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Einheitsfeier in Frankfurt am Main: Ralf Dahrendorf (rechts), neben ihm seine Frau und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (links).
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Einheitsfeier in Frankfurt am Main: Ralf Dahrendorf (rechts), neben ihm seine Frau und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (links).

Langfassung

Die Mühlen der Demokratie mahlen langsam

Demokratische Kultur ist keine Erfindung der 68er. Schon in der Adenauer-Zeit wuchsen Strukturen der Zivilgesellschaft. Ralf Dahrendorf stößt eine neue Deutung der deutschen Geschichte an.

Der 3. Oktober 1990 war ein wolkenloser Herbsttag. Das ganze Städtchen hatte sich festlich herausgeputzt. An den Häusern wehten Fahnen, die Deutschlands und daneben meist auch die des alten Landes Baden. In der Stadthalle hatte sich fast ein Drittel der Bevölkerung versammelt. Neben dem Bürgermeister Peter Folkerts sprachen mein Freund, der grosse Historiker Fritz Stern, und ich. Wir alle lobten die deutsche Demokratie, die durch die Einheit die Nomenklatur-Diktatur der DDR weggefegt hatte. Deutschland hatte nun, wie Professor Stern es ausdrückte, seine "zweite Chance".

Das war in Bonndorf im Schwarzwald, einem 6.000-Seelen-Städtchen im südwestlichen Zipfel des jetzt vereinigten Landes, also weit von den "neuen" Bundesländern entfernt. Dort gab es nur Freude am 3. Oktober, ehrliche Freude für die neuen Mitbürger und für das ganze Land, das zusammengehört und nun zusammengewachsen war. Da sah man keine Spur von aggressivem Nationalismus oder einem "Deutschland über alles"-Gefühl. Wer von Deutschland spricht, sollte an die vielen kleinen Orte denken, in denen das Land lebt. Es ist ja zum Unterschied von Frankreich und auch England nicht auf ein Zentrum hin gerichtet und von diesem bestimmt. Wenn Deutschland eine Leitkultur hat, ist das keine Hauptstadtkultur. Ich sage das in Frankfurt am Main und bin selbst als Hamburger, der in Berlin aufgewachsen ist und seit dreissig Jahren seinen Hauptwohnsitz in London hat, ein Liebhaber der grossen Städte; aber es ist mir nicht entgangen, dass die kleinen Städte (wie Bonndorf, wo ich meinen deutschen Wohnsitz habe) in Deutschland stärker als anderswo die Grundverfassung der Bürger und des Gemeinwesens bestimmen.

Deutschland ist in gewisser Weise provinziell. Es hat keine Metropole und wird auch - mit einer Bitte um Nachsicht an Berlin sei es gesagt! - keine haben. Das macht das Bild Deutschlands diffuser als das seiner Nachbarn und hat etwas zu tun mit den Chancen der Demokratie in diesem Land, von denen im Folgenden die Rede sein soll. Dabei nehme ich den Titel meines Buches aus dem Jahre 1965 auf - Gesellschaft und Demokratie in Deutschland -, lade Sie aber zu einem etwas anderen gedanklichen Weg ein. In diesem Buch hatte ich vier Bereiche ausgeguckt, die mir relevant schienen für die soziale Verankerung der Demokratie und daher vier Fragen gestellt: Gibt es einen verbreiteten, ja allgemeinen Sinn für tätige Bürgerschaft, für citizenship? Sind Menschen bereit und in der Lage, mit Konflikten zu leben oder suchen sie immer die eine, allgemeingültige Antwort? Gibt es tonangebende Eliten, die selbstbewusst genug sind, einer Mehrzahl von Haltungen und Meinungen Ausdruck zu geben? Kennt die Gesellschaft allgemein praktizierte Tugenden des Zusammenlebens, öffentliche Tugenden? Jede dieser Fragen verweist auf problematische Elemente der deutschen Geschichte, und am Schluss meiner Ausführungen werde ich noch einmal zu ihnen zurückkehren. Vorher und vor allem aber will ich Deutschlands Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg preisen, und zwar alle ihre Teile, auch jene, die bis heute meist in düsteren Farben gemalt werden.

