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Mord an Putin-Gegner wird untersucht

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Von: Sebastian Borger

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Alexander Litvinenko (re.), noch in Diensten des russischen Inlandgeheimdienstes (Archivfoto).
Alexander Litvinenko (re.), noch in Diensten des russischen Inlandgeheimdienstes (Archivfoto). © dpa

Mit achtjähriger Verspätung beginnt vor dem Londoner High Court die Untersuchung der Todesumstände des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko. Das Gericht wird vor allem eine Frage beschäftigen: Ist der russische Staat in den Mord verwickelt?

Mit achtjähriger Verspätung hat am Dienstag vor dem Londoner High Court die Untersuchung der Todesumstände von Alexander Litwinenko begonnen. Der Dissident und Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes MI6 wurde im Oktober sowie an Allerheiligen 2006 mitten in London mit dem radioaktiven Isotop Polonium-210 vergiftet. Sein qualvoller Tod drei Wochen später löste europaweit Atom-Alarm aus. Es handele sich um eine „Angelegenheit von höchster Bedeutung“, sagte Untersuchungsrichter Robert Owen. Der 70-Jährige muss unter anderem klären, ob der russische Staat in den Mord verwickelt ist.

Litwinenko galt in Moskau als Verräter. Der Agent des Inlandsgeheimdienstes FSB hatte in den 1990er Jahren gegen organisierte Kriminelle ermittelt. Zunehmend desillusioniert über die Korruption der Strafverfolger beschwerte er sich im Juli 1998 ergebnislos beim gerade neu ernannten Behördenleiter: Wladimir Putin, dem heutigen Staatspräsidenten. Als Litwinenko an die Öffentlichkeit ging, wurde er entlassen und inhaftiert.

Im Jahr 2000 gelang ihm mit Frau und Sohn die Flucht nach Großbritannien. In der Londoner Dissidentenszene schloss er sich eng an Boris Beresowski sowie Ahmed Zakajew an, beide erbitterte Putin-Gegner. 2006 wurde er britischer Staatsbürger; wenig später traf er sich mehrfach mit zwei Russen, die ihm der Londoner Staatsanwaltschaft zufolge in der Pine Bar des Millennium-Hotels das radioaktive Gift in den Tee mischten.

Nach Litwinenkos Tod dauerte es beinahe zwei Wochen, bis Scotland Yard den „ungeklärten Todesfall“ des Putin-Kritikers als Mord bezeichnete. Tatsächlich erlaubt ein Gesetz von 2006 ausdrücklich die Ermordung sogenannter Extremisten durch russische Staatsorgane im Ausland. Zu Extremisten zählt das Gesetz auch jene, die „den Staatspräsidenten verleumden“. Die Entscheidung über staatliche Hinrichtungen fällt dem Gesetz zufolge allein der Präsident.

Ein halbes Jahr nach dem Mord erhob die Kronanwaltschaft Anklage gegen den russischen Staatsbürger Andrej Lugowoj, der seine Unschuld beteuert. Lugowojs Auslieferung nach London lehnte der russische Generalstaatsanwalt ab; mittlerweile sitzt der Geschäftsmann für die ultranationalistischen Liberaldemokraten in der Staatsduma.

Dutzende Zeugen sagen aus

Später beschuldigten die britischen Ermittler auch Lugowojs Begleiter Dimitri Kowtun. Dass gegen den früheren Kellner des Hamburger Restaurants „Il Porto“ die dortige Staatsanwaltschaft wegen möglicher Vorbereitung eines Strahlungsverbrechens sowie unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen ermittelte, interessierte die Londoner Strafverfolger lange überhaupt nicht.

Bis Ostern sollen nun Dutzende Zeugen öffentlich Auskunft geben. Dazu gehören in den nächsten Tagen Beamte von Scotland Yard, die behandelnden Ärzte sowie die Witwe Litwinenkos. Sie werden unter Owens Aufsicht von Kronanwalt Robin Tam befragt. Vier Parteien – neben Marina Litwinenko und Scotland Yard auch das Innenministerium und die britische Atombehörde AWE – haben zudem das Recht, eigene Fragen zu stellen. In einer späteren Phase der Untersuchung wird es auch Zeugenaussagen hinter verschlossener Tür geben.

Verlesen wurden am Dienstag auch Lugowojs Mordtheorien. Demzufolge hat entweder der britische Auslands-Geheimdienst MI6 seinen bezahlten Agenten umgebracht. Oder Litwinenko fiel seinem früheren Gönner Beresowski zum Opfer. Letzterer starb im März 2013, wohl durch Suizid. Lugowoj ließ die Einladung zu einer Aussage per Video bisher unbeantwortet, MI6 schweigt beredt. Richter Owen hat also keine leichte Aufgabe. Bis zum Ende des Jahres will er zu einem Urteil kommen.

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