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Syrische Flüchtlinge aus der umkämpften Region Idlib. 

Syrien

Moskau verliert Geduld mit Ankara

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Im Norden Syriens geht Russland auf Distanz zur Türkei. Muss Erdogan Truppen abziehen?

Syrien - Die Türkei versinkt immer tiefer im Sumpf des syrischen Bürgerkriegs. Während ihr Projekt einer Pufferzone im nordostsyrischen Kurdengebiet von den USA verzögert wird, geraten die mit ihr verbündeten syrischen Rebellen in der nordwestlichen Rebellenprovinz Idlib gegenüber den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad dramatisch ins Hintertreffen. Der von Russland unterstützte Vormarsch der Verbände von Assad bringt türkische Truppen in die Schusslinie und hat bereits Zehntausende Flüchtlinge an die Grenze getrieben. Die Operation gefährdet auch das Sotschi-Abkommen zwischen der Türkei, Russland und Iran für eine Waffenruhe.

Pures Entsetzen herrschte in Ankara, als Kampfjets des Assad-Regimes am Montag einen türkischen Militärkonvoi in Idlib bombardierten, der Waffen und 300 Soldaten zu einem Beobachtungsposten bei Chan Scheichun bringen sollte. Eine klare Botschaft, keinen Meter weiter vorzurücken. Noch mehr schockierte die Türkei, dass Assads Schutzmacht Russland die Attacke nicht verhinderte.

Syrische Rebellen mussten Stadt Chan Scheichun aufgeben

Die Demütigung ging weiter: Am Dienstag waren die syrischen Rebellen gezwungen, die 35 000-Einwohner-Stadt Chan Scheichun aufzugeben. Damit haben Damaskus und seine Moskauer Verbündeten das nächste Etappenziel bei der Rückeroberung der Provinz Idlib erreicht. Damaskus begründet die Angriffe mit dem „Kampf gegen den Terror“, und tatsächlich wurde Chan Scheichun von der Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), der früheren Nusra-Front, beherrscht. Die Proteste Ankaras schmetterte eine Kreml-Sprecherin mit den Worten ab, die Türkei sei ihren Verpflichtungen aus dem Sotschi-Abkommen, die Dschihadisten in Idlib zu entwaffnen, nicht nachgekommen.

Erdogan hatte sich offenbar darauf verlassen, dass ihm der Kreml mehr Zeit einräumen würde, das Problem zu lösen – schließlich hatte er die Türkei immer näher an Russland herangeführt und im Streit um den Erwerb des russischen S-400-Raketenabwehrsystems sogar einen schweren Konflikt mit den USA riskiert. Doch Putin verliert wohl die Geduld. Die Gemeinsamkeiten mit Russland würden täglich geringer, schrieb die regierungsnahe türkische Zeitung „Habertürk“. Die Agentur Reuters zitierte den früheren türkischen Diplomaten Sinan Ulgan mit den Worten, dass der erzwungene Rückzug der Türkei nur eine Frage der Zeit gewesen sei. Die Entwicklung zeige, „wie wenig Einfluss die Türkei auf Russland besitzt“. Der Zusammenbruch des Sotschi-Abkommens zur Einrichtung von vier Deeskalationszonen zwischen den Assad-Streitkräften und Rebellen stellt nun die gesamte Idlib-Strategie Ankaras infrage, die den Rebellen ein unabhängiges Rückzugsgebiet unter türkischer Protektion sichern will. Neben dem eingeschlossenen Beobachtungsposten Nummer 9 bei Morek nahe Chan Scheichun sind zwei weitere türkische Stellungen im Süden der Provinz akut bedroht. Laut Informationen von Al-Monitor fordert Moskau von Ankara die Aufgabe aller drei Stellungen und den Abzug aller syrischen Kämpfer aus dem Süden Idlibs.

Türkei wird Militärposten weder aufgeben noch verlegen

Doch Erdogans Sprecher Kalin sagte am Mittwoch, dass die Türkei ihre Militärposten weder aufgeben noch verlegen werde. Erdogan habe Russland und den Iran zu einem Dreiergipfel über Syrien am 16. September nach Ankara eingeladen. Zuvor hatte Außenminister Mevlüt Cavusoglu die syrische Regierung bereits gewarnt, sie solle „nicht mit dem Feuer spielen“. Doch die Gefahr einer Eskalation und einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und Syrien wächst. Zugleich schwillt der Strom von Flüchtlingen zur türkischen Grenze dramatisch an. Die Türkei, die bereits rund 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, will niemanden mehr ins Land lassen.

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