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Muezzinruf erlaubt: „Allahu akbar“ in Köln

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Von: Ursula Rüssmann, Fabian Scheuermann

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An Symbolkraft fehlt es der Kölner Skyline nicht: Blick von der Ditib-Moschee zum Dom.
An Symbolkraft fehlt es der Kölner Skyline nicht: Blick von der Ditib-Moschee zum Dom. © dpa

Fünf Minuten Gebetsruf pro Woche darf die große Ditib-Moschee in Köln fortan aussenden. Endlich gleiche Rechte, so die einen – andere sehen darin einen Erfolg des politischen Islam.

Für die einen ist der Bau ein Symbol für Weltoffenheit und Religionsfreiheit, andere sehen darin eine betongewordene Machtdemonstration des Islam – die 2017 eröffnete Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Am heutigen Freitag ruft von dem Gebäude aus erstmals der Muezzin öffentlich zum Gebet. Genauer gesagt wird der Religionsbeauftragte Mustafa Kader den Gebetsruf um 13.24 Uhr per Lautsprecher rezitieren, teilte die Ditib am Mittwochabend in Köln mit.

Maximal fünf Minuten und nicht zu laut darf der wöchentliche Ausruf in arabischer Sprache sein – so sieht es der Vertrag vor, den Ditib mit der Stadt Köln geschlossen hat. Die Moscheegemeinde in Ehrenfeld ist die bislang einzige, die im Zuge eines zweijährigen Modellprojekts der Stadt Köln einen Antrag dazu gestellt hat. Rund zehn weitere Gemeinden haben Interesse bekundet.

„Endlich gesellschaftlich angekommen“, heißt es bei der Ditib

Den Gebetsruf an so prominenter Stelle zu erlauben, sei ein wichtiger Schritt für die Wahrnehmung der muslimischen Glaubensgemeinschaften als Teil der Gesellschaft, sagte der stellvertretende Ditib-Vorsitzende Abdurrahman Atasoy. „Dass Muslime mit ihren repräsentativen Moscheen als sichtbarer und mit ihrem Gebetsruf als hörbarer Teil endlich gesellschaftlich angekommen und angenommen sind, ist die Kernbotschaft“, erklärte Atasoy. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sagte, dass man mit dem Modellprojekt „den berechtigten religiösen Interessen der vielen Muslim:innen in unserer weltoffenen Stadt Rechnung“ trage.

Kritik kam von Murat Kayman vom Beirat der Alhambra-Gesellschaft, einem Zusammenschluss liberaler Muslim:innen. Zwar begrüße er, dass der Muezzinruf möglich sei, sagte er dem Kölner Domradio. Das sei ein Zeichen der demokratischen Verfasstheit einer vielfältigen Gesellschaft. Er habe jedoch ein Problem mit der Institution Ditib, die dem türkischen Staat nahesteht: „Sie steht für alles, aber nicht für demokratische Verhältnisse und Freiheitlichkeit.“ Allerdings sei die Gemeinde der Ditib-Zentralmoschee zu vielfältig, als dass man im Muezzinruf eine Demonstration des politischen Islam sehen müsse, so Kayman.

Ahmad Mansour kritisiert Nähe zu Ankara

Das sieht der Psychologe und Autor Ahmad Mansour anders, der viel zum politischen Islam arbeitet: Im Gespräch mit der FR betonte Mansour am Donnerstag, dass es eine absolute „Machtdemonstration“ sei, wenn nun ausgerechnet der erdoğantreue Ditib-Verband wöchentlich lautstark zum Gebet rufe. „Ich finde, so eine Moschee zu hofieren und ihr symbolisch diese Machtdemonstration zu erlauben, das ist das falsche Signal.“ Ob man den Muezzinruf zulassen wolle, sei zudem „eine Grundsatzfrage, die wir in unserer Gesellschaft noch nicht ausdiskutiert haben“.

Der Gebetsruf

Der Gebetsrufer muss kein Imam sein. Das Amt kann von einem geschulten Gemeindemitglied übernommen werden. In der islamischen Tradition ruft der Muezzin die Gläubigen in der Regel fünfmal am Tag zum rituellen Gebet.

Der islamische Gebetsruf „Adhan“ erfolgt in arabischer Sprache. Die Textverse mit Wiederholungen heißen übersetzt „Gott (Allah) ist groß“, „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Gott“, „Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist“, „Kommt zum Gebet“, „Kommt zum Heil“, „Gott ist groß“, „Es gibt keine Gottheit außer Gott“. (epd)

Positiv sieht dagegen der Migrationsforscher und Islamexperte Werner Schiffauer den Start des Kölner Muezzinrufes: „Hier wird endlich sichtbar anerkannt, dass der Islam gleiche Rechte hat.“ Kritik aus muslimischen Kreisen, der Muezzinruf könne populistischen Stimmen der Mehrheitsgesellschaft Auftrieb geben, weist er auf FR-Anfrage zurück: „Solche Debatten sind in der Vergangenheit auch unter Juden geführt worden, es gibt sie heute unter Homosexuellen und eben auch im Islam. Wir wissen aber: Sich kleinmachen hat noch keine diskriminierte Gruppe weitergebracht.“

Islamexperte Schiffauer: Ditib-Moschee „überwiegend Ort religiöser Botschaften“

Schiffauer, der zum türkischen Islam in Europa geforscht hat, teilt die scharfe Kritk an der Ditib-Nähe zu Ankara und der finanziellen Abhängigkeit von der Türkei. So seien in der Zentralmoschee türkische Politiker aufgetreten und Wahlkampfveranstaltungen abgehalten worden. „Ganz überwiegend“ aber sei die Zentralmoschee ein Ort „rein religiöser Botschaften“. Sie werde als repräsentative Moschee keineswegs nur von Ditib-Mitgliedern aufgesucht.

Die Moschee in Köln-Ehrenfeld ist nicht die erste in Deutschland, wo der Muezzin rufen darf – in geschätzt etwas mehr als dreißig Moscheegemeinden ist dies bereits Normalität. So auch in der nordrhein-westfälischen Großstadt Düren, wo eine Ditib-Moschee seit 37 Jahren dreimal am Tag zum Gebet ruft. „Ja, es gab in der Vergangenheit in Einzelfällen Beschwerden, etwa wegen Lärmbelästigung“, so der Sprecher der Stadt, Helmut Göddertz, auf Nachfrage. Grundsätzlich könne man aber sagen, „dass der Muezzinruf hier mittlerweile zum Alltag gehört“. (mit epd)

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