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Putins „Endgame“ im Ukraine-Krieg: Mariupol als „Entscheidungsschlacht“?

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Von: Andreas Schmid

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Ukraine-News: Wladimir Putin und Mariupol
Mariupol ist schwer vom Ukraine-Krieg gezeichnet. Wird die Hafenstadt für Russlands Präsidenten Wladimir Putin zur entscheidenden Schlacht? © Mikhail Klimenteyev/AFP/Maximilian Clarke/SOPA Images/ZUMA Press Wire/dpa (Montage)

Der Ukraine-Krieg verlagert sich zusehends auf Mariupol. Gibt es in der Hafenstadt eine „Entscheidungsschlacht“?

Mariupol – Russland hat im Ukraine-Krieg seine Militärstrategie verändert. Russische Truppen konzentrieren sich seit Ende März vor allem auf den Südosten der Ukraine, also auf die Grenzregion Donbass und die Hafenstadt Mariupol. Die „Befreiung“ des Donbass ist dabei Russlands „Hauptziel“.

Die Ukraine sowie der Westen taten sich bisher schwer damit, den mutmaßlichen Strategiewechsel Russlands richtig einzuschätzen. US-Präsident Joe Biden etwa sagte, er sei „nicht sicher“, ob sich Russland damit aus weiten Teile der Ukraine zurückziehen würde. Kurz nach der Ankündigung gab es Angriffe im westukrainischen Lwiw oder der Kleinstadt Slawutytsch, dem Wohnort des Personals der Atomruine von Tschernobyl. Wenige Tage später folgten die Gräueltaten von Butscha, einer Kleinstadt in der Nähe von Kiew. Was bedeuten diese Angriffe im ganzen Land für ein mögliches Ende des eskalierten Ukraine-Konflikts?

Ukraine-News: CIA-Direktor geht von friedlicher Lösung aus

Der frühere CIA-Direktor David Petraeus geht trotz der mutmaßlichen russischen Angriffe auf Zivilisten von einer friedlichen Lösung aus. „Ich denke, es wird eine Verhandlungslösung geben“, sagte Petraeus dem US-Fernsehsender CBS. „Aber es wird noch viel gekämpft, da jede Seite versucht, Bedingungen zu schaffen, die ihr mehr Einfluss am Verhandlungstisch verschaffen.“

Russland hat nach Angaben aus Kiew den ukrainischen Hauptforderungen in den Friedensgesprächen „mündlich“ zugestimmt. Moskau habe die Vorschläge der Ukraine akzeptiert, nur hinsichtlich des Status der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim bestehe weiterhin keine Einigkeit, sagte Kiews Chefunterhändler David Arachamia am Samstag im ukrainischen Fernsehen. Eine „offizielle schriftliche Bestätigung“ der russischen Seite liege aber noch nicht vor.

David Petraeus, von 2011 bis 2012 Direktor der CIA
David Petraeus war von 2011 bis 2012 Direktor der CIA, dem Auslandsgeheimdienst der USA. Wegen einer publik gewordenen Affäre musste er zurücktreten. © Luminant Media/Imago

Ukraine-News: „Entscheidungsschlacht“ in Mariupol?

Der US-Amerikaner Petraeus spricht auch von einem „Endgame“, einer „Entscheidungsschlacht“. Eine solche habe es in Ansätzen bereits in Kiew gegeben. Die ukrainische Hauptstadt wurde Mitte März von russischen Truppen umzingelt, allerdings nicht eingenommen. „Russland wird nicht in der Lage sein, das zu erreichen, was vermutlich von Anfang an ihr Hauptziel war“, sagt Petraesus. „Nämlich die Selenskyj-Regierung zu stürzen und durch eine pro-russische Regierung zu ersetzen.“

Die Ukraine müsse nun eine weitere „Entscheidungsschlacht“ verhindern. Ein damit verbundenes Hochfahren russischer Truppen könnte in der Ostukraine drohen. Als „Schlüssel des Kriegsendes“ bezeichnet Petraesus die „erbitterte Schlacht um Mariupol“. Die Lage in der Hafenstadt ist trotz Feuerpause prekär.

Auch die britische Militäraufklärung sieht in Mariupol „höchstwahrscheinlich“ ein Schlüsselziel der russischen Invasion. Mit der Einnahme Mariupols könnte eine direkte Landverbindung zwischen Russland und der besetzten Halbinsel Krim hergestellt werden, hieß es in der Nacht zum Montag aus einem Update des britischen Verteidigungsministeriums unter Berufung auf Geheimdienstinformationen.

Ukraine-News: Droht ein Zermürbungskrieg?

Sollte Mariupol fallen, würden „eine Reihe von russischen Kräften freigesetzt“ werden. Droht Russland damit weiter in die Ukraine vorzudringen? „Das glaube ich nicht“, sagt Petraeus, der US-Kommandeur in den Kriegen im Irak und in Afghanistan war. „Sie (russische Truppen) kämpfen gegen eine ganze Nation. Es wird Grenzen geben, wie weit sie gehen können, und ich erwarte nicht, dass es weiter als bis zur Mitte des Landes gehen würde. Sie würden gerne bis ins Zentrum vordringen.“

Der Ex-CIA-Direktor spricht von einem drohenden Zermürbungskrieg, der über mehrere Monate andauern könnte - und nicht nur militärisch geführt werden würde. „In gewissem Maße geht es auch darum, was in der Ukraine geschieht und was mit Moskau und der russischen Wirtschaft, dem Finanzsystem und der Geschäftswelt passiert.“ Dabei könnte auch das Stimmungsbild der Russinnen und Russen eine Rolle spielen.

Ähnlich argumentierte der Transaktionsanalytiker Christoph Seidenfus im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wenn die russische Bevölkerung merkt, dass Putins Aktionen direkt ihr sowieso nicht sonderlich großes Wohlbefinden betreffen - sie zum Beispiel ärmer werden, dann kann Putins so trefflich orchestrierte Zustimmung im Land ins Wanken geraten.“ Die Sanktionen des Westens entfalten in Russland bereits ihre Wirkung. Etliche Firmen zogen sich aus dem flächenmäßig größten Land der Erde zurück, in mehreren Bereichen gibt es enorme Preiserhöhungen. (as)

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