Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Zeiten sind vorbei:  Mama sitzt nur dann im Sessel, wenn die Muttertagspräsente entgegennimmt. In der heutigen Arbeitswelt aber ist sie leider noch immer benachteiligt.
+
Die Zeiten sind vorbei: Mama sitzt nur dann im Sessel, wenn die Muttertagspräsente entgegennimmt. In der heutigen Arbeitswelt aber ist sie leider noch immer benachteiligt.

Mütter sitzen selten im Chefsessel

Frauen haben noch immer kaum Chancen auf Spitzenpositionen / Von Juliane Achatz, Jutta Allmendinger, Kathrin Dressel, Corinna KleinertDie gute Nachricht: Immer mehr Frauen gehen einer Erwerbsarbeit nach. Die schlechte: Aber nur gut ein Drittel von ihnen in Vollzeit. Denn die Rollenverteilung in den Familien hat sich auch in jüngster Zeit nicht verändert. Mütter teilen zwischen Familie und Beruf, Väter machen Karriere.

Ein Blick in die amtliche Statistik zeigt zunächst, dass die Frauenerwerbsquote stetig ansteigt. Fast 49 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind Frauen; 1991 lag ihr Anteil noch bei 44 Prozent. Doch bilden diese Zahlen die Entwicklung nur unvollständig ab. Erst die Betrachtung der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit von Frauen und Männern liefert uns das ganze Bild. Da Frauen drei Viertel aller Teilzeitstellen, aber nur ein gutes Drittel der Vollzeitarbeitsplätze besetzen, beträgt ihr Anteil am Arbeitsvolumen lediglich 41 Prozent. Die IAB-Arbeitszeitrechnung zeigt, dass der Frauenanteil am Arbeitsvolumen seit 1991 nicht in gleich hohem Maße zugenommen hat wie der Frauenanteil an den Beschäftigten. Die Lücke zwischen Beschäftigten- und Arbeitsvolumenanteilen von Frauen klafft über alle Altersgruppen hinweg, öffnet sich aber besonders stark bei Frauen von Anfang bis Mitte 30 - also in der Phase der Familiengründung. Der Mangel an Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten gibt Müttern, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen wollen oder müssen, nicht die notwendigen Spielräume. Auf die Arbeitszeiten von Männern haben Kinder dagegen kaum Auswirkungen.

Nicht zu übersehen ist die ungleichmäßige Verteilung von Frauen und Männern auf Berufe, Arbeitsplätze und hierarchische Positionen. Frauen konzentrieren sich dabei auf ein wesentlich engeres Berufsspektrum als Männer. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Chancen für Frauen in "typischen Männerberufen" besser sind als in weiblichen Berufen. Wenn dem so wäre, könnten Frauen berufliche Benachteiligungen durch eine geschlechtsuntypische Berufswahl vermeiden. Analysen des IAB zur Arbeitsmarktlage von Ingenieurinnen und Informatikerinnen zeichnen allerdings ein differenziertes Bild: Gegenüber Akademikerinnen allgemein haben diese Frauen teilweise Vorteile (unbefristete Beschäftigung), teilweise ähnliche Bedingungen (Stellung in der betrieblichen Hierarchie), aber auch Nachteile (Arbeitslosigkeit). Gegenüber ihren männlichen Fachkollegen sind diese Frauen deutlich benachteiligt: Sie finden sich auf niedrigeren Positionen, sind häufiger befristet beschäftigt und etwa doppelt so häufig arbeitslos.

Das heißt natürlich keineswegs, dass Frauen einen Bogen um Männerberufe machen sollten: Schließlich sind viele Frauenberufe mit geringen Aufstiegschancen und niedrigem Einkommen verbunden.

Die Unterschiede in den hierarchischen Positionen von Männern und Frauen kann man in der Formel zusammenfassen: Je verantwortungsvoller eine Tätigkeit und je größer die Führungsspanne ist, desto weniger Frauen finden sich dort.

Zwischen Kindern und Beruf

Die IAB-Führungskräftestudie zeigt, dass in der obersten Führungsebene von Betrieben nur jede vierte Stelle von einer Frau besetzt ist. In großen Betrieben sinkt der Anteilswert sogar auf unter zehn Prozent. Die Chancen von Frauen, in Führungspositionen zu gelangen, sind im öffentlichen Dienst, in kleineren Betrieben und in frauendominierten Branchen wie dem Gesundheits- und Sozialwesen größer als in anderen Bereichen.

Weibliche und männliche Führungskräfte leben zudem in unterschiedlichen Familienstrukturen. Nur ein Viertel der weiblichen, aber über 40 Prozent der männlichen Führungskräfte leben mit Kindern zusammen. Während sich Männer meist auf Partnerinnen stützen, die nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig sind, leben Frauen großteils mit Partnern zusammen, die vollzeiterwerbstätig sind oder selbst eine leitende Funktion ausüben.

