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Ungewöhnliche Architektur prägt das russisch-orthodoxe Zentrums Mitten in Paris.

Russland

Moskaus Platz an der Seine

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Russland eröffnet ein großes kulturelles und diplomatisches Zentrum in Paris. Nicht nur die Architektur wirkt wehrhaft: Das Gastland hat dem Zentrum diplomatischen Status verliehen und so dem Zugriff der französischen Justiz entzogen.

Wladimir Putin ist doch nicht gekommen. Sein Kulturminister Wladimir Medinski hat eingeweiht, was offiziell „Geistlich-Kulturelles Orthodoxes Zentrum“ heißt und inoffiziell „Kreml an der Seine“ oder „Putins Pariser Kathedrale“. Die Aussicht, von Frankreichs Staatschef Francois Hollande als Drahtzieher in Syrien begangener Kriegsverbrechen an den Pranger gestellt zu werden, anstatt mit dem Gastgeber den mit Ausstellungssälen, Botschaftsbüros, Schule, Café, Bibliothek und Zwiebelturmkirche bestückten Außenposten der Putin ergebenen russisch-orthodoxen Kirche zu preisen, hat dem Kremlchef die geplante Parisreise verleidet.

Aber auch wenn das von ihm persönlich vorangetriebene 180-Millionen-Euro-Projekt nun ohne ihn seiner Bestimmung übergeben wurde: die schlichte Existenz der am Seine-Ufer emporragenden Bauten zeugt von Glanz und Größe des russischen Herrschers. Im siebten Pariser Arrondissement stehen sie, dem nobelsten und teuersten der Hauptstadt. Zwei Straßenecken vom Eiffelturm entfernt ragen wie Weißgold schimmernde Zwiebeltürme in den Herbsthimmel. Allein der Baugrund hat 70 Millionen Euro gekostet. Den Bediensteten ist zu wünschen, dass sie dem Preisniveau des Viertels entsprechend entlohnt werden. Im Café de l’Alma schräg gegenüber verlangt der Kellner für die Tasse Capuccino 7,50 Euro.

Die Sicherheitsvorkehrungen beeindrucken ebenfalls. Ein Ring von Bauzäunen umgibt das 4200 Quadratmeter große Gelände. Hinter den Zäunen fügt sich eine Doppelreihe armdicker Stahlstreben zu einer Eingangsschleuse. „Sicherheitsposten“, steht auf dem einzigen beschrifteten Klingelschild. Metallblenden schmücken die Fassaden, sparen nur Lichtschlitze aus. Das Moskauer Original ist eine Festung. Der Kreml an der Seine fällt nicht weit dahinter zurück.

Distanz zu Washington

Aber nicht nur die Architektur wirkt wehrhaft. Das Gastland hat dem Zentrum diplomatischen Status verliehen und so dem Zugriff der französischen Justiz entzogen. Als Rechtfertigung muss ein Gesetz aus dem Jahr 1924 herhalten. Es sieht vor, dass ausländische „Diplomaten zu Dienstzwecken eine Kapelle bauen und nutzen dürfen.“

Hintergrund der juristischen Spitzfindigkeit ist ein vom Internationalen Schiedsgericht in Den Haag verkündetes Urteil, das den von Putin enteigneten Aktionären des Ölkonzerns Jukos 44 Milliarden Euro Schadensersatz zuspricht. Während der Ende 2013 aus der Haft entlassene Haupteigner Michail Chodorkowski auf Entschädigung verzichtet hat, haben andere Aktionäre versucht, das Urteil zu vollstrecken und russisches Staatseigentum im Ausland beschlagnahmen zu lassen. In Paris kamen sie nicht zum Zuge, zumal das französische Finanzministerium noch nachgelegt hat. Es hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, das es erlaubt, „ausländische Staaten vor Rechtsstreitigkeiten zu bewahren“ und die Diplomaten zukommende Immunität auf „Güter und Konten“ auszudehnen.

Das Befremden über so viel politische Gefälligkeit hält sich in Grenzen. Seit den Zeiten de Gaulles bemüht sich Paris um gute Beziehungen zu Moskau, wahrt Distanz zu Washington. Die frühere Weltmacht verspricht sich davon außenpolitischen Spielraum.

Der Rechtsbürgerliche Nicolas Sarkozy war es, der dem Bauvorhaben am Seine-Ufer den Weg bereitet hat. Er werde alles tun, damit russisch-orthodoxe Christen im Zentrum von Paris eine Kirche erhielten, versprach er als Staatschef 2007. Laut Umfragen werden Frankreichs Konservative die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr für sich entscheiden. Womit Putin den Besuch im Kreml an der Seine in politisch entspannterem Klima nachholen könnte. Über einen Termin im nächsten Sommer wird gemunkelt. Dass Putins Gefolgsmann Kyrill I., Patriarch der nun an der Seine präsenten russisch-orthodoxen Kirche, Moskaus Syrien-Feldzug als „Heiligen Krieg“ rühmte, dürfte bis dahin vergessen sein.

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