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Morschenich im vergangenen August: Der Tagebau Hambach ist schon nahe an das Dorf herangerückt.

Kohleausstieg

Morschenich: Rückkehr doch nicht ausgeschlossen

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Das Kohleausstiegsgesetz rettet jetzt auch noch ein Dorf, das eigentlich abgebaggert werden sollte – über den Kampf um Klima, Kohle und Heimat.

Dagmar Gerden steht vor ihrem Zuhause, das sie nicht mehr betreten darf. Die Fenster sind mit Holzbrettern vernagelt, Garage und Türrahmen mit Bauschaum versiegelt. Moos bewächst die Vorgartenmauer, der Kirschbaum im Garten, den ihr Vater damals gepflanzt habe, sei abgestorben, „wie aus Protest“, sagt sie. Aber auch den Garten kann sie nicht zeigen, er gehört, wie das Haus, heute dem Energiekonzern RWE. Im April vor zwei Jahren ist Familie Gerden ausgezogen, es war ein Abschied auf Raten. Über ein Jahr haben sie immer mal einzelne Kisten mitgenommen, sind nur zum Schlafen rüber in ihr neues Zuhause, was sie sich suchen mussten. Denn ihr altes musste den Braunkohlebaggern weichen. Der Ort Morschenich zwischen Köln und Aachen liegt im rheinischen Revier, im Tagebau Hambach. Morschenich sollte abgebaggert werden. Seit mehr als vierzig Jahren steht das fest, seit mehr als zehn Jahren siedelt RWE die Menschen um. Seit der vergangenen Woche ist bekannt: Morschenich bleibt doch.

46 Jahre lang lebte Dagmar Gerden mit dem Bagger vor Augen. Zunächst im übertragenen Sinne, zu sehen war ja damals noch nichts. Als Kind blickte sie auf gut 8000 Hektar dichten Wald, den Jahrhunderte alten Bürgewald, wie er damals noch hieß. Heute schaut sie vom Haus auf einen Abgrund, den des Hambacher Tagebaus, die Baggerschaufeln in Sichtweite. Sie stehen still, wurden gestoppt durch den Kohlekompromiss von Bund und Ländern, der heute im Bundeskabinett beschlossen werden soll. Der Braunkohleabbau wird nun 20 Jahre früher beendet als geplant.

Hunderte Dörfer und Siedlungen in Ost- wie Westdeutschland mussten in den vergangenen Jahrzehnten der Braunkohle weichen und umgesiedelt werden. Um zwölf Orte in der Lausitz, im mitteldeutschen und im rheinischen Revier geht es heute noch. Morschenich ist einer davon – gewesen, wie man nun sagen muss. Dagmar Gerden saß im Auto, als am Montagabend vergangener Woche die Meldung im Radio lief: „Der Energiekonzern RWE will nun doch nur einen der beiden verbliebenen Orte am Braunkohletagebau Hambach abbaggern“, hieß es da, das Unternehmen gehe davon aus, „dass Morschenich nicht bergbaulich in Anspruch genommen werden muss.“ Dagmar Gerden traute ihren Ohren nicht. „Das ist wie ein Wunder“, dachte sie .

Ihr Elternhaus ist ein Ort, an dem Welten aufeinander treffen: Die von Familie Gerden, die sich hier 1969 ihr Zuhause für drei Generationen aufgebaut hat. Die des Konzerns RWE, für den das Haus und die Familie Teil ihres „sozialverträglichen Umsiedlungsplans“ ist, der 15 Jahre vorbereitet wurde. Und es ist die Welt von Umweltaktivisten, deren Protest im Wald, dem später umbenannten Hambacher Forst, die Symbolkraft für eine gesamtdeutsche Klimaschutzdebatte entfachte.