Beginnen wir also mit den Adenauer-Jahren. Als ich 1960 an der Columbia-Universität in New York zum ersten Mal eine Vorlesung über das Thema meines späteren Buches hielt, war das auch eine Selbstkorrektur. In den 50er Jahren hatte ich, wie das unter jungen Intellektuellen gang und gäbe war, vornehmlich über Adenauer gelästert. Der Mann war alt, passte nicht in die Zeit. Er präsidierte vor allem einer Periode der Restauration. Altes wurde erhalten, Neues niedergehalten. Zu dem Alten gehörten auch manche ehemaligen Nazis im Kanzleramt, im Kabinett. Und ohnehin war von Demokratie nicht die Rede; es herrschte nur eine Partei. Noch konnte man, wenn man im Ausland lebte, weder per Brief noch beim nächsten Konsulat wählen. Zur Wahl 1953 hatten daher betuchte junge deutsche Bankiers in London, zwanzig an der Zahl, ein Flugzeug gechartert. Sie wollten alle nach Hause fliegen, um Adenauer zu wählen, boten mir aber an mitzufliegen, obwohl sie annahmen, dass ich SPD wählen würde: "20:1," sagte einer, "das ist ungefähr das richtige Verhältnis".

Ich flog nicht mit, war auch bereits meiner Position nicht mehr ganz sicher, dachte jedoch im Laufe der Jahre immer wieder über die Adenauer-Zeit nach. Dabei wurde mir zunehmend klar: was immer zu Recht über Restauration und autoritäre Tendenzen und ein muffiges soziales Klima gesagt wurde, unter der Oberfläche hatte sich Fundamentales verändert. Das hatte möglicherweise ebenso viel mit Ludwig Erhard wie mit Konrad Adenauer zu tun. Vielleicht war es auch gar nicht auf bestimmte Personen zurückzuführen. Jedenfalls aber kehrte das antidemokratische Denken der Weimarer Republik nicht zurück. Wenige trauerten vergangenen Zeiten nach; viele krempelten die Ärmel hoch und wurden selbst tätig.

Als ich mich 1947 an der Hamburger Universität einschrieb, hatte der Vorsitzende des Studentenausschusses gerade dazu aufgerufen, beim Wiederaufbau des Universitätsgebäudes an der Edmund Siemers Allee mit anzupacken. Hatte nicht der Bausenator Dr. Gerd Bucerius (der dann als Abgeordneter und als Verleger bekannt wurde) schon ein Jahr zuvor alle Hamburger mit herrlichen Knittelversen aufgefordert, monatlich 50-100 Steine aus den Trümmern zu bergen?

Hamburger lassen Hamburg nicht in der Not.

Steine bergen - das erste Gebot!

Aufbau ist ein schwer Beginnen?

Steine bergen! Nicht besinnen!

An die Arbeit! Berget Steine!

Orden allerdings gibt's keine!

Wir lachen, wenn wir das hören, und auch damals hatte der quirlige Senator seine Verächter, zum Beispiel bei den Gewerkschaften, die angesichts all der Amateur-Bauarbeiter um Arbeitsplätze fürchteten. Am Ende profitierten allerdings auch sie davon, dass alle zupackten. Gewiss wurde auf die Besatzungsmächte geschimpft und manches Unerbringliche vom Staat erwartet, aber im Kern brachte die Adenauer-Zeit eine neue deutsche Tugend, die Selbsttätigkeit, die Eigeninitiative hervor.

