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Das russsiche Flugabwehrsystem S-400 erreicht die Türkei.

Luftabwehr

Moskaus Raketen als Schutzschild für Erdogan

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Der türkische Staatschef will unbedingt russische Luftabwehrsysteme. Sie könnten vor allem seiner eigenen Sicherheit dienen.

Ankara - Trotz eindringlicher Warnungen der USA hält der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an russischen Flugabwehrsystemen fest. Erdogan sagt, er brauche diese Raketen unbedingt für die Landesverteidigung. Dabei dürfte es ihm auch um seine persönliche Sicherheit gehen.

Wenn sich Erdogan etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er selten davon ab. So beim umstrittenen Rüstungsdeal mit Moskau. Ende 2017 bestellte Erdogan Luftabwehrsysteme vom Typ S-400. Einsprüche des Nato-Partners USA, die in den russischen Raketen eine Gefahr für die ebenfalls von der Türkei bestellten amerikanischen Tarnkappenflugzeuge F-35 sehen, bewirkten nichts. Während jetzt die ersten Systeme eintreffen, ziehen die USA Konsequenzen: Das Weiße Haus gab diese Woche bekannt, dass die Türkei von der F-35 ausgeschlossen wird und keine Flugzeuge erhält. Damit müssen die türkischen Streitkräfte auf jene Jets verzichten, die das Rückgrat der Luftflotte werden sollten.

Türkei forderte Technologietransfer

Warum besteht Erdogan auf den russischen Raketen, offenbar um jeden Preis? Die offizielle Begründung lautet, die Türkei brauche dringend ein leistungsfähiges System zur Abwehr feindlicher Flugkörper. Das stimmt: Das Land hat bisher keine gute Luftabwehr. Die Verbündeten mussten deshalb immer wieder aushelfen. Schon während der Irak-Kriege 1991 und 2003 stationierten Nato-Partner, darunter auch Deutschland, zum Schutz der Türkei vor feindlichen Luftangriffen Patriot-Raketen in Ostanatolien. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien half die Allianz der Türkei erneut aus.

Aus den türkischen Plänen, eigene Patriot-Systeme anzuschaffen, wurde bisher nichts. Erdogan behauptet, die US-Regierung unter Barack Obama habe sich geweigert, der Türkei die Waffensysteme zu verkaufen.

Das aber ist nur die halbe Wahrheit. Die Türkei forderte einen weitgehenden Technologietransfer – mit dem Ziel, Patriots bald selbst zu fertigen und in die islamische Welt zu exportieren. Das verweigerten der Hersteller Lockheed Martin und das Pentagon – aus Gründen des Patentschutzes und der nationalen Sicherheit.

Der wahre Grund, warum Erdogan sich nun für das S-400 entschieden hat, könnte ein anderer sein: der Putschversuch vom 15. Juli 2016. Die Luftstreitkräfte spielten dabei eine zentrale Rolle. Einer der Hauptakteure war Akin Öztürk, der frühere Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Kommandozentrale der Verschwörer war die Basis Akinci, ein Stützpunkt der Luftstreitkräfte bei Ankara. Von hier starteten die F-16-Kampfflugzeuge, die das Parlament bombardierten. Erdogan wurde von dem Putschversuch in einem Hotel in Marmaris an der Ägäisküste überrascht. Sofort flog er in seinem Regierungsjet nach Istanbul zurück.

Erdogans Piloten wendetet List an

Nur mit einer List gelang es Erdogans Piloten, einen Abschuss durch die eigene Luftwaffe abzuwenden: Sie änderten den Transpondercode des Gulfstream-Jets des Präsidenten auf die Kennung einer Linienmaschine von Turkish Airlines. So gelang Erdogan die sichere Landung in Istanbul. Der Putschversuch wurde innerhalb von zwölf Stunden niedergeschlagen. Tausende Offiziere wurden hernach verhaftet und verurteilt. Die „Säuberungen“ in den Streitkräften dauern bis heute an. Aber Erdogan misstraut immer noch Teilen des Militärs, vor allem der Luftwaffe. Und er misstraut den USA, die sich weigern, den mutmaßlichen Drahtzieher des Putschversuchs, Fethullah Gülen, an die Türkei auszuliefern. Hier kommen die S-400 ins Spiel. Während das Nato-System Patriot Objekte wie die F-16 und die F-35 als „freundliche“ Flugzeuge erkennt und nicht ins Visier nimmt, ist das russische System darauf programmiert, genau diese Muster abzuschießen.

Die Beschaffung dient somit wahrscheinlich weniger der Verteidigungsbereitschaft der Türkei als Erdogans persönlicher Sicherheit. Ein Indiz dafür ist auch der Ort der Stationierung. Sollten die S-400-Raketen Angriffe von außen abwehren, würde es Sinn machen, sie an den Grenzen aufzustellen. Nach Berichten regierungsnaher Medien soll die erste Batterie hingegen auf dem Luftwaffenstützpunkt Mürted bei Ankara stationiert werden.

Dort landeten jetzt auch die ersten Transportflugzeuge, die Teile des Waffensystems anlieferten. Der Stützpunkt Mürted heißt erst seit Ende 2016 so. Es ist die frühere Basis Akinci – das damalige Hauptquartier der Putschisten.

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