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Die zerstörte Stadt Rakka.

Krieg in Syrien

Moskau will die Lorbeeren

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Russland bombardiert weiter in Syrien und zielt dabei auf ölreiche Gebiete.

Mal heißt es, russische Kampfbomber hätten mehr als 800 Terroristen und 13 Panzer vernichtet, mal sind es 16 Pick-ups mit schweren Maschinengewehren und zwei mit Artillerie bestückte Verteidigungsanlagen. Seit Wochen verkündet Russlands Verteidigungsministerium fast täglich neue Siege über die Krieger des terroristischen „Islamischen Staats“ (IS) in Zentral- und Ostsyrien. Und die Bulletins enden immer wieder mit dem Hinweis auf das strategische Ziel: „Die syrischen Regierungstruppen setzen ihren entschlossenen Vormarsch entlang des Ostufers des Euphrats auf Deir ez-Zor fort, um die Stadt zu umzingeln und die letzte Hochburg der IS-Terroristen auf dem Boden Syriens zu vernichten.“

Baschar al-Assads Armee und ihre Hilfstruppen aus dem Iran, Afghanistan, dem Libanon und Palästina haben Anfang August eine Großoffensive gegen die syrischen IS-Milizen begonnen. Unter massiver Unterstützung der russischen Luftwaffe scheint die Offensive voranzukommen. Wie das Verteidigungsministerium in Moskau meldete, schloss man am vergangenen Donnerstag starke IS-Verbände in einem 2000 Quadratkilometer großen Kessel im Osten der Provinz Homs ein.

IS wird umzingelt

Eine Woche zuvor hatte man im Osten der Nachbarprovinz Hama IS-Kämpfer auf 3000 Quadratkilometer einkreisen können. Wenige Tage zuvor besetzten syrische Luftlandetruppen das Dorf Kadir, das nur 120 Kilometer westlich der vom IS seit Jahren belagerten Stadt Deir ez-Zor liegt. Nach der blutigen Eroberung des rebellierenden Aleppos scheint Russland seine syrischen Verbündeten auch zum Sieg über den IS zu bomben. „In Syrien ist es uns gelungen, vier Deeskalationszonen zu schaffen und den Bürgerkrieg faktisch zu beenden“, erklärte Verteidigungsminister Sergei Schoigu in der vergangenen Woche der Agentur Interfax. Tatsächlich bestätigen Beobachter in Russland wie im Ausland, dass die Waffenruhe im Westen und Nordwesten Syriens den Vormarsch der Regierungstruppen nach Osten erst möglich gemacht hat. Das Abflauen der Kämpfe in den Deeskalationszonen habe es erlaubt, einen Teil der syrischen Streitkräfte in den Kampf gegen den IS zu werfen, schreibt die Zeitung „RBK“ unter Berufung auf Experten des Londoner Institute for the Study of War.

Aber tatsächlich bedeuten diese Erfolge noch lange nicht die Vernichtung des IS oder gar Frieden für das syrische Volk. „Der Bürgerkrieg ist vorbei, wenn eine Seite die andere militärisch besiegt hat und ihr Gebiet vollständig erobert hat“, sagt Alexander Schumilin, Direktor des analytischen Zentrums für Nahostkonflikte am Moskauer Nordamerika-Institut, der Frankfurter Rundschau. „Oder wenn sich beide Seiten auf eine politische Lösung geeinigt haben.“

Weder das eine noch das andere sei zwischen Assads Regime und der bewaffneten Opposition der Fall. Sogar der russische Generalstab beziffert allein die Kämpfer der Terrormiliz Al-Nusra weiter auf 15 000 Mann, die des IS auf 9000. Und Beobachter warnen, es mangele den Regierungstruppen an Zahl und Kampfkraft, um die im Handstreich eroberten IS-Gebiete im Osten dauerhaft zu kontrollieren. Selbst wenn man die IS-Verbände zerschlagen würde, könnten sie sich als radikal-islamistisches Untergrundnetzwerk neu formieren und in Syrien Guerillakrieg veranstalten. Erst am vergangenen Freitag meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz im britischen Coventry, IS-Kämpfer hätten eine Kolonne der Regierungstruppen in der Provinz Rakka attackiert und 34 Soldaten getötet.

„Russland hat diesen Krieg viel weniger gegen den IS als gegen Assads Gegner geführt“, sagt Schumilin. „Und jetzt leidet sein Prestige gewaltig, weil nicht sein Verbündeter Assad, sondern von den USA unterstützte Kurden und gemäßigte Rebellen Rakka erstürmen.“

Rakka bietet mehr Prestige

Tatsächlich gilt nicht Deir ez-Zor als das strategische Ziel der Russen, sondern Rakka am nordwestlichen Oberlauf des Euphrats. Dort toben seit Monaten blutige Straßenkämpfe zwischen den kurdisch-arabischen Belagerern und Tausenden eingeschlossenen IS-Rebellen.

Aber es geht nicht nur um die Verteilung der Lorbeeren. Auch Moskauer Experten weisen darauf hin, dass die russisch-syrische Offensive sich offenbar auch auf Deir ez-Zor richtet, um die ölreichen Wüstengebiete weiter südlich vor der kurdischen Allianz unter Kontrolle zu bringen. „Über die Frage, wer Anspruch auf die Rohstoffreichtümer im Osten Syriens besitzt, könnte es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Siegern kommen“, befürchtet der Moskauer Politologe Aschdar Kurtow. „Und zu einer neuen Eskalation des Konfliktes.“ Der Krieg in Syrien scheint noch lange nicht vorbei zu sein.

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