Die Veränderungen in der sichtbaren Umwelt wie im geistigen Klima geschahen zudem erstaunlich rasch. In der Sammlung von Artikeln über das "Leben nach der Stunde Null" aus der Neuen Zeitung, die Wilfried Schoeller unter dem Titel Diese merkwürdige Zeit herausgebracht hat, wird deutlich, dass schon Anfang der 50er Jahre die Hoffnungslosigkeit der unmittelbaren Nachkriegsjahre im Tempus der Vergangenheit gesehen wird. Ursula von Kardorff fährt 1952 im Speisewagen nach Berlin und erinnert an ihre Berlinfahrt 1945 in einem Güterzug als sei das eine entfernte, fast schon irreale Erfahrung. Im gleichen Jahr schreibt Kurt Kusenberg: "Die Elendszeit war schon darum keine so üble Zeit, weil sie so übel war, dass sich die Dinge nur zum besseren wenden konnten, nicht zum schlechteren; das immerhin hatte sie unserer Gegenwart voraus." Rudolf Krämer-Badoni ging sogar noch einen Schritt weiter: "Erwarten wir nichts weiter über den Zweiten Weltkrieg"; "was zu ?verarbeiten' ist, ist verarbeitet".

Das allerdings war nun doch ein Schritt zu weit. Die NS-Vergangenheit wurde in den Adenauer-Jahren gewiss nicht bewältigt. In der Tat war von ihr wenig die Rede. Aus der Perspektive von Heute, insbesondere im Lichte der Revolution von 1989, legt das eine allgemeine Beobachtung nahe. Es gibt Länder, die sich nach dem Ende der Diktatur zunächst und vor allem mit ihrer Vergangenheit beschäftigen. Das böse Alte muss aus dem Weg geräumt werden, um das Neue zu bauen. Es gibt andere Länder, die sich zunächst und vor allem an das Neue machen. Das Alte überlebt vielerorts, wird aber ignoriert, ja es wird zunehmend irrelevant; denn die neuen Wege entfalten bald ihre eigene Kraft.

Nach 1989 und den Ereignissen, die wir an diesem 3. Oktober zu Recht feiern, ist Polen einen in manchem ähnlichen Weg gegangen wie Deutschland in der Adenauer-Zeit. Schon die Regierung Masowiecki mit dem polnischen Ludwig Erhard Leszek Balcerowicz hat entscheidende Weichen für den Weg in eine demokratische und marktwirtschaftliche Zukunft gestellt. Dabei hat sie sich wenig um Präsident Jaruzelski und andere Führer der alten Zeit gekümmert. Erst jetzt, 15 Jahre später, wird die Bewältigung der Vergangenheit zum grossen Thema. Das ist aber ebenso in Ordnung wie es in Deutschland richtig war, dass spätestens in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre der Blick vom Steine-Bergen auf die moralische Qualität des eben nicht "wieder" sondern "neu" aufgebauten Landes ging. Man konnte das vorübergehend Vergessene nicht auf die Dauer verdrängen; als es dann die öffentliche Diskussion zu dominieren begann, war nicht nur durch neue Entwicklungen die Gefahr des Rückfalls gebannt, sondern auch die mögliche lähmende Wirkung der Vergangenheitsbewältigung bedeutungslos geworden. Ich will gar nicht werten, welcher Weg der richtige ist - zuerst die Bewältigung der Vergangenheit oder zuerst kräftige Schritte in eine neue Zukunft -, aber im Nachhinein, nachdem beides geschehen ist, darf man sagen, dass der deutsche Weg sich bewährt hat.

Dazu gehört auch ein Thema, das in der deutschen öffentlichen Diskussion meist zu kurz kommt. Nicht nur lässt sich zeigen, dass die gerne gescholtene Adenauer-Ära tatsächlich eine Zeit tiefgehender Veränderungen hin zu einer freien Bürgergesellschaft war, sondern diese Ära schliesst auch eine Zeit bewusster Reformen ein. Die magische Zahl des Jahres 1968 hat für viele die Tatsache verdeckt, dass die frühen 1960er Jahre eine Zeit des geplanten und ungeplanten gesellschaftlichen Wandels waren. Ich gehöre zu denen, die im Bundestag im Oktober 1969 ein wohliger Schauer überkam, als der neugewählte Bundeskanzler Brandt die berühmt gewordenen Worte sprach: "Wir wollen mehr Demokratie wagen." Im Rückblick allerdings lassen sich dafür im Wirken der Regierung Brandt-Scheel nicht sehr viele Belege geben. Hingegen hatte es seit der "Spiegel"-Affäre im Jahre 1961 allerorten Zeichen der sich regenden Bürgergesellschaft und in diesem Sinn der sozialen Verankerung der politischen Demokratie gegeben.

