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Hat im Raum Paris eine mobile Moschee gegründet: Kahina Bahloul. samuel kirszenbaum
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Hat im Raum Paris eine mobile Moschee gegründet: Kahina Bahloul.

Islam

„Das Herz des Islam tendiert zur Freiheit“

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Kahina Bahloul, Frankreichs erste Imamin, spricht im Interview über die Unsichtbarkeit von Musliminnen heute, die Kraft des Sufismus und revolutionäre Frauen.

Frau Bahloul, Sie sind die erste Imamin Frankreichs. Ist das revolutionär oder ganz normal?

Es hat schon etwas Spezielles, aber nur, weil die Frage weiblicher Vorbeterinnen heute überall tabu ist. Dabei hatte man in gewissen Zeiten, so etwa im 12. oder 13. Jahrhundert, rege darüber diskutiert. Die meisten patriarchalisch geprägten Weisen lehnten Imaminnen zwar ab, aber es gab auch welche, die wie Ibn Arabi in Andalusien in der prophetischen Tradition standen und sich für Vorbeterinnen aussprachen.

In Ihrem Buch „Mein Islam, meine Freiheit“ beschreiben Sie das Beispiel von Umm Waraqa.

Ja, diese Frau war laut der Überlieferung vom Propheten bestimmt worden, in seiner Moschee in Medina vorzubeten. Und das tat sie wohlgemerkt vor einer gemischten Gemeinschaft aus Frauen und Männern. Später wurde das alles unterschlagen. Viele Leute meinen deshalb heute, der Koran enthalte ein Imamin-Verbot. Das steht aber nirgends.

Was fühlten Sie, als Sie erstmals 2019 das Gebet leiteten?

Es war ein sehr starker Moment, auch deshalb, weil die Gemeinschaft in der Moschee aus Frauen und Männern bestand. Ich fühlte eine große Dankbarkeit ihnen gegenüber. Wenn ich ihre Gesichter sah, ihren Ausdruck, hatte ich das Gefühl, dass sie sehr empfänglich waren.

... für die Worte einer Frau?

Frauen haben im Islam bisher eine sekundäre Rolle gespielt. Sie müssen im Unter- oder dem Zwischengeschoss der Moscheen beten. Damit sind sie schlicht unsichtbar. Insofern haben Imaminnen schon etwas Revolutionäres. Aber wenn man darauf abstellt, was uns der Prophet hinterlassen hat – soziale Gerechtigkeit und Gleichheit – , habe ich das Gefühl, auf einer sehr klassischen Linie zu sein.

In einzelnen westlichen Ländern gibt es Imaminnen. In Frankreich leben mehr Muslim:innen als anderswo in Europa und diese Debatte verläuft meist sehr konflikthaft ...

Ich erhalte natürlich auch ablehnende Reaktionen in den sozialen Medien. Anfangs waren Drohungen darunter, wohl von kleinen Jungs, die sich nun beruhigt haben. Die positiven Mitteilungen sind viel zahlreicher. Viele sagten mir, sie hätten seit langem auf diesen Moment gewartet, denn sie wollten ihre Religion in Harmonie mit der heutigen Zeit und ihren Herausforderungen leben.

Was predigen Sie eigentlich?

Wie auch in meinem neuen Buch spreche ich über die Kernbotschaft des Islam, den ersten Geist im 7. Jahrhundert. Es geht um soziale Gleichheit und menschliche Würde. Es ist eine Botschaft des Friedens mit dem Ziel, den Menschen zum Höchsten und Bestmöglichen anzuleiten.

Viele Menschen in Europa denken beim Stichwort Islam eher an Radikalismus, Gewalt und den ermordeten Geschichtslehrer Samuel Paty.

Diese Gräuel, dieser Terrorismus verdreht die Botschaft des Islam vollkommen. Muslimbrüder, Salafisten und IS-Milizen manipulierten sie zu einer obskurantistischen, tödlichen Ideologie.

Wie konnte das geschehen?

Nicht nur im Islam zeigt sich: Sobald sich die Politik der Religion annimmt, ist das Resultat katastrophal. Der Islam, ein an sich persönlicher, spiritueller Weg, kam historisch auf Abwege. Der Sturz des ottomanischen Reiches ließ viele Gläubige verwaist zurück. Als die westlichen Großmächte das Reich aufteilten, verloren auch die religiösen Reformer an Boden. Darunter litt die Beziehung des Islam zu den anderen Glaubensgemeinschaften, generell zu den „anderen“. Die Islamisten bedienen sich dieses Gefühls der Ablehnung, die Terroristen treiben es auf die Spitze.

Sehen Sie diese Zusammenhänge auch dank Ihrer vielfältigen Herkunft?

Zur Person

Kahina Bahloul (41) war die erste von heute drei Imaminnen Frankreichs. Viel zu reden gibt ihr neues Buch „Mon islam, ma liberté“ (Mein Islam, meine Freiheit; auf Französisch im Verlag Albin Michel). Darin äußert sie sich zu Themen wie Frau im Islam, Kopftuch, Dschihadismus, aber auch zu ihrem Werdegang und ihrem Einsatz für einen spirituellen Islam.

