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Moskau und USA wollen Terroristen bekämpfen - aber wer ist gemeint?

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Putin übt sich gegenüber Bush in Wohlverhalten / Skeptiker bezweifeln, dass plötzliche Gemeinsamkeit Bestand hat

Von Florian Hassel (Moskau)

Nach außen hin soll die Diplomatie weiterhin die erste Geige spielen. Zumindest Wjatscheslaw Wolodin, Chef der kremlnahen Duma-Fraktion "Vaterland-Ganz Russland" im russischen Parlament, begrüßte am Donnerstag den Vorschlag von Präsident Wladimir Putin, die G-8-Staatschefs zu einem Sondergipfel Terrorismusbekämpfung zusammenzurufen. Beschlössen die USA dagegen militärische Strafaktionen im Alleingang oder nur im Rahmen der Nato, könne dies die Spannung in der Welt noch erhöhen.

Mit solcher Zurückhaltung gehört Wolodin freilich zu einer kleinen Minderheit. Der Vorschlag Putins zu dem G-8-Treffen ist kaum mehr als eine Propagandainitiative, um vor heimischem Publikum den Eindruck zu verwischen, dass der Kreml Washington bereits grünes Licht für eine militärische Reaktion auf die Terroranschläge gegeben hat. Bereits am Mittwoch telefonierte Putin zweimal mit US-Präsident George W. Bush. Putin bot Bush nicht nur an, sämtliche Geheimdiensterkenntnisse über Hintergründe der Anschläge mit Washington zu teilen. Einem Kremlsprecher zufolge diskutierten die beiden bereits konkrete Aktionen gegen den Terrorismus.

Im russischen Fernsehen verknüpfte Putin wie bereits sein Mitarbeiter Sergej Jasterschembskij den Tschetschenienkrieg mit den Anschlägen in den USA. "Wir haben Grund zu glauben, dass Osama bin Ladens Leute mit den Ereignissen verbunden sind, die sich gegenwärtig in unserem Tschetschenien abspielen. Wir wissen, dass seine Leute da sind", sagte Putin. "Also haben wir einen gemeinsamen Feind, dieser gemeinsame Feind ist der internationale Terrorismus." Nach den Anschlägen baten die USA Russland, geplante Übungsflüge strategischer Bomber über dem Atlantik, dem Stillen Ozean und über dem Polarmeer abzusagen. "Ich habe sofort den entsprechenden Befehl gegeben", sagte General Anatolij Korkunow, Kommandeur der russischen Luftwaffe.

Plausibel ist, dass die USA und Russland sich prinzipiell bereits über einen Angriff auf die Stützpunkte bin Ladens in Afghanistan geeinigt haben. Jurij Schtschekotschichin, Mitglied des Sicherheitskomitees der Duma, sagte der FR, Russland habe den USA bereits voriges Jahr angeboten, russische Militärbasen in Afghanistans Nachbarstaat Tadschikistan für ein Kommandounternehmen gegen bin Laden zu nutzen. US-Außenminister Colin Powell bestätigte, dass die USA bereits seit einigen Monaten zusammen mit Russland Pläne entworfen haben, um in Afghanistan den Einfluss der Taliban zurückzudrängen und den mutmaßlichen Terroristenführer bin Laden zu isolieren. Am Wochenende soll Powells Stellvertreter Richard Armitage zu weiteren Beratungen nach Moskau aufbrechen.

Moskau verspricht sich von seinem Wohlverhalten offenbar spätere Zugeständnisse der Amerikaner in anderen politischen Fragen, etwa dem umstrittenen Raketenabwehrsystem. Außenminister Iwanow warb nach einem Treffen mit dem US-Botschafter in Moskau generell für "engere Kontakte".

Otto Lazis, der Doyen der russischen Leitartikler, warnte davor, in schnellen Militärschlägen eine adäquate Antwort auf den Terror zu sehen. Wenn die Welt nicht anfange, über die Ursachen des Terrorismus nachzudenken, seien die Toten in New York und Washington umsonst gestorben. Sowohl hinter bin Laden wie hinter den tschetschenischen Rebellenführern Schamil Bassajew und Chattab stünden tausende junger Männer, die davon träumten, ebenfalls die Waffe in die Hand zu nehmen. Die Nowaja Gaseta mahnte, "die Explosionen in den USA geben weder den Amerikanern noch den Russen das Recht, nach Belieben ohne Untersuchung und Gerichtsverhandlung zu töten".

Doch solche skeptischen Stimmen sind selten. Selbst sonst zurückhaltende Politiker rufen in Russland nach einem umfassenden Schlag gegen den Terrorismus. "Jetzt müssen alle Verhandlungen nur in der Sprache der Kalaschnikow geführt werden", zitiert das Massenblatt Moskowskij Komsomolez Boris Nemzow, Führer der gemäßigt liberalen Union rechter Kräfte. "Russland rückt näher an den Westen. Wir stehen vor einer gemeinsamen Bedrohung."

Der Rhetorik der Gemeinsamkeit zum Trotz glaubt Jurij Schtschekotschichin, Mitglied des Sicherheitskomitees der Duma, nicht an eine echte Zusammenarbeit etwa russischer und amerikanischer Geheimdienste. "Beide sind bis in diese Tage hinein doch nur damit beschäftigt, Spione der anderen Seite zu enttarnen." Die Wremja Nowostej erinnerte daran, dass Moskau und Washington sich für ein umfassendes Vorgehen gegen Terrorismus erst einmal einigen müssten, wer zu den Terroristen zählt. Auf der Liste der Amerikaner stehe nicht nur Afghanistan, sondern "unsere guten, alten Freunde": Iran, Irak, Syrien, Libyen, Kuba, Südkorea und Sudan.

Siehe auch das FR-Spezial Terror in den USA

FR vom 14.09.01

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