Das offenkundigste Beispiel ist die Bildungsreform. Sie hat in verschiedenen Bundesländern durchaus unterschiedliche Spuren hinterlassen; auch blieb durchweg undeutlich, ob wirtschaftliche oder bürgergesellschaftliche Absichten die Reform bestimmten. Die deutsche Bildungskatastrophe und Bildung ist Bürgerrecht waren zwei durchaus unterschiedliche Leitmotive. Richtig aber bleibt, dass fast überall im westlichen Deutschland grosse Schritte in Richtung auf gleiche Bildungschancen für alle bereits getan waren als die erste Grosse Koalition im Dezember 1966 ihr Regierungsprogramm vorlegte.

Das galt nicht nur in der Bildungspolitik. Auf Bitten des neugewählten Bundeskanzlers Kiesinger entwarf der allzu früh verstorbene Historiker, Politologe und CDU-Politiker Waldemar Besson das Projekt einer neuen Aussenpolitik, das der von Willy Brandt und Egon Bahr dann entwickelten Ostpolitik in vielem ähnlich sah. Für innere Reformen - wir sprachen von einer "sozialen Infrastrukturpolitik" - gab es ähnliche Papiere. Als im Vorlauf zu dem, was wir heute "1968" nennen, der Reformstau beklagt wurde, waren manche der nötigen Reformen schon geschehen, viele jedenfalls durchdacht und geplant, und vor allem gab es eine breite Reformbereitschaft in der politischen Klasse.

Dass demokratische Mühlen langsam mahlen, wurde dann zum Anlass der bewegten Jahre vor und nach 1968 und 1969. Sie zeigten unter anderem, dass der demokratische Machtwechsel in Deutschland meist nicht in einem Schritt, also durch eine Bundestagswahl erfolgt, sondern eher auf dem Umweg über eine Grosse Koalition oder auch ein konstruktives Misstrauensvotum. Aber am Ende geschieht das, was Not tut, doch. 1968-69 stand noch auf der Kippe, ob das ohne Schaden für die Demokratie geschehen würde. In den ungezählten, immer grösseren öffentlichen Versammlungen trafen sich IPO und APO, innerparlamentarische und ausserparlamentarische Opposition. Nach der Wahl von 1969 zerfiel die APO zunehmend in diejenigen, die der Regierung Brandt-Scheel eine Chance zu geben bereit waren, und diejenigen, die immer tiefer in den tödlichen Strudel der Gewalt gerissen wurden. Das in gewisser Weise tragische Ende der Letzteren, die am Ende kaum noch Freunde hatten, ist auch ein Triumph der deutschen Nachkriegsdemokratie.

Hier ist keine Geschichte der Demokratie in Deutschland nach 1945 beabsichtigt. Vielmehr geht es um ein paar Erinnerungen, die deutlich machen können, dass und wie Bonn den Weg von Weimar vermeiden konnte. Die politische Demokratie muss verankert sein, um Bestand zu haben. Das ist ein höchst aktuelles Thema zu einer Zeit, zu der vor allem die amerikanische Regierung von der Absicht spricht, den Teilen der Welt, in denen bislang Diktatoren das Sagen haben, die Demokratie zu bringen. Condoleezza Rice, die amerikanische Aussenministerin, hat im Fall Iraks durchaus das deutsche Beispiel von 1945 im Sinn gehabt. Dabei hat sie indes manches übersehen. Die Niederlage des Nazi-Regimes war nach mehr als fünfeinhalb Jahren Krieg für jedermann greifbar, was nach dem Blitzkrieg im Irak nicht galt. Die amerikanische (und britische) Besatzungsmacht in Deutschland kam zum Unterschied vom Irak mit wohldurchdachten Plänen und zahlreichen Experten. Deutschland hatte zudem starke demokratische Traditionen, auf die man zurückgreifen konnte. Vor allem aber waren Wahlen und Parteienstreit in Deutschland nur der institutionelle Teil einer Entwicklung, die die sozialen Voraussetzungen der Verfassung der Freiheit schuf und stärkte. Marktwirtschaft und Bürgergesellschaft machten die politische Demokratie stabil. Das ist der Kern der zwei Jahrzehnte von der Bildung der ersten Adenauer-Regierung bis zum Machtwechsel von 1969.

