+
Der Mousonturm feierte 30-jähriges Bestehen. Hier eine Performance von „Baby Control“.

Interview

Mousonturm-Leiter Matthias Pees zum Thema AfD: „Nicht in Sicherheit wiegen“

  • schließen

Matthias Pees, Leiter des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt, äußert sich zur AfD.

Matthias Pees (49) ist seit 1. August 2013 Intendant und Geschäftsführer des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt. Als Dramaturg arbeitete er unter anderem an der Volksbühne in Berlin. 

Herr Pees, Sie sind mit dem Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt in den Fokus der AfD geraten. Was macht das mit einem?
Nun, wir haben uns in der Öffentlichkeit ja sehr deutlich positioniert mit der Frankfurter Erklärung der Vielen für Toleranz und Vielfalt, die wir mit initiiert haben. In diesem Rahmen bieten viele der unterzeichnenden Institutionen theoretische und künstlerische Formate an, die explizit für demokratische und künstlerische Freiheit stehen und sich gegen völkisch-nationalistische, fundamentalistische, populistische oder autoritäre Weltbilder richten. Grundsätzlich wenden wie uns seit 30 Jahren in unserer künstlerischen Arbeit auf vielfältige Weise gegen alle Formen der Intoleranz.

Aber wie geht es Ihnen persönlich bei solchen Angriffen?
Nun, zum Glück bin ich als Leiter des Künstlerhauses solchen Attacken persönlich nur wenig ausgesetzt. Wir bekommen anonyme Zuschriften von Rechts, die heften wir im Ordner ab, rechte Übergriffe im Theaterraum haben unsere Veranstaltungen bisher nicht erreicht. Problematischer finde ich es, wenn die Zeitschrift „Theater der Zeit“ dem AFD-Ideologen Marc Jongen ein neunseitiges Interview einräumt und dabei unser Monatsspielplan als Anzeige steht.

Wie bitte?
Ja, so war es. Ich finde es sehr fragwürdig, Positionen wie denen von Herrn Jongen so viel Raum zu geben. Aber insgesamt ist zum Beispiel unser Partnerhaus, das Festspielhaus Hellerau in Dresden, einem viel stärkeren Druck der AfD ausgesetzt. Dort fordert die AfD schon offen, das „Europäische Zentrum der Künste“ abzuwickeln und in ein kommerzielles Gastspielhaus zu verwandeln. Dort in Sachsen stehen ja die Landtagswahlen bevor, da geht es hart zur Sache. Aber auch im Falle von Hellerau ging es mit AfD-Anfragen im Landtag oder im Stadtparlament los, die wie bei uns in Hessen in Form „harmloser“ Budgetabfragen auftauchten. In Baden-Württemberg hat die AfD jetzt die Staatsangehörigkeit von Künstlerinnen und Künstlern an den Theatern abgefragt – angeblich, um die Ausbildungssituation in Deutschland zu verbessern. Auch so eine Wolf im Schafspelz-Taktik, die gezielt provoziert und Ressentiments schürt, um sich danach ganz unschuldig und pseudo-sachlich zu geben.

Die Atmosphäre in Frankfurt am Main ist ja zum Glück davon noch weit entfernt.
Ich freue mich, dass es so ist. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen, uns nicht ständig nur selbst als Weltmeister in Weltoffenheit auf die Schultern klopfen. Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen vor dem Rechtspopulismus, und wir dürfen auch nicht die zunehmende Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft ignorieren.

Lesen Sie auch:  Kritik an AfD-Vorgehen: Menschenrechtler „werden diffamiert und angefeindet“

Und wie reagieren Sie künstlerisch?
Wir versuchen, ein Angebot zu erarbeiten, das sich an viele richtet und allen offensteht. Das ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft darstellt. Wir sind ein Welt-Stadt-Labor, in dem Zusammenleben ebenso ausprobiert werden kann wie das Aushalten und Austragen von Konflikten und die Resilienz.

Was sollten wir alle tun?
Wir müssen alle dafür kämpfen, dass sich die sozialen Verhältnisse nicht weiter verschlechtern und unsere Kommunikation miteinander sich nicht in Blasen und Echoräumen erschöpft. Wir haben bereits eine gespaltene Gesellschaft. Die soziale und ökonomische Spaltung und mangelnde Teilhabe sind die Grundlage für eine ideologische, moralische Spaltung und der Nährboden für den Populismus von Rechts. Nehmen wir die Mieten und Lebenshaltungskosten in Frankfurt. Sie machen gerade freien Künstlern, den Tänzern und Musikern, die bei uns im Mousonturm auftreten, sehr zu schaffen. Mehr und mehr weichen sie nach Offenbach aus.

Wobei Offenbach auch immer teurer wird.
Ja, das ist keine gute Entwicklung. Gentrifizierung und andere Verdrängungsprozesse sind eine zentrale Ursache des Problems.

Wie ist die Stimmung unter den Künstlern angesichts der Gefahren von Rechts?
Das ist ein riesiges Thema. Wir beschäftigen uns auch in der täglichen Arbeit damit. Zum Auftakt der neuen Saison gehen wir auf neue Formen von Protest ein und auf die junge Generation, die auf den Straßen an Macht gewinnt. Unser Eröffnungsfestival vom 30. August bis zum 8. September steht unter dem Motto „Unfuck my Future“, unter anderem mit vielen diskursiven Programmpunkten zu den Themen Minderheiten, Klimaschutz, demokratische Beteiligung. Wir fragen ganz einfach und grundsätzlich: „How to Live Together in Europe?“

Fazit?
Die gesellschaftliche Stimmung ist nicht nur ohnmächtig. Eine neue Generation geht in die Offensive und steuert gegen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion