mit ihren in den 80er und 90er Jahren verschwunden Kindern passiert ist. 

Es gibt außerdem die Mütter „gegen den Krieg“, „gegen Gewalt“, „gegen den Dschihad“, „gegen Atomkraft“. Was sie eint, ist die Vernunft. Immer geht es um ein höheres Gut. Es geht um das Leben und die Unversehrtheit. Anders als Parteipolitiker*innen oder Lobbyist*innen nimmt man ihnen ihr Anliegen ab – wer könnte den Wert eines Lebens besser erkennen, als diejenigen, die es geben? Was Frauen an diesem Punkt so überzeugend verbindet, ist das große Moment der Solidarität. Es geht nicht um dein Kind oder meines, es geht um das Kind an sich. Dieser Gedanke stützt die These, dass Frauen auch deshalb weniger kriegstreiberisch sind, weil jeder Soldat und jede Soldatin, jedes Kind, das im Krieg umkommt, Kind einer Mutter ist und stellvertretend für das eigene steht. Aber auch, dass man keiner anderen Frau das antun will, was für das eigene Dasein das Schlimmste ist: das eigene Kind zu verlieren. 

Der Heiligenstatus Mutter 

Dabei profitieren diese Frauen von dem Heiligenstatus, der der „Mutter“ noch immer anheftet. Sie anzugreifen, wie es etwa die türkische Polizei am 25. August getan hat, als die „Samstagsmütter“ zum 700. Mal ihren Protest in Istanbul kundtaten, sie mit Tränengas und Wasserwerfern zu attackieren, wirkt deutlich unangemessener, als wenn es „Frauen“ wären, die auf die Straße gingen. 

Und gerade wegen dieser Überhöhung, wegen der Kopplung von familiären und sozialen Themen an die „Mutter“, war es so wichtig, dass die große Welle des Feminismus in den 70ern von einer Frau angeführt wurde, die keine Mutter ist. Wäre Alice Schwarzer Mutter, wäre es für die Republik vielleicht noch auszuhalten gewesen, dass sie sich für bezahlte Hausarbeit und Ganztagsschulen einsetzt, alle anderen Themen aber hätte man ihr streitig gemacht. Für die Forderungen nach einem Ende der Diskriminierung und der patriarchalen Übermacht sowie der nach der weiblichen Selbstbestimmung über den Körper, war es elementar, dass eine Frau sie aussprach, der sich keine mütterlich-klebrige, vernebelte Emotionalität andichten ließ. Natürlich hat ManN versucht, Schwarzer und ihre Forderungen zu diskreditieren, in dem man sie „untervögelt“ nannte, aber es war nicht möglich, sie zu schwächen, indem man ihre Gedanken in die „Gedöns“-Ecke von der mit Fimo bastelnden Mutter schob, der im Zweifelsfall ein weiteres Kind gemacht werden müsse, damit sie weniger gelangweilt ist. Alice Schwarzers Kinderlosigkeit zwang die Gesellschaft, sie so wahrzunehmen, wie Männer wahrgenommen werden: rational. Und dadurch in Schwarzer ein Gegenüber und ggf. eine Gegnerin sehen zu können. Kurz, sie ernst zu nehmen.

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