Moskau stellt sich auf Leben mit dem Terror ein

Polizist stirbt bei Verhinderung eines Attentats / "Palästinensierung" des Tschetschenien-Krieges befürchtet

Von Florian Hassel (Moskau)

In letzter Minute scheint Sarema Muschichojewa daran gezweifelt zu haben, ob es Sinn macht, sich in einem Moskauer Restaurant mit einem Pfund Plastiksprengstoff in die Luft zu jagen. Am späten Mittwochabend betrat die 22 Jahre alte Frau aus dem tschetschenischen Dorf Assinowskaja im Zentrum der russischen Hauptstadt das Restaurant Imbir an der 1. Twerskaja-Jamskaja- Straße. Die Agentur Interfax berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, Muschichojewa sei in Begleitung eines Mannes gewesen, der das Restaurant wieder verließ.

Die junge Frau scheint nervös; Mitarbeiter alarmieren die Polizei. Als die Beamten das Restaurant betreten, zündet Muschichojewa den Sprengsatz nicht. Stattdessen teilt sie den an ihren Tisch tretenden Beamten mit, in ihrem kleinen Rucksack befinde sich eine explosionsbereite Bombe. Einer anderen Version zufolge verkündet die junge Frau schon vor dem Eintreffen der Polizei, sie habe einen Sprengsatz dabei - nicht unbedingt das Verhalten von jemandem, der diesen Sprengsatz auch tatsächlich zünden will. Die Beamten nehmen die junge Frau und wenig später den 26 Jahre alten Surab Dadajew aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny fest und bringen sie nach Lefortowo, in das Untersuchungsgefängnis des Inlandsgeheimdiensts FSB. Beim Versuch, die Bombe zu entschärfen, explodiert der Sprengsatz am frühen Donnerstagmorgen und tötet den FSB-Sprengstoffexperten Major Georgij Trofimow.

Das verhinderte, gleichwohl tödliche Attentat zeigt erneut, Russland erlebt gerade "die Palästinensierung des Tschetschenienkrieges". So formulierte es der Parlamentarier und Menschenrechtler Sergej Kowaljow bereits nach dem Terroranschlag auf ein Rockfestival am vergangenen Samstag. Moskau stellt sich allmählich ein auf ein Leben mit dem Terror. An vielen Gebäuden sind die Eingangskontrollen verschärft worden. Die Mobiltelefonanbieter hoben am Mittwoch auf Befehl des FSB die Verschlüsselung aller Gespräche auf. Ein für die ersten Augusttage geplantes Rockfestival soll nun nur im Radio und ohne Live-Publikum übertragen werden. Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow schloss aber zunächst aus, den Ausnahmezustand zu verhängen.

Auch andere russische Städte verschärften ihre Sicherheitsvorkehrungen. Die Tageszeitung Gaseta berichtete am Mittwoch, der FSB habe angeblich Informationen über geplante Anschlägen in St. Petersburg, Saratow, Rostow-am- Don, Wolgodonsk und Mosdok, einem Stützpunkt der russischen Tschetschenien- Armee. Der radikale Rebellenführer Schamil Bassajew eine Gruppe von 36 Tschetscheninnen für Selbstmordattentate ausgebildet und bereits an diese Orte geschickt haben.

53 Prozent der 3119 Anrufer sagten nach dem verhinderten Attentat auf das Restaurant in einer Blitzumfrage des Radiosenders Echo Moskaus, der Terror könne nur durch Verhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen beendet werden. Einer repräsentativen Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungszentrums vom Juni zufolge plädieren gar zwei Drittel der Russen für Verhandlungen.

Es gebe keine Alternative zu Gesprächen mit dem tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, schrieb Menschenrechtler Kowaljow in der Tageszeitung Nowije Iswestija. Erst am Montag hatte Russlands Präsident Wladimir Putin allerdings Verhandlungen mit den Rebellen kategorisch ausgeschlossen. Medien in Russland übergehen gleichzeitig alle Berichte über weitere Morde an Tschetschenen durch russische Einheiten im Kriegsgebiet, wie sie am Montag die Menschenrechtsorganisation Memorial vorlegte.

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