Dass mit diesem beschaulichen Ort zwischen Köln und Aachen etwas passieren wird, war lange absehbar. Auch für Familie Gerden. 1973 wird Dagmar Gerden geboren. Das Haus mit 240 Quadratmetern Wohnfläche war gerade fertig, ein großzügiger Obstgarten angelegt, eine prächtige Wildkirsche vor dem Haus gepflanzt. Nur ein Jahr später fällt die Entscheidung: Auf Antrag von Rheinbraun, einem Vorläufer von RWE, genehmigt der Braunkohleausschuss den Tagebau Hambach. Die Bagger werden kommen, so viel steht da für Morschenich und die Nachbargemeinde Manheim schon fest. In ferner Zukunft zwar, aber sie werden kommen und die Dörfer plattmachen. „Wer weiß“, habe Dagmar Gerdens Mutter Zeit ihres Lebens gesagt, „ob ich das noch erlebe. Wer weiß, ob die nicht doch vorher aufhören zu baggern.“

Schon in den 40er Jahren war das Braunkohlevorkommen in der Region für „abbauwürdig“ befunden worden. 4500 Millionen Tonnen Braunkohle schätze RWE in bis zu 500 Metern Tiefe. Da man nach der Ölkrise der 70er Jahre möglichst unabhängig von Energieimporten werden wollte, wurde die Braunkohleförderung kurzerhand zum allgemeinen volks- und betriebswirtschaftlichen Anliegen erklärt. Rheinbraun entschied, die kleineren Abbaugebiete im rheinischen Revier zu einem großen zusammenzulegen. Erstmals entstand ein Tagebau auf der grünen Wiese – in einem Revier ohne jede Bergbau-Erfahrung. Die Kohleflöze in Hambach lagen besonders tief, was die Absicherung der steilen Randböschungen heute so schwierig macht.

RWE spricht von Abraumgewinnung, wenn von den Dörfern die Rede ist, die dem Braunkohleabbau weichen müssen, der ja ohnehin in ein paar Jahren Geschichte ist. Mit „Abraum“ gemeint ist das Material, das benötigt wird, um den teilweise 500 Meter tiefen, offenen Tagebau aufzuschütten. Morschenich war als Abraum gedacht. Die Morschenicher sollten weichen. 493 Einwohner, 214 Haushalte, fünf Vereine und ein Fußballplatz.

Aus Morschenich wurde seit 2012 Morschenich-Neu, fünf Kilometer entfernt. Dieser neue Ort ist heute eine Ansammlung von Baggerlöchern und Musterhausneubauten. Flachdachbungalows, Klinkerbauten, Doppelhaushälften, eine Bushaltestelle und ein Spielplatz sind schon da. Eine Kita, eine Kapelle und ein Schützenvereinsheim folgen im Frühjahr.

Familie Gerden lebt jetzt im benachbarten Düren, ihren Biohofladen und ihre Tiere hatten sie ohnehin dort. Morschenich-Neu kam nie infrage. „Das ist ein so künstlicher Ort“, sagt Dagmar Gerden, „da wollen wir nicht leben.“ Überhaupt wollten sie nie woanders bleiben als in Morschenich (alt). Aber selbst ihre verstorbenen Eltern konnten es nicht, sie mussten umgebettet werden. „Als sie vorausgegangen sind, war klar: Jetzt müssen wir auch gehen.“ Ihr größter Wunsch wäre, ihr Elternhaus zurückzuhaben. Sie weint, wenn sie das sagt. „Ich weiß, es ist ein Haus, es ist kein Mensch.“

Bei einer Umsiedlung, das weiß auch RWE, geht es um Dinge, die nicht mit Geld entschädigt werden können: Traditionen, Gemeinschaftsgefühl, Heimat. RWE arbeitet seit fünf Jahrzehnten mit einem Konzept, das diese sozialen Belastungen einer Umsiedlung so weit wie möglich mildern soll. Möglichst viele Menschen aus dem alten Wohnort möglichst zeitgleich an einen Ort umzusiedeln, den möglichst viele von ihnen mitbestimmt und –gestaltet haben.

