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Protest gegen Wahlausschluss in Moskau

Proteste in Russland

Tausende Demonstranten fordern den Kreml heraus

Moskau: Die Menschen gehen für faire Wahlen auf die Straße und die Staatsmacht reagiert. Über tausend Menschen werden festgenommen.

Moskau - Auf Moskaus Prachtstraße, die direkt zum Kreml führt, stehen sich zwei Gruppen wie an einer Front gegenüber. Tausende Demonstranten mit Bannern auf der einen Seite, Polizisten mit Schlagstöcken auf der anderen. Der Zorn der Protestierenden richtet sich gegen die Stadtbehörden: den kremltreuen Bürgermeister Sergej Sobjanin, die Wahlkommission und auch gegen die Einsatzkräfte. 

„Ihr seid eine Schande für Russland“

„Ihr seid eine Schande für Russland“, skandieren sie gegenüber dem Rathaus mitten auf der Twerskaja Straße. „Russland wird frei sein“, hört man noch weit in die Seitengassen hinein, wohin die Demonstranten von der Polizei gedrängt werden. Manche klettern über Absperrungen, verschwinden in Parks, einige suchen Schutz in einer kleinen Kirche im Stadtzentrum. Stundenlang ziehen sie durch die Stadt, doch mehr als 600 Menschen werden festgenommen - junge Studenten, Familienväter und auch Rentner landen im Polizeibus. 

Die Polizei sprach am Abend sogar von 1074 Festnahmen wegen „verschiedener Vergehen“ während der nicht genehmigten Demonstration. Zuvor hatten Menschenrechtsaktivisten mindestens 800 Festnahmen gemeldet.

Die Moskauer gehen seit mehr als zwei Wochen täglich auf die Straße, die Proteste ebben nicht ab. "Dopuskaj" - auf Deutsch etwa: "Lass' sie zu" - ist die stets wiederholte Forderung. Hintergrund ist, dass in wenigen Wochen das Stadtparlament der 12-Millionen-Metropole neu gewählt wird, aber sich auf der Wahlliste kaum Oppositionspolitiker finden. Dutzenden Kandidaten wurde der Weg zur Abstimmung kurzerhand versperrt; die Wahlkommission diagnostizierte schwere Formfehler. 

Die bekannten Kremlkritiker Ilja Jaschin, Ljubow Sobol oder auch bei Dmitri Gudkow hätten Unterstützungserklärungen gefälscht, hieß es. Die Opposition hält dies für ein plumpes Manöver der Behörden, denn sie könnten der angeschlagenen Kremlpartei Geeintes Russland die Stimmen wegnehmen. Die Regierungspartei mit ihrem Vorsitzenden Dmitri Medwedew kämpft nämlich an einer eigenen Front: Die Bevölkerung macht sie für die schlechte Wirtschaftslage im Land verantwortlich. Sie hat eine umstrittene Rentenreform durchgebracht, gleichzeitig sinken neben Löhnen auch der Lebensstandard. Für Geeintes Russland könnte die Regionalwahl, in der auch über 16 Gouverneure in der Provinz abgestimmt wird, deshalb dramatisch ausfallen. 

Festnahmen im Minutentakt

„Seien wir ehrlich: Uns geht es beschissen. Die Renten sind niedrig, das Gesundheitssystem ist ein Witz. Wir wollen was ändern, werden daran aber vom System gehindert“, sagt die Moskauerin Irina bei der Demonstration und deutet auf das Rathaus hinter ihr. Vom majestätisch wirkenden Balkon des Bürgermeisters weht die Stadtfahne und die Flagge Russlands in den Nationalfarben Weiß, Blau und Rot. „Wir haben eine Meinung, und Sobjanin soll wissen, dass wir dieses Vorgehen nicht gut finden“, sagt ihre Freundin Margarita, während im Minutentakt neben ihr Menschen festgenommen werden. 

Jaschin, Gudkow und Sobol schafften es nicht mal zum Protest, sie wurden bereits auf dem Weg zur Demo festgenommen. Genauso erging es Putins härtesten Kritiker, Alexej Nawalny. Er hatte federführend zu dem Protest aufgerufen und daraufhin 30 Tage Arrest kassiert. Büros und Wohnungen der Politiker wurden durchsucht, der Oppositionssender Doschd TV bekam bei einer Livesendung Besuch von der Polizei. 

Gudkow forderte die Russen auf, trotz der Repressalien weiter für freie und faire Wahlen zu kämpfen. „Wir reden nicht mehr über unsere Mandate“, sagte er am Freitag. „Wenn wir jetzt verlieren, wird es Wahlen als politisches Instrument nicht mehr geben und der Unterdrückungsapparat wird das Land ins Jahr 1937 zurückwerfen“, fügte er mit Blick auf den Höhepunkt der Stalin-Diktatur hinzu.

„Das ist unsere Stadt“ und „Wir wollen freie Wahlen“, riefen die Demonstranten. „Ich hatte mein ganzes Leben lang Angst, aber genug ist genug“, sagte die Rentnerin Elena Rastowka. „Wenn wir zu Hause bleiben, wird sich nichts ändern.“

„Ich habe immer Angst vor der Festnahme. Jedes Mal, wenn ich zum Protest auf die Straße gehe“, flüstert auch Natalja, ihre Familie lebt seit Generationen in der russischen Hauptstadt. Sie sitzt auf einer Parkbank mitten im Geschehen, in der Hand hält sie den Tolstoj-Klassiker „Krieg und Frieden“. Hinter ihr steht ein Polizist mit Schlagstock in der Hand. „Aber noch mehr Angst habe ich vor der Zukunft: Dass diese Schummeleien und Manipulationen Alltag werden.“ 

„Das alles führt zu nichts Gutem“

Was die Moskauerin ausspricht, denken einer Umfrage zufolge auch viele Russen. Sie fühlen sich bei wichtigen Entscheidungen schlicht übergangen, wie eine Umfrage des Umfrageinstituts Lewada unlängst ergab. In ganz Russland gibt es oft Fälle, bei denen umstrittene Gesetze oder auch Bauvorhaben quasi ohne Bürgerbeteiligung einfach durchgedrückt werden. 

In Jekaterinburg am Ural setzen sich die Bewohner wegen eines Kirchenbaus gegen die einflussreiche Russisch-Orthodoxe Kirche zur Wehr. Dann setzen sich die Menschen für den zu Unrecht festgenommenen Journalisten Iwan Golunow ein - mit Erfolg. „Die Menschen merken, sie können auf lokaler Ebene durchaus etwas erreichen“, sagte die Politologin Tatjana Stanowaja der Deutschen Presse-Agentur. „Deswegen will und kann der Kreml kein Fenster für die Opposition aufmachen.“ Im Machtzentrum Moskau müsse er hart durchgreifen, bevor die Büchse der Pandora geöffnet und die Lage schwer steuerbar werde. 

Präsident Putin kommentierte die Lage wenige Minuten von seinem Arbeitsplatz am Kreml entfernt nicht. Am Protesttag tauchte er in einem Mini-U-Boot am Finnischen Meerbusen. Sein Statthalter Sobjanin kommentierte die Lage vor seinem Büro mit wenigen Sätzen auf Twitter: „Das alles führt zu nichts Gutem.“

dpa/AFP/tom

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