Ein paar Beobachtungen sind heute, am Tag der Deutschen Einheit, dieser durchaus persönlich gefärbten Skizze einer Analyse noch hinzuzufügen. Eine davon betrifft die 1980er Jahre. Wenn man schon von Stagnation, ja dem Mief des allzu Vertrauten in der Bundesrepublik sprechen will, dann war dies das Merkmal der 80er Jahre. Sozialpolitisch war sozusagen alles getan, was sich überhaupt tun liess. Der Wohlfahrtsstaat erreichte seine höchste Stufe. Noch konnte man nicht von der Spassgesellschaft reden, aber die Freizeitgesellschaft feierte Urstand. Das soziale Deutschland hatte sich beruhigt. In den 80er Jahren vollendete sich das sozialdemokratische Modell. Der von mir hochgeschätzte Willy Brandt wurde sehr böse als ich vom Niedergang, ja vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters sprach; aber von der staatlichen Wirtschaftspolitik bis zum Sozialstaat war eigentlich alles getan, was sozialdemokratische Ideale zur treibenden Kraft eines ganzen Jahrhunderts gemacht hatte.

Wenn alles getan ist - wir wissen es heute -, dann ist die Geschichte jedoch nicht zu Ende. In der Tat schreitet sie mit Macht voran sobald die Widersprüche des Erreichten deutlich werden. Nicht alle nahmen sogleich die Bedeutung der Wahlen von Margaret Thatcher 1979 und von Ronald Reagan 1980 wahr, die doch überall die zufriedene Ruhe des sozialdemokratischen Jahrhunderts aufstören sollten. Das galt im Übrigen nicht nur in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die 80er Jahre schienen jedenfalls in Deutschland erstaunlich stabil. Deutsche Ostpolitik und die Übereinkünfte von Helsinki hatten, so schien es, den Kalten Krieg beendet und ein geregeltes System geschaffen, in dem Ost und West auf Dauer nebeneinander und miteinander leben konnten. Es gab wohl keine Zeit nach dem Krieg, in der so wenige an die deutsche Wiedervereinigung geglaubt haben wie in den 80er Jahren. Diese schien nicht nur unwahrscheinlich, sondern eigentlich auch unnötig. Diejenigen, die später die Einheit bekämpft, zumindest aber beklagt haben, waren im Mief der 80er Jahre befangen und sind es zum Teil bis heute geblieben.

Dabei grummelte es doch schon in weiten Teilen der kommunistischen Welt. Im August 1980 entstand auf der Lenin-Werft in Danzig mit der Gründung von Solidarnosc der Keim zur polnischen Refolution (wie Timothy Garton Ash die spezifische Mischung von Reform und Revolution genannt hat). Die Deutschen aber, zumal auf der politischen Linken, setzten auf die Reformkommunisten à la Gierek und Jaruzelski, die die Pflanzen der Freiheit zertraten. In der Tschechoslowakei wurde die Charta 77-Gruppe zwar unterdrückt; sie verschwand aber nicht. In Ungarn verstanden viele die Wirtschaftsreformen als Signal zur Öffnung des Landes. 1985 dann begann Michail Gorbatschows unaufhaltsam scheinender Aufstieg zum Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Jeder Hellhörige konnte die Klopfzeichen einer neuen Zeit vernehmen.

