1. Startseite
  2. Politik

Moskaus Wut auf die Asow-Truppe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Die Verteidiger von Azovstal ergeben sich (Videobild). Ihr Schicksal ist ungewiss
Die Verteidiger von Azovstal ergeben sich (Videobild). Ihr Schicksal ist ungewiss © AFP

Russische Abgeordnete fordern harte Strafen gegen Kämpferinnen und Kämpfer aus Mariupol

Die russischen Staatsmedien widersprechen sich. „Schmutzig, zerlumpt, verängstigt“, betitelte die Agentur Ria Nowosti den Auszug der ersten ukrainischen Soldaten aus dem Stahlwerk Asowstal in Mariupol. „Sie waren nicht schmutzig, ausgezehrt oder verängstigt“, schrieb die Massenzeitung „Komsomolskaja Prawda“ am nächsten Tag über die kapitulierenden Feinde.

Offenbar geht die 78-tägige Kesselschlacht um die südostukrainische Hafenstadt zu Ende. Bis Mittwochnachmittag ergaben sich nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums knapp tausend Verteidiger des Stahlwerkes, der letzten Abwehrstellung in Mariupol. Unklar, wie viele dort noch ausharren, schon am Montag hatte Denis Prokopenko, Kommandeur des Regiment Asow, erklärt, um Leben zu retten, führe die gesamte Garnison eine Entscheidung des militärischen Oberkommandos aus – offenbar die Entscheidung, den bewaffneten Widerstand einzustellen.

Die Asow-Kämpfer sind ein wichtiges Symbol für Russland

Der russische Präsident Wladimir Putin hätte allen Anlass, den Sieg zu feiern: In Mariupol ergibt sich das berühmte Asow-Regiment, nach russischer Lesart eine Ansammlung neonazistischer Kriegsverbrecher. Tatsächlich rekrutierte sich der 2014 gegründete Verband zum Teil aus rechtsradikalen Fußballfans, die Wolfsangel auf seinen Abzeichen prangte einst auch auf Divisionswappen der Waffen-SS.

Und Russlands Staatschef begründet seine „Spezialoperation“ in der Ukraine unter anderem damit, es gelte die Ukraine zu denazifizieren. Eine fragliche These. Bei den jüngsten Parlamentswahlen 2019 scheiterten die rechtspopulistischen Kräfte mit insgesamt 2,4 Prozent krachend. Aber, so kommentiert die BBC, „Asow-Kämpfer gefangen zu nehmen und sie womöglich vor Gericht zu stellen, erlaubt es Putin zu behaupten, es finde wirklich Denazifizierung statt.“

Bisher aber versicherte Kremlsprecher Dmitri Peskow eher dürr, es gäbe keinen Zweifel, dass die Ukrainer im Stahlwerk kapituliert hätten.

Tatsächlich beschönigt die ukrainische Darstellung einer Evakuierung der Truppe, um sie später bei einem Gefangenenaustausch freizubekommen, die Wirklichkeit: Zumindest ein Teil der Gefangenen landete in Oljonowka, einer Strafanstalt der Donezker Rebellenrepublik, die ein Vertreter der ukrainischen Stadtverwaltung von Mariupol vorher als Konzentrationslager bezeichnet hatte. Und die Kiewer Unterhändlerin Kira Rudik gab gegenüber der „New York Times“ zu, es gäbe keine Vereinbarung über einen Gefangenenaustausch.

Die Zukunft der Asow-Gefangenen ist ungewiss

Die Zukunft der Asow-Mitglieder ist ungewiss. Am Dienstag kündigte Staatsduma-Sprecher Wjatscheslaw Wolodin an, das Parlament werde eine Resolution verabschieden, die einen Austausch der Asow-Angehörigen verbietet. Andere Parlamentarier verlangten die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Der Senator Andrei Klischas forderte auf Telegram, alle „Asow-Neonazis“ in den Rebellenrepubliken Donezk und Luhansk vor Gericht zu stellen. Die russische Generalstaatsanwaltschaft beantragte beim Obersten Gericht, das Asow-Regiment zur terroristischen Vereinigung zu erklären. Das könnte russischen Richtern eine Handhabe bieten, gefangene Asow-Kämpfer, die sich nicht von ihrem Regiment lossagen, allein deshalb für bis zu 20 Jahre einzusperren.

Insgesamt bemühen sich die Staatsmedien bei der Berichterstattung über die Gefangenen um Zurückhaltung. Übergriffe, auch massenhafte willkürliche Urteile gegen sie, würden Russlands Image noch weiter schädigen. Auch wenn der rechtsimperialistische Donbass-Veteran Igor Strelkow auf Telegram verkündet, Hauptziel der Gefangenen sei der „Genozid der russisch/sowjetischen Menschen“ gewesen. „Gerade deshalb darf man sie nicht am Leben lassen. Keinen. Demonstrativ keinen.“ Der Kreml kann sich aber kaum erlauben, solche blutrünstigen Begierden zu befriedigen.

Auch interessant

Kommentare