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Tankstellenmord in Idar-Oberstein: Angeklagter schiebt Schuld von sich

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Von: Joachim F. Tornau

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Blumen und Kerzen sind vor dem Tatort abgestellt.
Blumen und Kerzen sind vor der Tankstelle in Idar-Oberstein abgestellt. Jetzt hat das Gerichtsverfahren um den Mord begonnen. © Birgit Reichert/dpa

Im Prozess um den Tankstellenmord in Idar-Oberstein wird deutlich: Der Angeklagte hegte schon vor der Corona-Pandemie Revolutionsfantasien

Als Mario N. die Sätze in sein Handy tippte, sprach in Deutschland noch kaum jemand vom Coronavirus, einer Maskenpflicht oder Lockdowns. „Ich weiß, es klingt doof“, schrieb er am 16. Februar 2020, „aber ich sehe keine Lösung mehr, in der keine Gewalt vorkommt.“ Und: „Man muss halt schauen, wie man sich bewaffnet, ohne Aufsehen zu erregen.“

Mehr als anderthalb Jahre später, im September 2021, erschoss der heute 50-Jährige im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein den Tankstellenkassierer Alexander W. – als Rache dafür, dass der 20-Jährige ihm ohne Maske kein Bier hatte verkaufen wollen. Im Mordprozess vor dem Landgericht in Bad Kreuznach hat der selbstständige Softwareentwickler die Tat gestanden. „Ich bereue die Tat, ich schäme mich“, ließ er seine Verteidigung ausrichten. Und relativierte das sogleich, indem er sich zum Opfer der Umstände erklärte.

Mutmaßlicher Mörder von Idar-Oberstein stellt sich als Opfer dar

„Ich war zermürbt von den Corona-Maßnahmen“, trug Rechtsanwalt Alexander Klein in seinem Namen vor. Als Asthmatiker habe er unter der Maskenpflicht gelitten, als Unternehmer habe er Aufträge verloren. Und dann habe er noch nicht mal die Beerdigung seines Vaters besuchen dürfen, der im März 2020 versucht hatte, die Mutter zu töten, und sich danach selbst erschossen hatte.

Die Botschaft: Nur wegen all dieser Schicksalsschläge habe sich Mario N. in den virtuellen Welten der Corona-Leugner verirrt und sich dabei so sehr radikalisiert, dass er an jenem Septemberabend zum Revolver griff. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Mario N. damit auch ein „Zeichen“ setzen wollte gegen die Corona-Politik. Weil man an die Hauptverantwortlichen ja nicht herankomme.

Wie die Selbstdarstellung des Angeklagten als eines nur durch die Pandemie radikalisierten Mannes mit den Revolutionsfantasien zusammenpasst, die er schon vorher im Chat mit einem Bekannten kundgetan hatte, gehört zu den Fragen, die der Prozess wird beantworten müssen. Für den Mann, mit dem Mario N. damals via Telegram chattete, ein Vorstandsmitglied des örtlichen Schützenvereins, war an den Nachrichten freilich gar nichts Auffälliges. Von „ganz normalem Geplänkel“ spricht der 67-Jährige, als er am Freitag als Zeuge gehört wird.

Tankstellenmord von Idar-Oberstein: Verteidigung setzt auf Alkohol

Denn meistens, so wird deutlich, waren sich die beiden Männer einig: in ihrer Ablehnung der Flüchtlingspolitik, in ihrer Ablehnung von „Vermummten“, wie Mario N. muslimische Frauen mit Kopftüchern oder Schleiern nannte, in ihrer Ansicht, dass sich in Deutschland ja niemand mehr traue, die Wahrheit zu sagen, nicht einmal die AfD. Und bis zu einem gewissen Punkt auch beim Coronavirus. Auch der Rentner lässt Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus durchblicken, auch er hält das Vorgehen zur Pandemie-Bekämpfung für überzogen, auch er glaubt nicht an die hohen Totenzahlen: „Ich habe niemanden gesehen, der tot umgefallen ist“, sagt er.

Dennoch gingen ihm die Verschwörungserzählungen, die Mario N. über das Virus verbreitete, offenbar zu weit. „Corona war für ihn Feindbild“, formuliert es der Mann. Und als er sich eines Tages habe impfen lassen, sei das das Ende ihrer Freundschaft gewesen. „Er meinte, wenn man geimpft ist, hat man das Zeug in sich und ist dann hochgradig ansteckend.“

Gerichtsverfahren zu Tankstellenmord: Schütze von Idar-Oberstein schiebt Schuld von sich

Was die Tat selbst angeht, setzt die Verteidigung insbesondere auf Alkohol. Sieben oder acht Halbliterdosen Bier will Mario N. intus gehabt haben, als er an jenem Abend zum ersten Mal in der Tankstelle auftauchte und von seinem späteren Opfer weggeschickt wurde. Noch ein paar Dosen mehr sollen es gewesen sein, als er zurückkehrte, um Alexander W. zu erschießen. Nüchtern, soll das heißen, hätte er so etwas nie getan. Als die Videos der Überwachungskameras im Gerichtssaal gezeigt werden, ist allerdings keinerlei Schwanken zu erkennen, auch Auto fahren konnte Mario N. offensichtlich noch. Als kühl und ruhig beschreibt eine Augenzeugin sein Auftreten: „Er sah aus, als wisse er genau, was er tut.“

In seiner Einlassung versuchte der Angeklagte zudem, dem Opfer eine Mitschuld zuzuschieben: Anmaßend, von oben herab habe ihn Alexander W. behandelt, arrogant, „wie einen Idioten“. Eine Demütigung, die er nicht habe auf sich sitzen lassen wollen. Alexander W. – ein Provokateur? Jemand, der Streit sucht? Das klingt bei einem Mann, der damals ebenfalls an der Tankstelle arbeitete und es noch immer tut, ganz anders. „Er war eigentlich immer sehr freundlich und zuvorkommend“, sagt der 30-Jährige. „Ich habe keine Situation miterlebt, die eskaliert ist oder kurz vorm Eskalieren war.“ (Joachim F. Tornau)

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