Der ermordete Walter Lübcke leitete in den 90er Jahren eine thüringische Jugendbildungsstätte.
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Der ermordete Walter Lübcke leitete in den 90er Jahren eine thüringische Jugendbildungsstätte.

Rechter Terror

Mord an Walter Lübcke: Er engagierte sich früh gegen Rechts – und stand auf der Gegner-Liste des NSU

  • vonAndreas Förster
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Der später ermordete Politiker Walter Lübcke engagierte sich schon in den 90ern gegen Rechte – in der Region des späteren NSU.

  • Walter Lübcke engagiert sich schon in den 1990er Jahren gegen Rechtsextremismus
  • Neonazi soll den Kasseler Regierungspräsidenten ermordet haben
  • Lübckes Name stand auf einer Liste der Terrorzelle NSU

Kassel – Der Name des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke steht auf einer Liste, die 2009 bei der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gefunden worden war. Der Grund dafür könnte Lübckes Arbeit in Thüringen in den 1990ern gewesen sein, wo sich der CDU-Mann in politischer Bildung von Jugendlichen und gegen rechte Strukturen engagierte.

Der 65-jährige Politiker aus Nordhessen war vor einem Jahr von einem Kasseler Neonazi ermordet worden. Der mutmaßliche Täter gab als Grund für seine Tat Lübckes Auftritt in einer Bürgerversammlung im hessischen Lohfelden im Oktober 2015 an, bei der es um Aufnahme von Flüchtlingen ging.

Walter Lübckes Name taucht auf Gegner-Liste des NSU auf

Doch ist das alles? Denn Walter Lübckes Name stand eben auch auf der Liste der aus Thüringen stammenden Terrorzelle NSU, die 2009 gefunden wurde. Darauf sind Namen von Personen, die Rechtsextreme als politische Gegner betrachten und die bekämpft werden müssten. Lübcke hatte 2009 sein Amt als Regierungspräsident angetreten.

Warum Lübcke auf der Liste stand, ist nicht eindeutig klar. Interessant ist, dass der Politiker sich schon in den 1990er Jahren in Thüringen gegen Rechte engagierte – und zwar in Ohrdruf, wo sich in jenen Jahren neben Neonazis aus dem NSU-Umfeld auch der spätere Mörder Lübckes aufgehalten haben soll.

„Wir hatten damals große Probleme in Ohrdruf mit einer starken rechtsextremen Szene“, erinnert sich Klaus Scheikel. Scheikel, heute 79 Jahre alt, war gleich nach der Wende Bürgermeister geworden im westthüringischen Ohrdruf und blieb es bis 2006. „Vor allem junge Leute waren das, 14 bis 18 Jahre alt, die provozieren und zerstören wollten“, erzählt er. „Je genauer man hinsah, desto mehr bekam man mit, wie die heiß gemacht wurden von anderen Rechten, die von auswärts kamen. Die fuhren in dicken Autos mit Kennzeichen aus Hessen vor, aber auch aus Arnstadt und Eisenach. Da waren Typen dabei, von denen man später erfuhr, dass sie auch mit dem NSU zu tun hatten.“

Lübcke etablierte Jugendarbeit und Strukturen gegen Rechtsextremismus

Bis weit nach der Jahrtausendwende galt die 6000-Einwohner-Kleinstadt im Gothaer Land als einer von mehreren Neonazihochburgen im Freistaat. Der „Thüringer Heimatschutz“, aus dem heraus sich der NSU gegründet hatte, marschierte hier auf, nahezu wöchentlich kam es zu Angriffen auf „nichtrechte“ Jugendliche.

Der Gewalt und dem Hass der Rechten etwas entgegensetzen wollten die Betreiber der Jugendbildungsstätte im Haus Mühlberg am Stadtrand von Ohrdruf. Walter Lübcke (CDU) war der erste Leiter dieser Landesbildungseinrichtung.

„Der Mann war ein Glücksfall für uns ‚Anfänger‘ aus dem Osten“, sagt Michael Panse. Der heutige Erfurter CDU-Stadtrat war 1991 Landesgeschäftsführer der Jungen Union (JU) und hatte damals Lübcke kennengelernt. „Er kam aus dem Westen, der kannte die Strukturen der Jugendarbeit, der hatte gute Verbindungen und Ideen, der stellte was auf die Beine.“ Lübcke habe auch die Sanierung von Haus Mühlbeck auf den Weg gebracht. Ab 1991 hätten dann regelmäßig Sommercamps stattgefunden in Ohrdruf, Jugendliche aus ganz Thüringen seien gekommen, erzählt Panse. Es habe Musik und Filmvorführungen gegeben, Workshops über Demokratie und Diskussionen mit Politikern, die Lübcke herangeholt hätte. Der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel sei dagewesen, auch Heiner Geißler und Bundesfamilienministerin Claudia Nolte.

Walter Lübcke war ein Mann der klaren Worte gegen den Rechtsextremismus

„Als die rechte Gewalt immer schlimmer wurde im Land, hatte Walter Lübcke die Idee, im Haus Mühlberg eine ‚Rock gegen Gewalt‘-Veranstaltung auf die Beine zu stellen. 1993 fand die erste statt, ein paar Jahre lang folgten weitere.“ Am Tag sei diskutiert worden mit Politikern, was man gegen Rechtsextremismus unternehmen könne, abends seien die Bands aufgetreten. „Walter Lübcke war immer mittendrin, er hatte ein Talent, mit den jungen Leuten zu reden, ihre Sprache zu sprechen. Das war wirklich beeindruckend“, ist Panse heute noch begeistert. Gab es damals Anfeindungen von rechts gegen das Haus Mühlberg oder sogar gegen Lübcke? Der alte Bürgermeister Scheikel hat keine Erinnerungen daran. Ausschließen aber will er es nicht.

„Als ich in den Berichten nach dem Mord an Walter Lübcke die Ausschnitte aus der Einwohnerversammlung in Lohfelden gesehen habe, in der er die Schreihälse so hart angeht, die sich über die Flüchtlingspolitik aufregen, da dachte ich bei mir: Ja, so war der Lübcke. Er hat sich schon mal provozieren lassen und dann Sätze gesagt, die schlimmer klangen, als er sie eigentlich meinte. Lübcke hatte eine offene, direkte Art“, sagt Scheikel. „Der Mann sagte, was er dachte, und das hat vielleicht nicht jedem gepasst.“

Auch Stadtrat Panse aus Erfurt sind keine rechten Drohungen gegen Lübcke aus jener Zeit bekannt. „Wir hatten aber stets einen Securitydienst beauftragt, wenn wir Veranstaltungen im Haus Mühlberg hatten“, sagt er. „Wir wussten, Ohrdruf war ein heißes Pflaster damals, und die Rechten sahen uns als ihre politischen Gegner an.“

Von Andreas Förster

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke jährt sich zum ersten Mal. Während das Gedenken in Corona-Zeiten bescheiden ausfällt, wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Lübcke-Mörder mit großer Spannung erwartet.

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