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Gefährliche Überfahrt: Flüchtlinge von Burundi in einem alten und morschen Boot.
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Gefährliche Überfahrt: Flüchtlinge von Burundi in einem alten und morschen Boot.

Flüchtlinge

Morsche Sicherheit auf der MV Liemba

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Das mehr als 100 Jahre alte, in Deutschland gebaute Schiff MV Liemba ist für viele Flüchtlinge die letzte Rettung auf dem Weg von Burundi nach Tansania.

Wenn sie es geschafft haben, brechen sie in Gesänge aus. Auf diese Weise drücken die rund 900 Flüchtlinge, die mit Ruderbooten zu dem auf dem See verankerten Dampfer gebracht wurden, ihre Erleichterung aus: Mögen die Planken der mehr als 100 Jahre alten MV Liemba auch noch so morsch und schmutzig sein, sie versprechen wenigstens Sicherheit.

Unter freiem Himmel am Seeufer nahe des tansanischen Dörfchens Kagunga zusammen gepfercht warten noch immer Tausende von Burundiern auf ihre Chance: Dass sie mit der nächsten Fahrt der MV Liemba vor den Unruhen in ihrer burundischen Heimat, vor allem den mörderischen Umtrieben der Imbonerakure genannten Jugendmiliz des regierenden „Nationalrats für die Verteidigung der Demokratie“ (CNDD-FDD), gerettet werden. Das Warten auf einen Platz auf dem Schiff kann eine oder gar zwei Wochen dauern: Die Flüchtlinge müssen die Zeit mit minimalsten Lebensmittelrationen überstehen. Dafür kursiert die Cholera. Und mancher überlebt die Tage in Kagunga nicht.

Das Schiff kommt nur zweimal die Woche. An den anderen Tagen muss die Liemba wie seit fast 100 Jahren schon ihre Route vom tansanischen Uferstädtchen Kigoma bis zum Südzipfel des Tanganjika-Sees im fast 600 Kilometer entfernten sambischen Mpulungu abfahren.

Es ist das einzige Verkehrsmittel in der fast straßenlosen Region, auf das Reisende und Händler – oder jetzt die burundischen Flüchtlinge angewiesen sind. Schon in der Vergangenheit musste das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in dem von Unruhen gebeutelten Herzen Afrikas wiederholt die Dienste des schwimmenden deutschen Methusalems in Anspruch nehmen, der bereits als Kriegsschiff, als Allerweltstransporter und nun als Flüchtlingsretter zum Einsatz kam.

Kein Schiff der Welt hat dem Schicksal der MV Liemba Vergleichbares auf den Planken. 1913 als „Graf Goetzen“ auf der Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg an der Ems gebaut, sollte das Dampfschiff die kolonialen Herrschaftsansprüche des deutschen Kaiserreichs auf dem längsten See der Welt, dem zwischen Deutsch-Ostafrika, dem belgischen Kongo und dem englischen Rhodesien gelegenen Tanganjika-See geltend machen.

Zu diesem Zweck wurde die 67 Meter lange und zehn Meter breite Graf Goetzen sofort nach ihrem Bau in Papenburg wieder zerlegt, in 5000 Kisten verpackt und nach Tansania verschifft. Von der Hafenstadt Dar-es-Salaam ging die 800 Tonnen schwere Fracht mit der Eisenbahn über die mehr als 1200 Kilometer lange Mittellandstrecke zum Tanganjika-See: Dort wurde das Schiff wieder zusammengesetzt und mit 160 000 Nieten auch zusammengehalten.

Inzwischen brach der Erste Weltkrieg aus. Die Graf Goetzen wurde mit Kanonen ausgestattet und beherrschte zumindest kurzfristig den See: Doch gegen die Angriffe belgischer Wasserflugzeuge, vor allem aber gegen den Vormarsch britischer Bodentruppen konnte das Dampfschiff nichts ausrichten. Paul von Lettow-Vorbeck, der Kommandeur der deutschen „Schutztruppe“ in Ostafrika, ordnete schließlich die Versenkung des Dampfers an, damit er dem Feind nicht in die Hände falle.

Die deutschen Ingenieure schmierten dessen anfällige Teile noch einmal kräftig ab, bevor sie die Schotten öffneten und das Schiff im Juli 1916 untergehen ließen. Nach dem Krieg wurde der Dampfer von den Belgiern zunächst teilweise gehoben und in den Hafen von Kigoma gebracht.

Dort sank er in einem Sturm jedoch ein weiteres Mal ab, bis er nach zweijährigen Bergungsarbeiten von britischen Experten schließlich ganz gehoben und 1924 wieder fahrtauglich gemacht wurde. Zur MV Liemba umbenannt kreuzt das Schiff seitdem – gelegentlich renoviert und mit neuen Motoren versehen – über den mit fast 1500 Metern zweittiefsten See der Welt.

Unter gewöhnlichen Umständen fasst die MV Liemba 600 Passagiere und 200 Tonnen Fracht. Doch wenn sie mit Flüchtlingen unterwegs ist, kann sie zur Not auch 900 Passagiere aufnehmen. Von Kagunga aus ist das Hafenstädtchen Kigoma in fünf Stunden erreicht: Dort ist eine weitere dreistündige Busfahrt nötig, um schließlich das Flüchtlingslager Nyarugusu zu erreichen.

Hier sind bereits mehr als 5000 Burundier untergekommen: Es gibt Zelte, Nahrungsmittelhilfe und Medikamente. Auch wenn ihr die alte Dame MV Liemba das Leben gerettet hat, will Kiiza Jackline auf keinen Fall noch eine zweite, nämlich die Rückreise auf dem Dampfer antreten. „Nie mehr Burundi!“, sagt die mit ihren fünf Kindern geflohene Witwe: „Wenn wir den Rest unseres Lebens hier in Tansania leben können, werden wir ewig dankbar sein.“

Lange kann die MV Liemba ihre jüngste humanitäre Aufgabe ohnehin nicht mehr erfüllen. Das Schiff ist müde, die von den zu starken Dieselmotoren erzeugten Vibrationen haben offenbar viele der 160 000 Nieten gelockert. Eine Generalüberholung könne der Liemba ein weiteres Leben bieten, sagen Experten. Doch diese würde fünf Millionen Euro kosten – eine Summe, die die tansanische Regierung offenbar nicht aufbringen kann.

Seit Jahren sinniert das deutsche Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit darüber nach, ob sie die Restaurierung des Dampfers zum Entwicklungsprojekt erklären kann: Es sollte sich beeilen, wenn sie der Graf Goetzen einen weiteren Untergang ersparen will.

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