Seit 2019 steht Bahloul der von ihr gegründeten, nicht stationären Moschee „Fatima“ im Großraum Paris vor. Die Verfechterin eines sufistisch-mystischen Islam wuchs in Algerien auf. Ihr Vater war ein muslimischer Heiler aus der Kabylei, ihre Mutter Atheistin und Tochter einer polnischen Jüdin und eines Christen. (brä)

Ja, ich bin in Algerien in einem kulturellen Gemisch aufgewachsen und hatte Kontakt zu allen drei monotheistischen Religionen. Über meinen Vater suchte ich früh Antworten bei den islamischen Denkern, und ich war überrascht, wie sehr gerade die Mystiker für eine Öffnung zu Andersdenkenden und das universelle Wohl eintraten. Dazu gehört auch der Sufismus (eine mystisch-asketische Islamströmung, Anm. der Red.). Er ist entgegen einer verbreiteten Meinung keine Randerscheinung im Islam, sondern zentraler Teil der islamischen Spiritualität. Und er ist sehr zeitgemäß. Das sage ich auch immer wieder jungen Gläubigen.

Wie kommen Sie in Kontakt?

Via soziale Medien, aber auch mit dem Besuch von Grund- und Mittelschulen. Ich stelle dort jedes Mal fest, wie wissbegierig Kinder und Jugendliche sind. Im ersten Kontakt mit mir reagieren sie eher misstrauisch, stecken sie doch voller Klischees und Stereotypen zur Rolle der Frauen. Doch wenn ich den Älteren islamische Texte vorlege, merke ich rasch, dass die Weisheit der Schriften sie zum Denken bringen. Dann verstehen sie auch, dass die Dinge nicht so furchtbar simpel sind, wie es die Integristen darstellen und dass alles viel komplexer ist.

... auch die Frage des islamischen Kopftuchs, das Sie selber nicht tragen?

Dazu gibt es verschiedene Standpunkte, je nach dem Sinn, den man dem Kopftuch gibt. Längst nicht nur Fundamentalistinnen legen es an. Viele Frauen sind schlicht daran gewöhnt, namentlich wenn sie aus dem Mittleren Osten stammen. Andere bedecken sich die Haare aus spirituellen Gründen, aus Respekt für Gott. Das alles geht in Ordnung. Problematisch wird es, wenn die Frage politisiert wird, sei es durch die Salafisten oder durch die andere Seite.

Oder durch selbst ernannte Gralshüter in Saudi-Arabien oder im Iran.

Ich habe in einem frühen Text das Beispiel einer Frau gefunden, die zur Zeit des Propheten auf den lokalen Märkten eine Art von Steuern eintrieb – was in Saudi-Arabien heute nicht mehr möglich wäre! Es gibt viele solcher Beispiele, die zeigen, dass Frauen früher eine öffentliche Rolle gespielt hatten. Zur Zeit des Propheten waren sie freier als heute.

Sind Sie der Meinung, dass die Unfreiheit der Musliminnen zunimmt?

In Saudi-Arabien haben die regierenden Wahhabiten auf jeden Fall eine Version des Islam durchgesetzt, die rückständiger ist als im 7. Jahrhundert. Bis vor kurzem durften die Saudierinnen ohne Einwilligung ihres Mannes nicht einmal das Haus verlassen. Unglaublich! Wie auch der Schleierzwang im Iran, den es früher so nicht gab. Diese politisch-integristische Lesart des Korans zeigt modellhaft, worum es geht – nämlich um die Kontrolle des weiblichen Körpers im physischen wie im übertragenen Sinn.

Sie nennen Ihr Buch „Mein Islam, meine Freiheit“. Ein gewollter Widerspruch?

Nicht unbedingt. Wenn Sie die islamischen Texte nicht durch die patriarchalische Brille lesen, erkennen Sie sehr schnell, dass das Herz des Islams zur Freiheit tendiert. Mich hat der Sufismus innerlich befreit. Er hat mir zu einer Abgeklärtheit verholfen, die mir auch im Alltag hilft.

Also nicht nur im Glauben?

Als ich in Algerien aufwuchs, stand das Land im Bann des Bürgerkriegs mit den Islamisten, und ich zweifelte an allem, verzweifelte wie so viele Landsleute. Diese Zweifel haben mich letztlich dazu gebracht, mich etwas Tieferem und Einsichtigerem zu öffnen, nämlich der islamischen Spiritualität. Das war für mich, wie wenn ich einen Schatz gefunden hätte. Und heute will ich ihn mit anderen teilen.

Gibt es im Islam ein Zölibat wie in der katholischen Kirche?

Nein, sogar die Wali, eine Art Heilige, dürfen heiraten und werden auch dazu ermutigt.

Was hat der Trägerverein Ihrer „Moschee Fatima“ für Pläne?

Diese mobile Moschee existiert noch nicht physisch; wir müssen für jedes Freitaggebet ein Lokal mieten. Unser Ziel ist es, genügend Gelder zusammenzubringen, um über ein eigenes Gebetslokal zu verfügen.

Interview: Stefan Brändle

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