Die deutsche Einheit wurde also zum Teil eines welthistorischen Prozesses, dessen Beschreibung mit dem Begriff der "Revolution von 1989" nicht übertrieben wird. Dennoch fand sie aus deutscher Sicht zu einem unwahrscheinlichen Zeitpunkt statt. Das westliche Deutschland war sozusagen gesättigt in seiner sozialen Ordnung wie in seiner internationalen Stellung. Es brauchte die Einheit nicht, zumal es sich einredete, dass auch das östliche Deutschland einigermassen gesättigt sei. Am Ende wurde der Prozess denn auch eher durch äussere als durch innerdeutsche Entwicklungen angestossen. Wirtschaftlich hatte nicht nur die Sowjetunion sondern die ganze Comecon-Welt sich übernommen, zumal als sie sich auf den von Präsident Reagan angestossenen Verteidigungs-Wettlauf einliess. Politisch liess sich der Druck auf die Wünsche der Bürger nicht mehr halten. Vor allem Reisefreiheit wollten viele, ja alle im Ostblock. Damit nicht genug, suchten mehr und mehr ein Stück der grösseren Freiheit, die mit der frei verfügbaren Information beginnt und weiter zur Meinungsfreiheit, ja zur politischen Selbstbestimmung führt.

Deutschland, gerade auch das DDR-Deutschland, kam bei alledem spät, und "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Immerhin, die Mauer fiel, und in einem etwas zähen Prozess über den Umweg einer gewählten Regierung der alten DDR kam die Vereinigung zustande. Mein Thema ist die Demokratie in Deutschland und ihre gesellschaftliche Verankerung. Auch hier ist die Geschichte, in diesem Fall der Zeit nach 1990, eine Erfolgsgeschichte. Sie verlangt dennoch ein, zwei kritische Anmerkungen.

Im Unterschied zur westdeutschen Nachkriegsentwicklung ist die Einführung der Demokratie in der früheren DDR doch wohl kein Musterbeispiel des Demokratie-Exports. Die deutsche Einheit beruht bekanntlich verfassungsrechtlich auf dem lakonischen Satz in Art.23 des Grundgesetzes: "In anderen Teilen Deutschlands ist nach deren Beitritt in Kraft zu setzen." Kein neues Grundgesetz also, auch keine Anpassung an besondere Verhältnisse, sondern eben ein "Beitritt"! Das war nach Lage der Dinge wohl unvermeidlich. Es war übrigens auch schon einmal, im Fall des Saarlandes nämlich praktiziert worden, ohne dass es traumatische Erinnerungen hinterlassen hätte.

Allerdings hatte der Beitritt des Saarlandes andere, eigene Merkmale. Er beruhte auf einer Volksabstimmung. Das nicht nur Bundesrepublik gehörende Saarland hatte eine in Grenzen demokratische Verfassung. Ausserdem wurden durch einen Staatsvertrag mit Frankreich Übergangsbestimmungen festgelegt, die den Schock des Beitritts linderten. Demgegenüber könnte man sagen: die ehemalige DDR wurde politisch und administrativ schlicht kolonisiert. Die zentrale Frage, ob erst die Vergangenheit bewältigt oder erst neue Strukturen geschaffen werden sollten, stellte sich in gewisser Weise nicht; es wurden einfach die Institutionen der Bundesrepublik den "neuen" Ländern übergestülpt, und zwar von Parlamenten bis zum Gerichtswesen, von den Handelskammern bis zur Krankenversicherung, von den Hochschulstrukturen bis zur Gemeindeordnung. Und mit den Institutionen kamen vielfach auch Menschen, die diese aus ihrer Heimat im Westen kannten und sie daher leiten konnten.