Zum Jahresende 2019 lebten 216 umgesiedelte Menschen in Morschenich-Neu, 177 noch in Morschenich (alt), davon 82 Flüchtlinge. Der Bürgermeister der Gemeinde Merzenich, zu der Morschenich gehört, Georg Gelausen, sagt, es gebe zwei Lager: Diejenigen, die Morschenich (alt) hinter sich gelassen haben und den neuen Ort als Chance sehen. Und diejenigen, die an Morschenich (alt) hängen, noch immer dort ausharren oder am liebsten zurück wollen.“ Als Rheinländer bin ich natürlich jemand mit positiven Zukunftsvisionen“, sagt der CDU-Mann. Um den Negativschlagzeilen um die linksautonomen Waldbesetzer etwas entgegenzusetzen, brachte er mit einem Landwirt der Gemeinde 2019 den „Hambi-Honig“ heraus. Auch für Morschenich (alt) hat Gelhausen eine Vision.

Den Plan für eine „Bioökonomische Zukunftsstadt“ hat er seit März 2019 in der Schublade. Wenn es nach ihm ginge, soll Morschenich (alt) vor allem Standort werden für Start-ups, Forschungs- und Bildungseinrichtungen – und Teil der geplanten Internationalen Bau- und Technologieausstellung über den Strukturwandel der Region. Morschenich (alt) könne ja 2035 die UN-Klimakonferenz ausrichten, scherzte Gelhausen schon. Mit der Botschaft aber meint er es ernst: „In dem Ort soll sich zeigen, wie sich hier die deutschlandweite Klimaschutzdebatte entzündet hat.“ Und er soll einen neuen (alten) Namen bekommen: Bürgewald.

Auf dem Papier gehört das Dorf aktuell allerdings RWE. Das gebe dem Unternehmen aber nicht das Recht, allein über die Zukunft zu entscheiden, heißt es von dem Essener Unternehmen. Die Planungshoheit liege bei der Gemeinde, man wolle eng zusammenarbeiten. Die Landesregierung will RWE Anfang Februar einen Plan vorlegen. Dass ein bereits umgesiedelter Ort doch bestehen bleiben kann wie nun Morschenich, das sei ein einzigartiger Fall, sagt RWE-Sprecher Guido Steffen, „das haben wir vorher noch nie gehabt.“ Wie kam es dazu?

Auf den Erhalt des Hambacher Forsts einigten sich Bund und Länder schon Mitte Januar. Der Druck von Klimaaktivisten war zu groß geworden. Noch danach gab RWE-Chef Rolf Martin Schmitz auf einer Pressekonferenz an einem Donnerstag an, Morschenich und Manheim müssten nach wie vor abgebaggert werden. Wieder fürchteten Umweltschützer um den Wald. Auf Druck von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), endlich Klarheit zu schaffen, am Montag darauf dann die RWE-Mitteilung: Der Wald bleibt – und Morschenich bleibt.

Es wird, wie einst am Hambacher Forst, auch anderswo Demonstrationen geben. Das bundesweite Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ hat für Anfang März schon einen „Dorfspaziergang“ in Keyenberg am Tagebau Garzweiler im nördlichen Rheinland angekündigt. Bei ihrer letzten Aktion am Tagebau Hambach waren 14 000 Klimaschützer gekommen. Für Garzweiler rechnen sie mit noch mehr Teilnehmern.

Morschenich bleibt bestehen, was das für Menschen, die noch dort leben, für die verlassen Häuser, bedeutet, kann weder RWE noch der Bürgermeister voraussagen. Dagmar Gerden hat RWE-Chef Rolf Martin Schmitz einen Brief geschrieben. Sie will das Haus, in dem sie selbst groß wurde, in dem sie mit ihrem Mann drei Söhne großzog und ihre Eltern bis zum Tod pflegte, von RWE so bald wie möglich zurückkaufen.

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