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60 JAHRE DANACH

Der Musiker

Am 1. Mai "kamen die sehnsüchtig erwarteten Amerikaner in meinen Geburts- und Heimatort Haidmühle im Bayerischen Wald", schreibt Alois Zellner aus Regensburg. Zuvor aber wäre es um ein Haar noch zum Einsatz des 15-Jährigen als Flakhelfer gekommen. Zellner räumt auch mit der Legende auf, die Deutschen hätten "von nichts gewusst".

Seit September 1944 war ich Schüler in Wallern (Volary) im damaligen Sudetenland. Im Februar '45 wurden wir dann in Winterberg (Vimperk) als Flakhelfer ausgebildet. Am 20. April 1945 (dem Geburtstag Hitlers) saßen wir im Keller des Hotels, in dem wir einquartiert waren. Fliegeralarm! Die Amerikaner kamen immer näher. Unser Ausbilder, ein Feldwebel, beschloss, eine Musikgruppe zusammenzustellen. Auf die Frage, wer ein Instrument habe und es auch spielen könne, meldete ich mich und auch mein Freund, der Kloiber Peppi. Ich war und bin völlig unmusikalisch, und mein Volksschullehrer sagte einmal: "Zellner, du bis ein musikalisches Schwein!" Der Feldwebel wusste, dass es mit dem Krieg zu Ende ging. Er wollte uns, davon waren wir fest überzeugt, eine Chance geben, der Gefangenschaft oder dem "Heldentod" zu entgehen. "Also", sagte er, "dann fahrt's heim, holt's die Instrumente und dann kommt's wieder."

Wir wollten aber nicht mehr zurückkommen. Seit dem 22. April saßen wir zu Hause auf Kohlen, und die Amerikaner waren immer noch nicht da. Ein Nachbar meinte, dass es am besten wäre, mich oben am Dreisesselberg im Wald zu verstecken. Die Nazis machten ja kurzen Prozess mit Deserteuren, und unser unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe hätte sicher für den Strick gereicht. Nach einer Woche fassten wir den Entschluss, zur Einheit nach Winterberg zurückzukehren. Mama war absolut dagegen. Sie packte aber doch den Rucksack, und am nächsten Morgen sollte ich zum Bahnhof gehen. Über Nacht fiel unendlich viel Schnee, und der Zug konnte nicht fahren.

Und endlich am 1. Mai war es soweit. Die Amerikaner waren da! Wir atmeten auf und freuten uns, dass das unmenschliche Nazi-System endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet war. Mein Vater (Weltkriegsteilnehmer) war seit Ende der 20er Jahre eingefleischter Nazi-Gegner. Er schimpfte oft lautstark gegen die Nazi-Bagage und den Oberverbrecher Hitler. Wohlmeinende rieten ihm: "Lois, halt dich z'ruck, sonst kommst nach Dachau." Ich als Zehnjähriger (geb. 1929) wusste - zwar nicht im Detail -, dass in Dachau und in allen KZs furchtbare Dinge geschahen.

Mit Papa hörte ich bei einer Nachbarin oft "Feindsender". Radio Beromünster und BBC London. Die war die Einzige, die in unserem Ortsteil Ludwigsreith ein Radio hatte. Mein Vater sagte mal zu mir: "Bua, so lang du lebst, kannst nie ins Ausland fahr'n. Die hauen jeden Deitschn aussi; was wir alles angerichtet haben in ganz Europa." Ich wusste auch, dass Leute verschwanden. Einmal hieß es: "Jetzt ham's den Doktor Koschminski (ein jüdischer Zahnarzt) aus Breitenberg auch fortgebracht." Wer es wissen wollte, hat gewusst, dass Deutschland von einer Verbrecherbande regiert wird.

Die Amerikaner waren für uns im wahrsten Sinne des Wortes die Befreier. Mit vorgehaltenen Gewehren kamen die ersten drei die Straße hoch. Eine Menge Leute standen am Straßenrand. Einer der G.I.s ging auf einen Mann zu und nahm ihm die Eisenbahnermütze vom Kopf. Jetzt wird er ihn zusammenschlagen, dachte ich. Aber er nahm nur die Hakenkreuz-Kokarde ab und drückte ihm dann die Mütze wieder auf den Kopf.

Es gab keine Übergriffe, es wurde nicht geplündert, und wenn G.I's zum Beispiel Milch oder Eier wollten, bezahlten sie mit Zigaretten, Schokolade oder Chewing Gum. Alles in allem kann ich sagen: "Ich habe Glück gehabt. Ich musste nie auf einen Menschen schießen."

Alois Zellner, Regensburg

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten von den letzten Wochen des Krieges im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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