Das ist nicht so kritisch gemeint wie es klingen mag. Die westdeutsche Demokratie war und ist ja in vielen Dingen ein Modell für andere, und schon gar für "andere Teile Deutschlands". Aber sie ist eben auch nach mehr als einem halben Jahrhundert im westlichen Deutschland verankert. Sie steht in einem spezifischen Verhältnis zu Marktwirtschaft und Bürgergesellschaft. Wo es in manchen Landstrichen praktisch überhaupt keine Wirtschaft mehr gibt, ist die Marktwirtschaft eine hohle Phrase. Und die Bürgergesellschaft hat es nach fast sechzig Jahren Diktatur nicht leicht, vor allem nicht in Regionen, in denen die Abwanderung - die übrigens legitime, ja sogar wünschenswerte Abwanderung - nur mehr rudimentäre Gesellschaften von Verlierern und Zukurzgekommenen hinterlassen hat. So bleiben tiefe kulturelle Unterschiede zwischen den Teilen Deutschlands, die sich sogar an den Medien, jedenfalls aber an den Parteien ablesen lassen. Erst wenn eigene Erfahrungen die politischen Institutionen auch in den nun schon nicht mehr ganz "neuen" Ländern stützen, wird man von einer nachhaltigen Verankerung der Demokratie im ganzen Deutschland sprechen können. Und wenn Deutschland je beteiligt sein sollte am democracy-building in anderen Teilen der Welt, würde man wohl davon abraten müssen, die Methode des Art.23 des Grundgesetzes zu wählen.

Doch ist das ein unnötig düsterer Schluss aus einer durchweg erfreulichen Geschichte. Die gesellschaftliche Verankerung der Demokratie in Deutschland nach 1945 ist ein grosser Erfolg und auch ein Beispiel für andere. In den Begriffen meines Buches von 1965 gesprochen: Wenn es heute Zweifel an der Realität der tätigen Bürgergesellschaft gibt, dann sind diese nicht anders als bei den europäischen Nachbarn; Deutschland ist Teil der demokratischen Welt geworden. Noch immer tun viele Deutsche sich schwer mit dem Akzeptieren von Konflikten, aber die zweite Grosse Koalition ist schon nicht mehr Resultat einer Hoffnung auf Harmonie, sondern wird allgemein als Notlösung gesehen. Wäre den meisten Wählern nicht heute eine eindeutigere Koalition lieber? Der Gedanke von Eliten ruft nach wie vor Abwehr bei vielen hervor, doch gibt es einen gesunden Pluralismus; man sollte ihn gedeihen lassen und nicht nach einer engen political correctness rufen. Die öffentlichen Tugenden könnten noch besser entwickelt werden; nur das allgemeine Verständnis der Regeln für das Zusammenleben im öffentlichen Raum führt zum Beispiel die Integration unterschiedlicher Kulturgruppen weiter; aber auch in dieser Hinsicht sind Fortschritte zu verzeichnen.

Deutschland hat sich verändert. Man muss heute nicht mehr befürchten, dass wirtschaftliche Erschütterungen von der Art der Wirtschaftskrise der frühen 30er Jahre zum verbreiteten Zweifel an der Verfassung der Freiheit führen. Man muss daher auch nicht befürchten, dass Deutschland unter innenpolitischem Druck eine Regierung an die Macht bringt, die irgendeinen der deutschen Nachbarn bedroht. Es bleibt manches zu tun, um die innere und äussere Stellung der vereinigten Bundesrepublik zu stärken. Noch immer leidet das Land unter der behäbigen Zufriedenheit eines unerschwinglichen Sozialstaates. Noch immer bleibt auch die volle Zusammenführung der Teile eine Aufgabe. Zudem ist der Grundton der deutschen Weltpolitik noch ein wenig unbestimmt; zwischen einer aktiv friedenstiftenden und einer eher ängstlich-pazifischen Aussenpolitik gibt es ungenutzte Spielräume. Aber was nötig ist, lässt sich bewältigen im Rahmen der Institutionen und Haltungen, die sich nach 1945 in Deutschland entwickelt haben. Und vielleicht lässt die unbefangene Freude über den 3. Oktober 1990 in meinem Schwarzwaldstädtchen, von der ich am Anfang sprach, sich ausbreiten auf das ganze Land, so wie das während der Fussball-Weltmeisterschaft in diesem Jahr geschehen ist.

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