In der IAB-Führungskräftestudie zeigt sich zwischen den Jahren 2000 und 2004 nur ein geringfügiger Anstieg des Frauenanteils in Führungspositionen. Zuwächse ergeben sich zudem nur für einige Gruppen: So waren bei Führungspositionen in Vollzeit und in hohen Leitungsfunktionen keine Gewinne zu verzeichnen. Frauen zwischen 30 und 49 Jahren konnten ihre Beteiligung an Führungspositionen ebenfalls nicht steigern, und die Anteile von Frauen mit Kindern gingen sogar zurück.

Neben den begrenzten Zugangschancen zu Führungspositionen zeigt sich die Schlechterstellung von Frauen vor allem im Lohnabstand: Wenn man die unbereinigten Verdienstabstände von Vollzeitbeschäftigten betrachtet, liegen die Löhne von Frauen in Westdeutschland rund 25 Prozent unter denen von Männern. Vergleicht man Frauen und Männer, die in den gleichen Berufen und Betrieben tätig sind und die hinsichtlich Ausbildung und Erfahrung ähnliche Voraussetzungen mitbringen, dann zeigt sich, dass Frauen noch immer weniger verdienen als ihre Kollegen. Allerdings geht der Lohnabstand von 25 auf zwölf Prozent zurück. In Ostdeutschland liegt die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern lediglich im einstelligen Bereich. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass hier die gesamte Lohnstruktur komprimierter ist.

Alle diese Ergebnisse zeigen, dass die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern nach wie vor durch Ungleichheiten im Zugang, den Entwicklungschancen und den Löhnen von Arbeit gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, dass sich viele erwerbsorientierte Frauen genötigt sehen, der Karriere willen auf Kinder zu verzichten. Daher ist es notwendig, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern - ein Thema, das bedauerlicherweise nach wie vor fast ausschließlich Frauen betrifft. Dabei sollte verstärkt über Maßnahmen nachgedacht werden, die Frauen nicht nur eine Erwerbstätigkeit im gewünschten Umfang ermöglichen, sondern auch ihre Karriereentwicklung fördern. Teilzeitarbeit und lange Unterbrechungszeiten in den ersten Erwerbsjahren sind hier eher negativ zu beurteilen. Daher sollte eine Angleichung an das Arbeitsvolumen von Vätern verstärkt ins Visier genommen werden. Wichtig ist hier vor allem der Ausbau der ganztägigen Kinderbetreuung für Kinder aller Alterstufen.

Nicht nur der Staat, auch die Betriebe sollten dabei stärker als bisher in die Pflicht genommen werden. Das IAB-Betriebspanel zeigt: Lediglich in neun Prozent aller Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten gibt es betriebliche oder tarifliche Vereinbarungen für eine familienfreundliche Arbeitszeit- und Arbeitsplatzgestaltung. Hinzu kommen freiwillige Initiativen bei fünf Prozent der Betriebe. In großen Betrieben sind Vereinbarungen oder Initiativen zur Chancengleichheit sehr viel häufiger zu finden als in kleinen, daher beschäftigen diese Betriebe knapp 30 Prozent der Beschäftigten. Insbesondere Programme, die über die Möglichkeit von Teilzeiterwerbstätigkeit hinausgehen, wie etwa die Bereitstellung von Kinderbetreuung, werden aber vergleichsweise selten angeboten.

Kein Patentrezept

Zudem sollte auch über Möglichkeiten einer zeitlichen Entzerrung von Karrierebildung und Familiengründung nachgedacht werden. Fallen Unterbrechungen nicht in die karriereintensive Phase der ersten Berufsjahre, werden sie also früher oder später eingelegt, so ist damit zu rechnen, dass sie sich weniger negativ auswirken. Seine positiven Wirkungen wird ein solches Modell allerdings erst dann entfalten, wenn es nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern genutzt wird.

Der Abbau der geschlechtsspezifischen Berufswahl allein ist kein Patentrezept, um die Geschlechterungleichheit im Arbeitsmarkt aufzuheben. Zusätzlich bedarf es weiterer Maßnahmen, die auf eine Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen abzielen, und zwar gleichermaßen in Frauenberufen, gemischten Berufen und Männerberufen. Nicht zuletzt angesichts des prognostizierten Fachkräftemangels in einigen Männerdomänen und der damit verbundenen Chancen für Frauen ist es durchaus sinnvoll, mehr Frauen für geschlechtsuntypische Berufe zu gewinnen. Dazu reicht es allerdings nicht, für diese Berufe in der Berufsberatung der Arbeitsagenturen zu werben. Neben Reformen in Schule, Berufsausbildung und Studium müssen dazu vor allem die Arbeitsbedingungen von Frauen in diesen Berufen verbessert werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare