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In der Bekaa-Ebene gibt es über 2000 sogenannte wilde Camps.
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In der Bekaa-Ebene gibt es über 2000 sogenannte wilde Camps.

Interview

Flüchtlingshelferin über den Libanon: Katastrophe wie „Moria lässt sich vermeiden“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Flüchtlingshelferin Jacqueline Flory spricht im FR-Interview über die Lehren aus der Brand-Katastrophe auf Lesbos für den Libanon.

  • Flüchtlingshelferin Jacqueline Flory baut im Libanon Schulen für Geflüchtete aus Syrien.
  • Die Übersetzerin zieht Lehren über die Brand-Katastrophe in Moria für den Libanon.
  • Auch spricht Flory von den Auswirkungen der Corona-Pandemie und Explosion in Beirut auf den Libanon.

Seit 2015 baut Jacqueline Flory mit dem Verein „Zeltschule“ im Libanon Schulen für syrische Geflüchtete, verteilt Nahrung und Medikamente. Der Verein will Fluchtursachen bekämpfen und pragmatische Lebenshilfe leisten.

Frau Flory, im Camp Moria auf Lesbos ist die Situation eskaliert. Nach den Bränden sind Tausende ohne Obdach und ohne Perspektive. Kann das im Libanon auch so eskalieren?

Die Gefahr ist nicht groß, dass sich so etwas im Libanon ereignet – jedenfalls nicht initiiert von den Geflüchteten. Unseren Geflüchteten war von Anfang an klar, dass ihr Lebensstandort so lange im Libanon ist, bis eine Rückkehr nach Syrien möglich ist. Man hat ihnen nie versprochen, dass sie in die EU eingegliedert werden.

Also kann man die Situation nicht vergleichen?

Ich glaube, dass Moria und der Libanon einen direkten Vergleich zulassen. In Moria sehen wir, was passiert, wenn man Menschen zwingt, sich auf die Flucht aus ihrer Region nach Europa zu machen – und sie dann nicht versorgen kann. Moria zeigt, warum man Menschen in ihrer Region helfen muss. Moria sollte Anlass sein, den Blick auf Flüchtlingscamps in der eigenen Region dieser Menschen zu richten und zu versuchen, die Lebensumstände dort zu verbessern. Das ist der beste Weg, eine Katastrophe wie in Moria zu vermeiden.

Jacqueline Flory, 44, ist Übersetzerin für Arabisch und reist oft in den Libanon.

Laut UN-Flüchtlingshilfe gibt es im Libanon nur sehr wenige formelle Flüchtlingslager.

Das stimmt. In der Bekaa-Ebene gibt es über 2000 sogenannte wilde Camps. Dort leben die meisten Geflüchteten. Auf Land, dass sie mieten müssen: Jeder muss für die 15 Quadratmeter, auf denen sein Zelt steht, Miete an einen Grundbesitzer zahlen.

Wie sind die Bedingungen dort?

Katastrophal. Um die Miete zu zahlen, müssen die Kinder auf die Felder geschickt werden, weil es den erwachsenen Geflüchteten verboten ist zu arbeiten. Was die Kinder am Abend von den Feldern mitbringen, wird ihnen von den Grundbesitzern wieder abgenommen. Es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser. Es sind – wie in Moria – katastrophale Bedingungen, nur eben schon seit zehn Jahren.

Flory über den Libanon: „Von den internationalen Geldern ist fast nichts bei den Geflüchteten angekommen“

Die nur 5,5 Millionen Libanesen haben laut UNHCR 1,5 Millionen Menschen aus Syrien aufgenommen. Wie geht das zusammen?

Viele Libanesen sind der Ansicht, dass die zehn Jahre mit den Geflüchteten den libanesischen Staat Kopf und Kragen gekostet haben. Ich bin aber überzeugt, dass es die internationalen Flüchtlingsgelder waren, die den Libanon über Wasser gehalten haben. Sonst wäre der wirtschaftliche Zusammenbruch schon ein Jahrzehnt früher gekommen. Von den internationalen Geldern ist fast nichts bei den Geflüchteten angekommen. Also sind es nicht die Geflüchteten, die den Libanon in den Zusammenbruch geführt haben, es ist die korrupte Regierung.

Welche Folgen hatte die Explosion in Beirut für die Geflüchteten?

Das war ein enormer Schock für die Menschen in unseren Camps. Auch in der Bekaa-Ebene war die Explosion zu sehen. Alle dachten: ‚Jetzt ist es soweit, jetzt ist Bürgerkrieg.‘ Die syrischen Geflüchteten hatten Angst, nun hole sie im Libanon etwas ein, vor dem sie doch geflohen waren. Das Gefühl der Unsicherheit wird immer stärker.

Hinzu kommt die Pandemie.

Ja. Nach der Explosion gab es einen Corona-Lockdown, der tatsächlich ein politischer Lockdown war: Die Regierung wollte die Massenproteste unterbinden, mit denen sich die Libanesen ihrem Ärger über die Explosion Luft gemacht haben. Die Menschen waren praktisch im Hausarrest. Der Lockdown hat es ihnen erschwert, arbeiten zu gehen oder ihre Häuser wieder aufzubauen. Der Lockdown war ein weiterer Nagel im Sarg des Libanon.

Flory: „Es war sehr verstörend, wie schnell das Interesse am Libanon verschwand.“

Trotz Explosion, trotz politischer und wirtschaftlicher Krisen, trotz Millionen von Geflüchteten – der Libanon spielt in und für Europa kaum eine Rolle.

Nach der Explosion hatte der Libanon die Aufmerksamkeit Europas. Für 48 Stunden schaute die Welt dort hin. Ich hatte die Hoffnung, dass nun endlich eine Auseinandersetzung mit der libanesischen Regierung stattfindet, unter der die Menschen seit Jahrzehnten leiden. Aber es war sehr verstörend, wie schnell das Interesse am Libanon verschwand.

Weil das Land so weit weg ist?

Der Libanon ist vor der Tür Europas, eigentlich müsste er uns interessieren. Aber durch seine sehr wechselhafte Geschichte wurde der Libanon zu einem ‚hoffnungslosen Fall‘ abgestempelt. Wir empfinden es als normal, dass dort Krise auf Krise folgt – und die Leidtragenden sind die Menschen. (Interview von Steffen Herrmann)

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