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Wie oft stand Oskar Gröning an der Rampe von Auschwitz? Das soll der Prozess in Lüneburg klären.

Auschwitz-Prozess

Mühsame Suche nach der Wahrheit

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Im Prozess gegen SS-Mann Oskar Gröning hält ein Gutachter dessen Aussagen für „absolut unwahrscheinlich“. Die Anklage wirft ihm vor, an der Bahnrampe von Auschwitz-Birkenau Spuren der Massentötung verwischt zu haben, indem er half, das Gepäck der Deportierten wegzubringen.

Es gibt vieles, was Oskar Gröning und Gottfried Weise verbindet. Beide waren freiwillige Angehörige der SS, beide waren im Sommer 1944 – während der Vernichtung von mehr als 300 000 ungarischen Juden – im KZ Auschwitz, beide arbeiteten damals in der Gefangeneneigentumsverwaltung, und beide waren an der Rampe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau eingesetzt, um das Vermögen der eintreffenden Juden einzusammeln und deren Koffer wegzuschleppen. Aber anders als Gröning, der sich derzeit vor dem Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zur Ermordung der 300 000 Juden verantworten muss, ist Weise bereits 1988 vom Landgericht Wuppertal zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden – wegen fünffachen Mordes.

Weise hatte unter anderem zwei Gefangene, die sich in einem Eisenbahnwaggon versteckt hatten, mit Kopfschüssen getötet. Wegen Beihilfe zur Massenvernichtung ist Weise nie angeklagt worden, denn die Rechtsprechung verlangte bis vor wenigen Jahren einen konkreten Tatbeitrag zum Mordgeschehen.

Das ist der Grund, warum Gröning von der Justiz jahrzehntelang nicht angetastet wurde und vor mehr als einem Vierteljahrhundert im Prozess gegen Gottfried Weise nur als Zeuge ausgesagt hatte. Das Urteil im Fall Weise könnte im Verfahren gegen Gröning noch eine Rolle spielen. Denn Grönings Anwalt Hans Holtermann sieht darin eine Entlastung seines Mandanten. Im Prozess gegen den SS-Mann Weise habe sich das Urteil auf die Angaben Grönings gestützt, andere SS-Leute hätten in dem Verfahren „eine schweigende Mauer“ gebildet. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch ließ zwar gestern an alle Beteiligten eine Kopie des Urteils verteilen, ob sich aus ihm tatsächlich Entlastendes für Gröning herauslesen lässt, ist zweifelhaft, denn seine eigene Mitwirkung an der Massenmord-Aktion war in Wuppertal nicht verhandelt worden.Und auch der bisherige Gang der Verfahrens dürfte nicht im Sinne Grönings sein.

Die Anklage wirft ihm vor, an der Bahnrampe von Auschwitz-Birkenau Spuren der Massentötung verwischt zu haben, indem er half, das Gepäck der Deportierten wegzubringen. Zwar hat Gröning immer wieder beteuert, nur wenige Male vertretungsweise an der Rampe eingesetzt gewesen zu sein. Doch ist er bereits vor einigen Wochen mit seiner früheren Aussage konfrontiert worden, wonach er in 24-Stunden-Schichten an der Rampe gearbeitet habe.

An diesem Mittwoch nun sagte Stefan Hördler, der Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen, als Gutachter aus, die SS-Männer in der Gefangeneneigentumsverwaltung hätten nach einem rotierenden System gearbeitet, was nahelege, dass Gröning regelmäßig an der Rampe eingesetzt gewesen sei. Die Angabe Grönings, als SS-Unterscharführer sei er vom Rampendienst ausgenommen worden, bezeichnete Hördler als „absolut unwahrscheinlich“.

Auch die Behauptung Grönings, mehrfach schriftlich seine Versetzung an die Front beantragt zu haben, konnte Hördler nicht bestätigen. Nach seiner Ansicht wäre ein entsprechendes Ersuchen in einschlägigen Listen vermerkt worden – die Listen lägen vor, jedoch ohne entsprechende Vermerke eines Versetzungsantrags Grönings.

Das Ende des Prozesses ist nicht abzusehen. Der schlechte Gesundheitszustand des 94 Jahre alten Gröning hat mehrfach zu längeren Unterbrechungen des Verfahrens geführt. Für den nächsten Verhandlungstag – voraussichtlich am 1. Juli – hat Gröning eine Erklärung angekündigt.

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